Finnland Nichts für Warmbader

Helsinki hat ein Freibad im Hafen. Man schwimmt neben Schiffen und Eisschollen - und hat den Präsidentenpalast als Kulisse.

Von Steve Przybilla

Es ist Hochsommer in Helsinki, aber das muss nichts heißen. Während sich die Möwen am Himmel kaum halten können, wirft sich der Bademeister am Boden erst mal eine Regenjacke über. Sprühregen, Wolken, Windböen - die finnische Urlaubssaison kann tückisch sein. Doch von solchen Kleinigkeiten lassen sich die Schwimmer im Allas Sea Pool nicht die Laune verderben. Das Freibad liegt mitten im Hafenbecken, abgetrennt nur durch ein paar hölzerne Pfosten und einen Steg. Die Wassertemperatur ist stets dieselbe wie in der Ostsee - an diesem Tag exakt zehn Grad.

"Dieser ganze Ort ist unglaublich finnisch", sagt die 20-jährige Iris Nurminen, während sie aus dem kalten Becken klettert. "Wir gehen gerne in die Sauna, springen ins kalte Wasser und trinken danach noch ein Sauna-Bier. Genau das kann man hier machen, und zwar mitten in der Stadt." Man muss dazu sagen, dass Nurminen im Allas Sea Pool arbeitet und dadurch vielleicht nicht die neutralste Person ist. Davon unabhängig scheint ihr Helsinkis neue Attraktion aber auch privat zu gefallen: "Ich arbeite an der Kasse und gehe nach der Arbeit oft schwimmen. Wenn ich keinen Spaß daran hätte, würde ich das ja nicht machen." Im Winter sei die Stimmung sogar noch besser: "Da treiben Eisschollen um uns herum, während wir im Wasser schwimmen. Das ist schon ein besonderes Gefühl."

Natürlich gibt es auch unter den abgehärteten Finnen viele, die schon bei der bloßen Vorstellung eines Eisbades eine Gänsehaut bekommen. Deshalb hat das Hafen-Schwimmbad vorgesorgt: Neben dem Ostsee-Becken gibt es ein gechlortes und ein beheiztes Becken. Letzteres ist auch zur Sommerzeit am vollsten. Es erinnert mit seinen 25-Meter-Bahnen an ein ganz normales Schwimmbad. Wäre da nicht der Ausblick. Direkt hinter dem Becken schippern Fähren und Kreuzfahrtschiffe umher, während sich ausgepowerte Schwimmer auf den Sonnenliegen trocknen lassen.

Gleich neben dem Bad finden Besucher Kneipen, Restaurants und Sehenswürdigkeiten

Seit September 2016 ist das Hafen-Schwimmbad offiziell in Betrieb. Lange war unklar, ob es die neue Attraktion überhaupt jemals geben würde. Zum einen wegen der Kosten: Um das Projekt zu stemmen, sammelten die Betreiber nach eigenen Angaben etwa 1,7 Millionen Euro per Crowdfunding. Zum anderen wegen des außergewöhnlichen Konzeptes: "Wir befinden uns direkt gegenüber dem denkmalgeschützten Präsidentenpalast", erzählt Timo Metsälä, der Geschäftsführer von Allas Sea Pool. Viele Einwohner hätten einen zu großen Eingriff in die vorhandene Architektur befürchtet. Auch über die Sicherheit der Badegäste wurde lange diskutiert. "Hier fahren sehr viele große Schiffe direkt neben dem Becken", ergänzt Metsälä. "Da war es schwierig, eine Baugenehmigung zu bekommen." Mit viel Geduld und noch mehr Lobbyarbeit ist es schließlich gelungen.

Von außen betrachtet sieht Allas Sea Pool aus wie eine Mischung aus Beach Bar und Hotel-Swimmingpool, allerdings mit höheren Preisen. Der Barmann hinter dem Tresen verlangt 8,50 Euro für eine Flasche Bier; die gleiche Summe müssen Schwimmer bezahlen, wenn sie ein Badetuch ausleihen möchten. Die Sonnenterrasse wiederum ist auch von außen zugänglich, weshalb sich ein Tourist nach dem anderen über die Brüstung beugt, um Schwimmer zu fotografieren - sicherlich nicht jedermanns Sache.

Und doch wird die neue Attraktion gut angenommen. Rund 60 Prozent der Nutzer sind Einheimische, den Rest bilden Touristen. "Wir sind seit Mai 2017 profitabel", sagt Metsälä, sichtlich stolz über das Erreichte. Für ihn ist der Hafenpool eine Art Geschenk an die Allgemeinheit: Als Normalbürger habe man normalerweise keinen Zugang zum Hafen. "Da dürfen höchstens ein paar Lieferautos parken, und das war's dann." Bei Allas Sea Pool seien hingegen alle willkommen - nachdem sie den Eintritt bezahlt haben, versteht sich.

Am späten Nachmittag ändert sich das Wetter. Die Wolken lösen sich auf, die Sonne taucht das Hafen-Schwimmbad in eine gemütliche, orangefarbene Aura. Tatsächlich wird auch das Schwimmbecken schnell voller, zumindest das beheizte der drei Becken. Ein paar Krauler ziehen im Olympia-Tempo an den Plantschern vorbei, während andere sich auf den Heimweg machen, um auf dem benachbarten Marktplatz einen Teller mit Lachs zu essen. Die Nähe zu Kneipen, Restaurants und Sehenswürdigkeiten ist sicherlich auch ein Grund, warum Allas Sea Pool kaum jemand übersieht.

Hinweis

Die Recherchereise für diesen Beitrag wurde zum Teil unterstützt von Veranstaltern, Hotels, Fluglinien und/oder Tourismus-Agenturen.

Der IT-Experte Tom Gathey hat das Hafenschwimmbad zum ersten Mal ausprobiert. "Ich arbeite schon länger in Helsinki, hatte davon aber noch nie etwas gehört", sagt der 46-Jährige. Sein Urteil? "Fantastisch zum Schwimmen, auch wenn die Becken mit 25 Metern nicht zu den größten gehören." Manchmal sei ihm die Konzentration etwas entglitten, gesteht Gathey. "Ich habe ständig auf die Kulisse geguckt und den Booten nachgeschaut. Da hätte ich fast das Schwimmen vergessen." Überhaupt gebe es in Helsinki unglaublich viele gute Schwimmbäder, meint der Zugezogene. "Wir haben hier sogar einen offiziellen Nacktpool. Auch darin war ich schon schwimmen."