Griechenland Irgendwie sowieso

Nur keine Aufregung: In Griechenland bereitet man die antiken Stätten auf den erwarteten Ansturm der Touristen vor.

Von Richard Fraunberger

Menschenleer sind die Gassen unter der Akropolis. Plötzlich fliegen die Tauben auf. Aus allen Winkeln kommen sie nun angerannt, springen von Gemäuer und Ästen, schleichen über Steinpflaster, zwängen sich durch Zäune: braungetigerte, weiße, aschgraue - eine ganze Katzenschar sammelt sich zu Füßen einer Frau, läuft ihr hinterher, folgt ihr auf Schritt und Tritt, so wie jeden Nachmittag zwischen zwei und vier Uhr - Katzenfütterung am Aufgang zur Akropolis. Bald schon, wenn Griechenland aus dem Winterschlaf erwacht, werden es nicht nur streunende Katzen sein, die sich vor der Akropolis tummeln, sondern Touristenscharen, angeführt von Reiseleitern mit Fähnchen.

Der Dauerkrise und der notorischen Pleitegefahr zum Trotz erlebt Griechenland einen Touristenboom. Ein Rekordjahr jagt das nächste. 2016 waren es 24 Millionen ausländische Gäste, in den ersten zehn Monaten 2017 bereits 25,9 Millionen - so der Verband der griechischen Tourismusunternehmen (Sete). 2018 könnte das kleine, stets am Abgrund tänzelnde Land die Rekordmarke von 30 Millionen Besuchern brechen. Vor allem deutsche Urlauber zieht es nach Hellas. Mit 3,6 Millionen standen sie 2016 an der Spitze der Gäste. Was an der Begeisterung für die Antike liegt und an allem, was Deutschland fehlt: Sonne, Wärme, ein irrsinnsblaues Meer. Doch Griechenland profitiert ebenso von der angespannten Lage in der Türkei, in Ägypten und Tunesien und davon, dass das Horrorszenario - Austritt des Landes aus der Euro-Zone und der EU - wohl endgültig vom Tisch ist.

Fast schon kitschig: Vollmond über Kap Sounion, südöstlich von Athen gelegen. Der Tempel zu Ehren des Meeresgottes Poseidon liegt auf der Rennstrecke der Kulturtouristen in Griechenland.

(Foto: Costas Baltas/Reuters)

Seitdem Alexis Tsipras, Regierungschef und Vorsitzender der linksradikalen Partei Syriza, seine vollmundigen Wahlversprechen ins Gegenteil verkehrt hat und durchregiert, haben sich die Wogen an den Gestaden Griechenlands geglättet. Der Tourismus, die Wirtschaftslokomotive des Landes, hat wieder freie Bahn. Selbst die Flüchtlingskrise kann dem Boom wenig anhaben. Die Inseln Lesbos und Chios melden leicht steigende Besucherzahlen - trotz der Flüchtlingscamps. Wie also bereiten sich die Griechen auf die kommende Saison vor, etwa in den antiken Stätten, die zu den meistbesuchten Orten zählen?

"30 Millionen Touristen? Rekordjahr?" Am Eingang zur Akropolis zucken die Kassierer und Wächter ungläubig die Schultern. "Makári!", sagen sie, "Hoffentlich!" und schimpfen sogleich über die Politiker und die Kälte, in der sie seit Stunden stehen. Viel Arbeit haben sie derzeit nicht. Von den gut hundert Angestellten sind gerade 15 anwesend. Akropolis, Mykene, Epidauros, das ganze Land läuft winters auf Sparflamme. Es ist, als müsse sich Griechenland vom geschäftigen Sommer erholen. Ein paar Touristen aus Indien, Singapur und Libanon stehen auf den Stufen der Propyläen und schießen Selfies. Die Propyläen sind das Nadelöhr der Akropolis. Sommers stauen sich hier die Touristen bis zur Kasse am Haupteingang. Und wenn im Hafen von Piräus die Kreuzfahrtschiffe ankern, stauen sich die Passagiere auch vor der Kasse. Bis zu 45 Minuten muss man zu Stoßzeiten auf eine Eintrittskarte warten. Etwas Abhilfe könnte der einzige Ticketautomat neben der Kasse schaffen. Doch der funktioniert bis heute nicht, genauso wenig wie die neu installierten, elektronischen Schranken in der Metro Athens.

Neben dem Parthenon, an dem die Arbeit nie enden will und aus dem zwei Kräne in den Himmel ragen, bepinselt ein Archäologe Steine. Marmor wird gesägt. Arbeiter montieren Gerüste. Steinmetze hämmern und meißeln. Tägliche Arbeiten, sommers wie winters. Doch immer weniger Arbeitskräfte stehen zur Verfügung. An den Ausgrabungsstätten und in den Museen, an allen Ecken wird gespart. Stellen werden gestrichen und nicht neu besetzt, und wer dennoch Glück hat, kurzfristig als Wächter oder Gärtner eingestellt zu werden, erhält allenfalls einen Zeitvertrag. Wie eine antike Stätte langsam an die Natur zurückfällt, kann man westlich von Korinth besichtigen. Sikyon, ein vor langer Zeit ausgegrabener antiker Stadtstaat, liegt samt Theater, Tempel, Stadion und einem neu errichteten Museum bis heute brach. Der Staat hat kein Geld fürs Personal. Dabei ist es gerade die Archäologie, durch die sich die Griechen ihrer Identität vergewissern.

