Interview: Katja Schnitzler

Aida Infante war Chefstewardess bei der Lufthansa - bis sie zusammenbrach. Sie gibt Giftstoffen in der Flugzeugkabine die Schuld. Vor Gericht kämpft sie um ihr Recht.

Die frühere Chefstewardess Aida Infante, 42, ist schwerbehindert. Sie muss in einer chemikalienfreien Umgebung leben, ist berufsunfähig und kann meist nur mit Atemmaske aus dem Haus gehen. Schuld sei ihr früherer Traumberuf, sagt sie. Denn in den Kabinen der Flugzeuge habe sie giftige Chemikaliencocktails aus Pestiziden, verbranntem Öl und anderen Schadstoffen eingeatmet, erklärt sie. Heute berät Aida Infante andere Betroffene und klagt seit rund sechs Jahren vor dem Frankfurter Sozialgericht gegen die Bundesversicherungsanstalt für Angestellte auf Anerkennung einer Erwerbsminderungsrente und der Berufsunfähigkeit - gewinnt sie, könnte das einen Präzedenzfall für geschädigte Flugbegleiter schaffen. In Australien wurden  einer Flugbegleiterin bereits 97.000 Euro Schmerzensgeld gezahlt, nachdem sie 1992 Öldämpfen im Flugzeug ausgesetzt war und seitdem unter Atembeschwerden leidet.

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"Die Ärzte dachten, ich überlebe das nicht": die frühere Chefstewardess Aida Infante.

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Die Pilotenvereinigung Cockpit (VC), die Unabhängige Flugbegleiter Organisation UFO e.V. und die Gewerkschaft Verdi fordern die Fluggesellschaften zu einem wirksamen Schutz von Crew und Passagieren vor Gift in der Kabine auf .

Ein Sprecher der Lufthansa, bei der Aida Infante gearbeitet hatte, sagt dazu: "Im Routinebetrieb eines Flugzeugs liegt die Konzentration luftfremder Stoffe (...) im unteren Nachweisbereich der heutigen Messverfahren. (...) Die Konzentration ist vergleichbar mit der in Wohn- und Büroräumen. Sie sind aber niedriger als die Luftbelastung in Städten." (Weitere Auszüge aus der Stellungnahme finden Sie am Ende des Interviews)

 

sueddeutsche.de: Wie zeigten sich bei Ihnen die ersten Vergiftungserscheinungen?

Aida Infante: Ich begann 1988 als völlig gesunder Mensch, wir Flieger werden ja auf Herz und Nieren untersucht. Nach zwei Jahren als Stewardess litt ich nach Flügen immer öfter unter grippeähnlichen Symptomen und Kopfschmerzen, wurde vermehrt wegen Bronchitis, Lungenentzündungen und diversen anderen Entzündungen krankgeschrieben. Dazu hatte ich ständig eitrige Neben- und Stirnhöhlen.

sueddeutsche.de: Da kamen Sie aber noch nicht auf die Idee, dass dies durch Chemikalien in der Kabinenluft verursacht wurde?

Infante: Stewardess war mein Traumberuf, da dachte ich an nichts Böses. Bis mir auf einem Flug die Mandeln geplatzt sind und ich kollabierte. Heute weiß ich, dass unsere Mandeln Schadstoffe anreichern. Später kamen noch Lähmungserscheinungen, Schwindel, Konzentrations- und Sprachstörungen hinzu.

sueddeutsche.de: Waren auch Kollegen von Ihnen betroffen?

Infante: Auf meinen letzten Flug von Frankfurt nach Caracas sind im Hotel zwei Drittel der Crew zusammengebrochen, wir hatten krampfartige Kopfschmerzen, Erbrechen, Übelkeit, Atemnot, Hautflecken und Herzprobleme. Ich konnte danach kaum noch sprechen oder gehen. Mein Leben bedeutete: vom Bett zur Toilette und wieder zurück.

sueddeutsche.de: Haben Sie auf diesem Flug nach Caracas Besonderheiten wahrgenommen?

Infante: Das kann ich gar nicht genau sagen, denn dass es im Flugzeug immer wieder stark nach Öl oder Rauch riecht, war für mich so normal wie der Abgasgestank auf Autobahnen - das gehörte zum Fliegeralltag. Dabei ist die Giftkonzentration immer da, nicht nur wenn es wirklich stinkt, da die Kabinenluft aus den Triebwerken angesaugt wird. (Anm.d.Red: Die sogenannte Zapfluft kann bei mangelhafter Wartung der Mechanik oder bei Leckagen der Dichtungen im Triebwerk auch giftige Chemikalien aus erhitztem Öl enthalten.)

sueddeutsche.de: Beim neuen Dreamliner von Boeing wird die Luft nicht mehr aus den Triebwerken, sondern mit einem Kompressor über einen externen Lufteinlass angesaugt ...

Infante: Es werden sicherlich noch Insektenschutzmittel bleiben, die vor der Landung in bestimmten Ländern versprüht werden müssen und auch Flammschutzmittel im Kabinenmaterial - mit den chemischen Brandhemmern werden in der Regel sogar die Uniformen der Crew behandelt.

sueddeutsche.de: Was sagten Mediziner, als sich Ihr Gesundheitszustand immer weiter verschlechterte?

Infante: Zwei Jahre lang war ich beim Fliegerarzt, Hausarzt, bei Klinikärzten und in Diagnostikzentren - und keiner hat nach Schadstoffen gesucht. Einige behaupteten, ich würde mir alles nur einbilden. Ein Neurologe verkündete schließlich, ich hätte Multiple Sklerose und vermutlich nur noch rund zwei Jahre zu leben. Der hat sich zum Glück geirrt. Ich hatte wenige Jahre zuvor mein Baby bekommen - die ersten fünf Jahre war mein Kind nur krank, es hatte während der Schwangerschaft Schadstoffe aus meinem Körper angesammelt, so bestätigte es mir im Nachhinein mein Arzt.

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