Die Leiden eines Hypochonders zur Frühlingszeit

Ach, der Frühling. Es blüht, es grünt, die Gefühle übermannen uns. Die Cabriodächer öffnen sich und die hübsche Kollegin kommt wieder bauchfrei ins Büro. Ich gebe es ja zu, der Frühling hat seine angenehmen Seiten. Andererseits überwiegen doch eindeutig die Probleme, die diese angeblich so unbeschwerte Jahreszeit mit sich bringt. Jedenfalls sind die Frühlingsgefühle, die sich bei mir einstellen, von eher zweifelhafter Art. Man könnte auch sagen: Ich fürchte mich vor dem Frühling.

Frühlingswiese

Mit den ersten Sonnenstrahlen erblühen langsam die Frühlingswiesen. (© Foto: DPA)

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Schon allein der Blick auf die Waage: O Gott! Jetzt heißt es abspecken, sagen meine Freunde. Diät! Kohlsuppe schlürfen, nach Low-Fat-Rezepten kochen, jeden Morgen 37 Liegestützen machen. Das kann nicht gesund sein. Im Gegenteil: Gewaltkuren dieser Art schädigen meinen Körper mehr als zwei Schachteln Zigaretten am Tag, davon bin ich fest überzeugt. Ganz abgesehen von all den anderen grässlichen Gefahren, die jetzt lauern: Pollenflug, Allergien, gestörter Biorhythmus, Frischluftvergiftung. Alles Dinge, die meinen vom Winter ohnehin schon geschwächten Body weiter anfällig machen für schlimme Krankheiten wie SARS oder Schnupfen. Ein Wunder überhaupt, dass ich so alt geworden bin. Wo doch das Unheil täglich zuschlagen kann. Mein hundertprozentiger Verdacht an Ebola zu sterben, hat sich überraschenderweise nicht bestätigt, und das Kopfweh von neulich war kein Symptom für die Vogelgrippe, sondern, nun ja, Kopfweh. Noch mal Glück gehabt. Noch mal überlebt.

Frischluftvergiftung und Biorhythmus-Gau

Jaja, ich weiß, ich bin Hypochonder. Das sagen alle, und wahrscheinlich haben sie Recht. Nur: Das macht es nicht besser. Denn jedesmal sage ich mir: Gut, normalerweise bildest du dir jede Krankheit ein. Aber diesmal hast du sie wirklich! Diesmal ist es Malaria. Oder die Legionärskrankheit. Es läuft immer gleich ab. Jeden Morgen sofort nach dem Aufwachen mit bangem Gefühl der erste Check: Bin ich okay? Alle Körperfunktionen in Ordnung? Oberflächlich gesehen offenbar ja, es reicht zum Aufstehen, zum ins Bad gehen. Doch schon unter der Dusche dann erste Zweifel: Dieses komische Ziehen im linken Oberarm - erstes Zeichen einer beginnenden Lähmung? Ja, wirklich, es scheint gerade schlimmer zu werden! Muss ich sofort zum Arzt oder soll ich mich noch ins Büro schleppen?

Es gibt Leute, die mich mit dem Hinweis zu beruhigen versuchen, all die tödlichen Krankheiten seien enorm selten oder ausgerottet oder kämen nur in Fernost vor. Nichts davon kann mich überzeugen. Denn selbst wenn nur jeder Zehnmillionste plötzlich erkrankt - wer sagt denn, dass nicht gerade ich dieser Zehnmillionste bin? Einen muss es ja treffen.

Die beste Strategie ist, einfach alles zu ignorieren, was einen in die Krankheitskrise stürzen könnte. Medizinische Artikel à la "So bleiben Sie gesund" nehme ich längst nicht mehr zur Kenntnis. Denn die haben bei mir kontraproduktive Wirkung, bin ich doch überzeugt: Wer nicht alle Vorschriften genau einhält (cholesterinarme Ernährung, Power- Fatburning, täglich zehn Kilometer Joggen), bekommt umgehend die schauerlichsten Krankheiten. Also ich. Besonders hinterhältig sind Zeitschriften-Checklisten, die bestimmte Risiken ausloten sollen: "Wer mehr als drei Risikofaktoren ankreuzt, sollte sich einmal untersuchen lassen." Ich kreuze üblicherweise von 20 Faktoren 20 an, habe die Krankheit also bereits im Endstadium.

Nun also steht als neueste Herausforderung der Frühling vor der Tür. Besonders unerträglich dabei ist ja, dass alle meine Bekannten diese Monate so zauberhaft, so erfrischend, so aufregend finden und das auch täglich artikulieren: "Ich fühle mich, als könnte ich Bäume ausreißen!" Wobei diese Menschen andererseits auch unter starkem Aktivitätszwang und Erfolgsdruck stehen. Wehe, wenn sie nicht in zwei Wochen schlank und fit sind! Schrecklich, wenn sich die schicke Nachbarin im Straßencafé völlig uninteressiert zeigt. Da haben es wir Hypochonder doch besser. Wir sind schon froh, wenn wir den Frühling überleben.

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(Arno Makowsky)