Elektrostimulation: Muskelaufbau nach Galvanis Prinzip
Alle wollen toll aussehen, aber keiner will sich dafür wirklich anstrengen - das Paradox des 21. Jahrhunderts. Fett-Weg- Spritze, Schönheits-Chirurgie, da kommt das exotische Prinzip der Elektrostimulation wie gerufen: Ein Apparat erledigt das lästige Training, während der potenzielle Adonis auf der Couch faulenzt und futtert - schöne neue Werbewelt. Auf den Verkaufskanälen werden die skurrilsten Dinge angepriesen, wie sagenhafte Bauchweg-Gürtel oder vibrierende Schmetterlinge, die Fettpolstern und Cellulitis den Kampf ansagen. Da diese Geräte mittlerweile auch im Handel erhältlich sind, vom Sportgeschäft bis zu Großversand, gibt es wenigstens eine Hoffnung: Sie sind nicht gefährlich.
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Trotzdem kratzen solche Produkte am Image der Elektrostimulation, kurz EMS, die eine Wissenschaft für sich ist, zwar schon seit etlichen Jahren in der Rehabilitation und Physiotherapie erfolgreich eingesetzt wird, aber im Freizeitsport bisher keine Rolle spielte. Zumindest nicht bei uns. In Italien sieht das anders aus, dort kann der Kunde gleich zwischen einer Batterie handlicher Geräte wählen: Das Angebot ist so üppig, weil die Italiener eine Radsport-verliebte Nation sind und Radprofis als erste konsequent zur schnellen Erholung zwischen den Renntagen die EMS nutzten.
Bodytransforming als Training der Zukunft
Doch ein Apparat sorgt nun auch in Deutschland für Aufsehen, besonders unter den Wissenschaftlern. Das liebste Objekt der Muskelforscher in einigen Sport-Fakultäten heißt "Bodytransformer". Das Elektrostimulationsgerät trainiert den ganzen Körper simultan und wurde speziell für Fitness-Studios entwickelt. Wissenschaftliche Arbeiten setzen sich damit auseinander. Als erste waren die Fitness-Trendsetter der Uni Bayreuth mit ihm verkabelt. Die Ergebnisse von Projektleiter Wend-Uwe Boeckh- Behrens und seiner Crew: Rückenschmerzen gingen stark zurück oder verschwanden ganz, auch konnten Fälle von Harninkontinenz kuriert werden, weil das Gerät ausnahmslos alle Skelettmuskeln aktiviert - auch die im Körper befindlichen wie Beckenboden und Zwerchfell.
Darin sieht Prof. Dr. Ingo Froböse von der Deutschen Sporthochschule in Köln ein gewisses Risiko: "Einige unserer Studienteilnehmer klagten über ein Missempfinden während des Trainings, doch die Ergebnisse können sich sehen lassen". Nach einem sechswöchigen Training waren 15 Frauen mit schwerer Cellulitis nicht geheilt, aber mit ihrer veränderten Figur "sehr zufrieden". Und auch die Kölner konnten die chronischen Rückenschmerzen von 15 Probanden lindern und sie fit machen für den Alltag. Bald wird sich auch die Uni Bremen an den "Bodytransformer" anschließen. Der Name des Geräts klingt zugegebenermaßen etwas martialisch, doch hat sein Erfinder so gar nichts von einem Frankenstein - außer vielleicht den legitimen Wunsch, ein paar Dingen auf den Grund zu gehen. "Als Zahntechniker wollte ich unbedingt wissen, wie ein bestimmter Kiefermuskel arbeitet", sagt Karl-Heinz Rippe. Und als der Pionier das Prinzip verstand, fragte er sich, wieso die Menschen so altmodisch trainieren und entwickelte seinen Stromkasten.
Elektrizität wirkt aber auf viele Menschen bedrohlich und gerade im Sport etwas deplatziert. Doch was so fremd anmutet, ist ganz natürlich, denn der Mensch steht ständig unter Strom. Das hat nichts mit Stress zu tun und war schon so, bevor irgendjemandem auf der Erde auch nur ein kleines Licht aufging. Dieses genetische Phänomen heißt Bio-Strom und veranlasste bereits Ärzte im alten Ägypten dazu, einige Leiden mit Zitteraalen zu behandeln. Wohl ahnend, dass Elektrizität und Muskeln irgendwie zusammengehören. Galvani war es dann, der den Zusammenhang mit Hilfe zuckender Froschschenkel demonstrierte: Die Kontraktion der Skelett-Muskulatur basiert auf einem elektrischen Energiefluss. Vom Gehirn ausgelöst, jagt der Impuls über die Nervenbahnen hinein in den Muskel. Dessen einzige Reaktion: Er zieht sich zusammen, etwas anderes kann er ja nicht. Die Eletrostimulation funktioniert genauso, nur nimmt sie den Weg über die Haut und steuert die verkabelten Muskeln direkt an. Diese Form des statischen Krafttrainings besitzt durchaus Vorteile gegenüber einem Workout mit Gewichten: Die Intensität der Muskelkontraktion lässt sich an einem Schalter beliebig regeln. So können Kontraktionen provoziert werden, die willentlich kaum möglich wären. Das klingt brutal. Aber anders moduliert, lindert der Strom Schmerzen, löst Verspannungen oder Blockaden und aktiviert verkümmerte, durch Schonhaltungen atrophierte Muskeln. Natürlich stärkt er auch die gesunde Muskulatur - und schont dabei die Gelenke.
Aber eine Illusion sei sofort genommen: Erfolg gibt es nicht ohne Schweiß und Tränen. Wer mit dem Medium der Elektrostimulation seine Muskeln kräftigen will, muss mit der gleichen Intensität und Konzentration zu Werke gehen wie auf der Hantelbank. Es ist auch kein Unterschied, ob das Training am "Bodytransformer" im Fitness-Studio stattfindet oder an den kleinen tragbaren Geräten des täglichen Lebens, wie zum Beispiel von "Compex" oder "Cefar" - ohne entsprechenden Einsatz bleiben die Erfolge aus.
(Tanja Rupprecht-Becker)
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