Filmfestival von Locarno "Freiheit wird hier gelebt"

Autorenkino, Dokumentarfilme und internationale Projekte: Das Festival del film Locarno verkörpert das erstarkte kulturelle und politische Selbstbewusstsein des Kantons Tessin.

Von Stephanie Schmidt

Eine kleine Stadt am Lago Maggiore, mit Palmen, Kamelien, viel Sonne, Strand und Bergblick. Locarno - das ist Dolce Vita. Locarno - das ist Revolte. Bereits seit 1946 wird hier jeden August das internationale Festival del film gefeiert, und seitdem kann man hier Filme sehen, die selten gezeigt werden, keine süßlichen, sondern kritische; solche, die auf Missstände hinweisen, solche, die einem andere Kulturen näherbringen. In der Anfangszeit zeigte man Werke des Neorealismo, die sich der Misere Italiens nach dem Krieg widmeten. Man wagte es, während des Kalten Krieges sowjetische Filme zu präsentieren. Für Marco Solari, seit 2000 Präsident des Filmfestivals, ist das elftägige Ereignis Ausdruck des kulturellen und politischen Selbstbewusstseins des Tessins. "Freiheit ist hier kein ausgehöhlter Begriff. Freiheit wird hier gelebt", sagt der 72-Jährige. "Bis heute hat sich die Bevölkerung, wieder und wieder, auf die Seite des Mutigen, Politischen, Inhaltlichen, des an die und über die Grenzen Gehenden gestellt, obwohl es Riesen-Polemiken gab und gibt. Das ist das Wunder von Locarno."

Zur Zeit der 68er-Bewegung präsentierte man "Contes immoraux" von Walerian Borowczyk oder den Skandalfilm "Die 120 Tage von Sodom" von Pier Paolo Pasolini. Dass die Kirche und konservative Kreise protestieren, kommt seit Entstehen des Festival del Film Locarno immer wieder vor, doch die künstlerischen Direktoren setzten sich durch, einer nach dem anderen. Provozierende und politische Inhalte seien unverzichtbarer Bestandteil des Programms, darin waren sich und sind sich die Macher einig. Carlo Chatrian, seit 2012 künstlerischer Leiter, will die ganze Bandbreite des Films zeigen; er pflegt die Tradition des Autorenkinos und Formate wie die "Settimana della critica" - an sieben Vormittagen werden sieben Dokumentarfilme gezeigt. Chatrian interessiert sich auch für jüngere, noch weniger etablierte Regisseure. So lief zum Beispiel im vergangenen Jahr der Film "Tikkun" des israelischen Regisseurs Avishai Sivan, der sich mit dem orthodoxen Judentum beschäftigt.

An lauen Sommerabenden kommen Tausende zum Freiluftkino auf die Piazza Grande.

(Foto: Massimo Pedrazzini/Festival del Film Locarno)

"Wir sind kein Florida der Schweiz", betont Marco Solari, hier herrschte einst das Elend

Das hat Flair, wenn man an einem lauen Sommerabend auf der Piazza Grande einen Film auf der Großleinwand ansehen kann. Manchmal strömen mehr als 8000 Zuschauer zu diesem Anlass auf den Platz im Herzen der Stadt. Allzu Leichtfüßiges aber bleibt im Spielplan außen vor, zugunsten von ernsthaften, ungewöhnlichen, die Realität ungeschönt darstellenden Beiträgen. "Wir sind kein Florida der Schweiz", betont Marco Solari. Er kämpft gegen dieses Bild an, das sich formte, seit Urlauber nach dem Bau des Gotthard-Eisenbahntunnels Ende des 19. Jahrhunderts in Scharen in den Kanton strömten. Das Filmfestival helfe dabei, sich von folkloristischen Klischees zu lösen. Aber es steckt noch mehr dahinter. Um zu verstehen, warum es ein Stück Identität des Tessins darstellt, muss man eine Zeitreise in die Vergangenheit unternehmen - bis ins Mittelalter. Die Geschichte des Kantons prägt ein ständiger Kampf um Identität und Unabhängigkeit, auch aufgrund der geografischen Lage: Die Bevölkerung lebte jahrhundertelang in einem umkämpften Spannungsfeld, weil sowohl die Schweizer Eidgenossen als auch die Mailänder Herzöge den strategisch wichtigen Gotthardpass als kürzeste Verbindung zwischen dem Norden und dem Süden unter Kontrolle bringen wollten. Seit 1516 wurden die Tessiner Täler als Vogteien von der Schweizer Eidgenossenschaft regiert und ökonomisch ausgebeutet. "In dieser schönen Landschaft herrschte Elend, es kam zu Hungersnöten. Es gibt keine Familie im Tessin, die nicht ihre Emigranten hat", sagt Solari. Nachdem Napoleon 1798 die Schweiz erobert und das Tessin befreit hatte, stellte er es der Bevölkerung frei, Mitglied der Republik Italien oder innerhalb der Schweiz ein selbständiger Kanton zu werden. Sie entschied sich für Letzteres. "Ein eigenständiges Tessin muss unbedingt auf eigenständige kulturelle Veranstaltungen setzen", sagt Solari mit leidenschaftlich klingender Stimme. Seine Argumentation überzeugt das Tessiner Parlament, das seit Jahren mit überwältigender Mehrheit einen Zuschuss von 2,5 Millionen Schweizer Franken für das Festival bewilligt. Auch die Sponsoren, von denen so mancher dem Festival jahrzehntelang bis heute treu blieb, und die auch angesichts von wirtschaftsfeindlichen Filmen Toleranz zeigten. 40 Prozent der Kosten des Ereignisses tragen Sponsoren, 40 Prozent die Politik, 20 Prozent bestreitet das Festival aus Eigenmitteln.

