Fernbusfahren im Selbstversuch Auf Zickzackkurs durch die Republik

(Foto: Jenny Adam)

Seit Anfang des Jahres dürfen Fernbuslinien in Deutschland verkehren. Aber kommt man damit tatsächlich vom Fleck? Unsere Autorin hat versucht, das Land von West nach Ost zu durchfahren. Drei Tage lang.

Von Eva Thöne

Tag 1: Von Isenbruch nach Düsseldorf

Am westlichsten Punkt Deutschlands friere ich, umgeben von schneebedeckten Äckern, unter weitem grauen Himmel. Der Grenzstein neben der Straße ist so unauffällig, dass man fast übersieht, wenn man plötzlich mit einem Bein in den Niederlanden steht. Von hier, dem Dorf Isenbruch in der nordrhein-westfälischen Gemeinde Selfkant, starte ich heute einen Road Trip einmal quer durch Deutschland bis zum östlichsten Punkt: Neißeaue in Sachsen. Und zwar mit dem Bus.

Schließlich sind seit Anfang dieses Jahres Fernbuslinien in Deutschland erlaubt, nachdem sie fast 80 Jahre lang zum Schutz der Bahn vor Konkurrenz verboten waren. Weil die Fernbusse bislang aber vor allem große Städte anfahren, muss ich ab Isenbruch erst einmal Regional- und Stadtlinien bis zum Hauptbahnhof in Mönchengladbach nehmen. Von dort komme ich laut der Homepage des Verkehrsverbands Rhein-Ruhr mit mehrmaligem Umsteigen bis zum Düsseldorfer Hauptbahnhof, dem Etappenziel.

In Isenbruch ist der Bus fast leer. Nur Michele und Susana, zwei 15-Jährige mit Kajalaugen und Röhrenjeans, drücken sich in der letzten Reihe auf den Sitzen herum, die mit ihrem blau-rot-gelbem Quadratmuster an das Computerspiel Pac-Man erinnern. Draußen ziehen rote Klinkerbauten mit gepflegten Vorgärten vorbei, in die der Bus lustvoll Schneematsch spritzt. Wenn man hier im Selfkant aus dem Fenster schaut, wird klar, warum das deutsche Busgefühl bislang kaum kompatibel ist mit Aufbruch und genussvollem Unterwegssein. Dass sich Peter Fonda als Aussteiger Wyatt in "Easy Rider" bei seiner Flucht vor gesellschaftlichem Zwang auf eine Harley Davidson schwingt und nicht an einer Haltestelle auf den nächsten Bus wartet, verwundert hierzulande wenig: Denkt der Deutsche an Busreisen, graust ihm beim Gedanken an zusammengepferchte Rentner, die auf einer Kaffeefahrt zum Kauf von Heizdecken gezwungen werden.

Draußen hängt eine neongelbe Werbung für eine Après-Ski-Wanderdisco einsam über einem Acker, der frisch gedüngt riecht. Zu der Party in Süsterseel wollen Michele und Susana auch. Ansonsten fällt ihnen aber fast nichts ein, was man so unternehmen kann, wenn man jung ist und am westlichsten Zipfel Deutschlands lebt. "In Geilenkirchen gehen wir in den McDonald's, und in Oberbruch gibt es im Cheetah ziemlich gute Musik, aber da werden die Ausweise kontrolliert." Trotzdem wollen die beiden auch für ihre Ausbildung im nächsten Jahr hierbleiben. Vielleicht wollen sie so wenig wissen vom Aufbruch, weil der Selfkant trotz Dunggeruch kosmopolitisches Flair ausstrahlt: zumindest nachts, wenn der Himmel zwischen Millen und Tüddern orange leuchtet von der Hochhaussiedlung in der niederländischen Stadt Sittard, wo Michele und Susana manchmal zum Shoppen hinfahren.

Nach Zwischenhalten in Höngen, Heinsberg und Erkelenz stehe ich am Busbahnhof von Mönchengladbach, wo mich der Fahrer hilfsbereit darauf hinweist, dass man mit dem Bus dreimal umsteigen muss, die S-Bahn aber nur 40 Minuten bis zum Düsseldorfer Bahnhof braucht. Ich fahre dennoch eine Zick-Zack-Route, für die das Wort "Rumgurken" wohl erfunden wurde. Viele der ausgeschilderten Orte enden hier auf "broich", und fast jede Imbissbude vor den beschlagenen Busfenstern beginnt mit "Schlemmer-" . "Normalerweise kriegen die Leute den Anschluss immer", hat der Busfahrer noch ganz harmlos gesagt. Kurz darauf sprinte ich vergeblich durch Korschenbroich. Provinz sei keine Gegend, sondern eine Einstellung, hat mal jemand gesagt. Der war aber bestimmt noch nicht hier, denke ich, ein wenig bockig, weil ich verfroren an einer zugigen Haltestelle warten muss.

Durch den verpassten Anschluss brauche ich länger als zwei Stunden für die 30 Kilometer zwischen Mönchengladbach und Düsseldorf. Im Düsseldorfer Industriegebiet ruckeln wir im Feierabendverkehr nur langsam voran. An einem Laternenpfahl wirbt ein neongelbes Plakat für eine Ü30-Party, aber es riecht nicht nach Dung, sondern fruchtig und nach Kräutern zugleich. Der Busfahrer zeigt mit dem Finger nach links: An der Eupener Straße steht eine Teefabrik, die Aromen in die kalte Winterluft pustet.