Fledermauskolonie in Austin Aus den Fugen
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Wenn die Sonne untergeht in Austin, schwärmen sie aus: Unter einer Brücke mitten in der Stadt lebt die größte urbane Fledermauspopulation der Welt. Früher haben die Texaner die Tiere bekämpft, heute vermarkten sie sie mit Vampir-Cocktails, "Bats"-Angeboten und Stofftieren als Touristenattraktion.
So langsam zwickt es im Nacken. Wer zehn Minuten am Stück in die Höhe schaut, tut seinem Genick keinen Gefallen. Und doch tun es alle. Wie gebannt. Der junge Mann in Reihe fünf hat wohl geahnt, dass es eine Weile dauern wird, bis die Show losgeht. Vorsorglich hat er ein Sixpack Dosenbier mit aufs Boot gebracht, das nun schon seine zweite Runde auf dem Lady Bird Lake unter der Congress Avenue Bridge dreht. Architektonisch ist diese Betonbrücke nun wirklich kein Meisterwerk, von unten schon gar nicht. Trotzdem strömen immer mehr Menschen zum Ufer, je tiefer die Sonne am Horizont versinkt. Auf dem Wasser schippert inzwischen das dritte Ausflugsboot, macht aber auch noch einmal kehrt. "Schauen wir uns lieber Austins zauberhafte Skyline an", sagt Captain Chris, ein 21-jähriger Informatikstudent, der das Elektroboot an diesem Abend steuert. "Sonst seid ihr hinterher noch frustriert, wenn ihr zu lange wartet."
Etwas Geduld gehört dazu. Wer sehen will, wie Tausende Fledermäuse gleichzeitig unter der Congress Avenue Bridge hervorflattern, muss bis zum Sonnenuntergang warten.
(Foto: AFP)Geduld muss haben, wer das Spektakel in der schwül-warmen Dämmerungszeit erleben will. Und kein zu großes Vertrauen in Youtube. Dort ist einer die Filme mit den 1,5 Millionen Fledermäusen, die plötzlich aus den Fugen der Congress Avenue Bridge schießen, mehr als 100 000-mal angeklickt worden. Ein riesiger, schwarzer Schwarm, der majestätisch über den Köpfen der Zuschauer flattert, mehrere Runden über der Brücke dreht und schließlich zur Futtersuche aufs texanische Land strömt. Ein Wahnsinnsanblick, den sich Captain Chris und seine Passagiere nicht entgehen lassen wollen. Wenn er denn kommt.
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Am Ufer steht zur selben Zeit ein Mann, der mit seinem Anzug und der Krawatte nicht ganz zu den Mittzwanzigern passt, die in T-Shirts und Shorts auf die Fledermäuse warten. Für James Eggers ist die Sache mit den Tieren etwas Ernstes, das soll auch seine Kleidung symbolisieren. "Wenn man in Texas als Umweltschützer auftritt, muss man an solche Dinge denken", sagt Eggers. Als Mitglied von Bat Conservation International, einer der weltweit größten Schutzorganisationen für Fledermäuse, setzt er sich seit Jahren für die kleinen Säuger ein - auch wenn das in Austin eigentlich gar nicht mehr nötig ist.
Längst hat die Stadt erkannt, dass viele der jährlich 20 Millionen Besucher wegen der weltweit größten urbanen Fledermauskolonie kommen. Auf jeder zweiten Postkarte sind die Nachtschwärmer zu sehen, bei Starbucks hängen sie riesengroß in Form eines Wandgemäldes. Selbst ein eigenes "Bat Festival" hat die Stadt zu Ehren der Brückenbewohner ins Leben gerufen. Die Fledermäuse passen gut ins Image von Austin, der trendigen, alternativen, ökologisch angehauchten Studentenmetropole, die sich mit Herzblut und Live-Musik vom ländlich-konservativen Texas abhebt.