Einen Namen hat sich das Festival del film Locarno auch wegen seiner Retrospektiven gemacht. In diesem Jahr beleuchtet es unter dem Motto "Geliebt und verdrängt" Filmschaffende der jungen Bundesrepublik Deutschland zwischen 1949 und 1963 in Kooperation mit dem Deutschen Filminstitut in Frankfurt am Main. "Ich bin mit den Filmen der Nouvelle Vague aufgewachsen und schätze den frischen Wind, den sie mit sich brachte. Gleichzeitig finde ich es wichtig, das Kino der 50er-Jahre ohne Vorurteile zu betrachten und es zu würdigen", sagt Carlo Chatrian. Das westdeutsche Kino sei das "hervorragende Beispiel einer Kunst, die viel zu schnell abgeschrieben und als rein kommerzielles Produkt angesehen wurde".

SZ-Karte

Das Festival ist auch eine Art von Film-Werkstatt. So unterstützt zum Beispiel das Format "First Look" Projekte in Postproduktion eines bestimmten Landes: Im Fokus ist in diesem Jahr Polen - nach Israel, Brasilien und Chile. Eine Reihe ausgewählter polnischer Produzenten werden nach Locarno eingeladen, wo sie Gelegenheit erhalten, Repräsentanten der internationalen Filmindustrie von ihren Werken zu überzeugen. Südasien ist im Scheinwerferlicht der Initiative "Open Doors", die 2016 mit einem neuen Konzept aufwartet - für die nächsten drei Jahre fördert sie das bislang wenig bekannte Filmschaffen von Ländern wie Afghanistan, Pakistan, Bangladesch, Myanmar, Nepal und Sri Lanka.

"Wir wollen jedoch nicht nur ein kultureller Leuchtturm sein, sondern auch das politische Gespräch fördern", betont Marco Solari, der während seiner Laufbahn verschiedene Führungspositionen in der Wirtschaft und im Tourismus bekleidete. Als Beispiel nennt er den Diplomatentag, der auch in dieser Saison stattfindet. 2015 waren anlässlich des Festivals circa 60 Botschafter an den Lago Maggiore gereist. Als "meine Mission" betrachtet es der Präsident des Filmfestivals, auch künftig das Inhaltliche statt Glamour zu fördern.

Festivalpräsident Marco Solari sieht seine "Mission" darin, gesellschaftliche Missstände anzuprangern und Diskussionen zu entfachen.

(Foto: Festival del Film Locarno)

Ein wenig Show braucht es bei einem solchen Ereignis freilich schon. Die besten Regisseure und Darsteller werden in Locarno mit "Pardi" - "Leoparden" - geehrt. Das Symbol der dynamischen Raubkatze passt gut zum Charakter des Festivals. Die wichtigste Trophäe ist der "Pardo d'oro" für den besten Film, der mit 90 000 Schweizer Franken dotierte "Goldene Leopard". 2015 ging er an "Right Now, Wrong Then" des südkoreanischen Regisseurs Hong Sang-soo. Als Preise für Kurzfilme werden "Pardini" - "Kleine Leoparden" - vergeben. Für die Gäste, von denen viele aus Deutschland, der Schweiz und Italien anreisen, sind nicht nur die Filme interessant, sondern auch das ganze Drumherum zieht sie an. Das können Begegnungen mit Schauspielern und Regisseuren sein, das mag ein Event in einer Bar sein oder der Besuch der Summer Academy. Dort können sich junge, talentierte Menschen mit Berufen des Filmbusiness vertraut machen.

Vom 3. bis 13. August präsentiert das 69. Festival del film Locarno mehrere Hundert Filme. Das genaue Programm wird Mitte Juli bekanntgegeben. Nähere Informationen: www.pardolive.ch