Ganz schön schräg "Ich bitte Sie! Pisa!"

Der schiefste Turm der Welt steht gar nicht in Italien, sondern in Ostfriesland. Pfarrer Frank Wessels über seinen rekordverdächtigen Kirchturm.

Interview: Martin Zips

In Suurhusen im Landkreis Aurich behauptet man, über den schiefsten Turm der Welt zu verfügen. Der Neigewinkel des örtlichen Kirchturms: 5,19 Grad. Damit ist der etwa 650 Jahre alte Kirchturm von Suurhusen noch schiefer als der Campanile von Pisa. Ein Gespräch mit Pfarrer Frank Wessels, 34, dessen Turm ins Guinness-Buch der Rekorde aufgenommen werden soll.

Der schiefste Turm der Welt

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SZ: Herr Wessels, wenn Ihr Kirchturm umfällt, wo fällt er dann hin?

Wessels: Auf den Friedhof. Da mag ich gar nicht dran denken.

SZ: Und warum ist Ihr Turm derart schief?

Wessels: Der Turm wurde seinerzeit auf schwere Eichenstämme gestellt. Die Bohlen waren jahrhundertelang von Grundwasser umschlossen und wurden auf diese Weise konserviert. Vor etwa 100 Jahren aber wurde der Grundwasserspiegel in Ostfriesland abgesenkt. Da kam Luft an die Eichenbohlen. Sie verfaulten und konnten den Turm nicht mehr halten.

SZ: Gut, aber er steht ja immer noch.

Wessels: Moment. In den 1970er Jahren wurde die Kirche ausgeräumt, die Orgel verkauft und die Fenster vernagelt. Der Turm neigte sich nämlich immer weiter, also gab man die Kirche auf. Zehn Jahre später änderten die Suurhusener aber wieder ihre Meinung, sanierten die Kirche und stützten den Turm. Jetzt kommen 10.000 Menschen jährlich, allein um unseren schiefen Turm zu sehen.

SZ: Jetzt möchten Sie Ihren Turm durch einen Eintrag ins Guinness-Buch der Rekorde sozusagen unsterblich werden lassen?

Wessels: Das war nicht meine Idee. Das Guinness-Büro ist auf uns zugekommen. Kürzlich haben Vermessungsfachleute erstmals seit elf Jahren unseren Turm wieder kontrolliert. Sie stellten fest: Er hat sich abermals gesenkt. Um vier Zentimeter!

SZ: Das ist viel, oder? Welcher Turm ist denn Ihr schärfster Konkurrent?

Wessels: Der Kirchturm von Bad Frankenhausen in Thüringen. Allerdings beträgt dessen Winkel nur 4,5 Grad. Er müsste daher noch um einiges geneigt werden, um mit uns wirklich mithalten zu können.

SZ: Und Pisa?

Wessels: Ich bitte Sie! Pisa! Spärliche 4,19 Grad. Längst aus dem Rennen.

SZ: Wieder einmal liegt Deutschland also vorn. Wie verarbeiten Sie die Schieflage theologisch?

Wessels: In meinen Predigten weise ich darauf hin, dass uns das Schöne leider stets mehr interessiert als das Hässliche. Menschen mit großen, schiefen Nasen zum Beispiel werden gemieden.

SZ: Ja. Leider.

Wessels: Aber unser Turm ist ja deshalb so bekannt und beliebt, weil er so schief ist. Auch Gott mag nicht nur den Mainstream: "Der Mensch sieht, was vor den Augen ist. Gott aber sieht das Herz."

SZ: Erstes Buch Samuel.

Wessels: Vor Gott sind alle gleich.