Personalmangel herrscht auch in Mykene, der Stadt des mythischen Königs Agamemnon. Kämen jetzt fünf Reisebusse, Jorgos Dimou wäre heillos überfordert. Doch auf dem Parkplatz liegen nur ein paar streunende Katzen und Hunde in der Sonne. Jorgos ist Wächter in der Anlage und heute ganz allein. Er leert die Mülleimer, säubert die Toiletten, schneidet ab und an das Gras oder ein paar Äste, und wenn er gar nichts zu tun hat, füttert er die Katzen und Hunde. Himmlisch schön ist es im zerfallenen Königspalast Mykene, der von einer majestätischen Bergwildnis umgeben ist. Ein Ort, der von der Stille lebt und von der Fantasie, die sich nur entzündet, wenn man nicht von Menschenmassen umzingelt ist. Gedankenverloren spaziert man durch die Ruine und steht dann staunend im kleinen Museum - mit Panoramafenstern, anschaulichen Erklärungen und prächtig ausgeleuchteten Fundstücken. Sogar Audioguides sind zu haben, kostenlos und in vier Sprachen. Ein Service, den es bis heute nicht einmal im hypermodernen Akropolismuseum gibt.

Wozu Müll wegräumen? Die Touristen kommen ohnehin, sagen sich viele

Ebenso magisch und nicht von dieser Welt ist Epidauros, das am besten erhaltene Theater des antiken Griechenland, ein halbkreisförmiger Kessel aus 55 verwitterten Kalksteinreihen, hineingebaut in den mit Eichen bewachsenen Hang des Kynortion. 14 000 Zuschauer finden im Theater Platz, in dem jeden Sommer klassische Stücke aufgeführt werden. Mutterseelenallein steht eine Koreanerin in der Mitte des Theaters und fotografiert das antike Wunder. Oberhalb der letzten Sitzreihe fegt Dimitris Makridis Laub und Eicheln. Seit zwei Jahren arbeitet er in Epidauros, ist Wächter, Putzmann, Schneeschipper und Gärtner. "30 Millionen Besucher? Vorbereitungen für die Saison?" Dimitris blickt etwas ratlos drein. "Wir tun, was wir immer tun", sagt er und meint den Frühjahrsputz. Es ist wie in allen antiken Stätten Griechenlands, auf der Akropolis, in Mykene, Delphi, Knossos. Unkraut jäten. Hecken, Gras und Bäume stutzen. Müll entsorgen. Museum und Souvenirläden auf Hochglanz bringen. Gäbe es etwa mehr zu tun, nur weil ein paar Touristen mehr kommen?

Reiseinformationen

Anreise: von München nach Athen fliegen verschiedene Airlines, hin und zurück ab ca. 190 Euro.

Veranstalter: Der Studienreisenanbieter Studiosus hat mehrere Rundreisen mit Besichtigungen antiker Stätte im Programm, z. B. acht Tage "Griechenland-Höhepunkte". Neben der Akropolis werden Epidauros, Olympia und Delphi besucht, ab 1445 Euro p. P. inkl. Flug. Bei der 5-tägigen Reise "Athen" steht auch der Besuch der Markthallen auf dem Programm. Auf Wunsch kann Kap Sounion besucht werden; ab 595 Euro, www.studiosus.com

Eisern hält Griechenlands Tourismusbranche an Sonne, Strand und den antiken Hinterlassenschaften ihrer vermeintlichen Vorfahren fest. Der Tourismus ist ein Selbstläufer, der seit Jahren im Stillstand verharrt. Allein die Schönheit des Landes und die antiken Splitter zu bewerben ist wie das Ernten niedrig hängender Früchte - es geht schnell und leicht von der Hand und man muss sich nicht abmühen mit allem, was höher hängt. Kaum ist der Sommer vorüber, sperren viele Besitzer ihre Tavernen und Hotels zu, setzen sich auf weiße Plastikstühle, schwingen die Gebetskette und warten, bis ihnen in der nächsten Saison wieder Touristen über den Weg laufen. Das mag zugespitzt sein. Aber Innovation und Reformwille zählen nicht zu den Stärken der Griechen. Tourismus braucht mehr als Visionen, schöne Worte und einen Ouzo umsonst. Er braucht Taten, Durchsetzungskraft und Liebe zum Detail. Niemand scheint sich an der verrotteten, ausgedienten Wächterbude und dem achtlos ins Gebüsch geworfenen Schutt hinter dem Theater von Epidauros zu stören, am Schmuddel im Gras unterhalb der Akropolis, an rostigen Stangen und alten Kabeln auf dem Gelände von Mykene.

"Die Touristen kommen sowieso", sagen etliche Hoteliers und Restaurantbesitzer. Der Satz ist so wahr wie der Satz des Thales. Kein Land versteht es so gut, mit Besuchern umzugehen wie die Griechen. Menschen mit offenen Armen zu empfangen, mit jedem ins Gespräch zu kommen, trotz der Millionen Touristen, dafür hat dieses Land eine Begabung wie kein anderes in Europa. Gemeint ist nicht die viel gerühmte griechische Gastfreundschaft, die vielerorts ersetzt worden ist durch Service. Es ist die Art, auf Menschen zuzugehen. Die Leichtigkeit, mit der man ins Gespräch kommt, die Ungezwungenheit, Vertrautheit. Die entwaffnende Herzlichkeit der Griechen und ihre beschämende Großzügigkeit.

Genau das ist es, was nach einer Reise durch Griechenland bleibt, und was man nicht vergisst. Das ist viel in einer Zeit, in der kulturelle Eigenheiten geschliffen werden und sich die Dinge in Beliebigkeiten verlieren, in der das Lokale auf Weltreise geht und das Globale lokal wird.