Reisen mit Erwachsenen Familienurlaub? So weit kommt's noch

Sie müssen nicht gleich ins kleinste Boot steigen, um sich näherzukommen.

(Foto: Anthony Ginsbrook/Unsplash)

Urlaub mit der erwachsenen Familie, mit Eltern oder Geschwistern, kann die Augen öffnen: So tickt die Verwandtschaft wirklich. Ein lohnendes Abenteuer.

Von Katja Schnitzler

Familienurlaub ist gesetzt. Zumindest wenn man nicht älter ist als 13 Jahre. Spätestens dann wird es kompliziert, denn die Eltern benehmen sich aus irgendeinem Grund immer peinlicher. Dabei hatte es früher niemanden gestört, dass der Vater mangelnde Sprachkenntnisse mit Gesten und Lauten wettmachte. Etwa beim Einkauf, Ziel waren möglichst frische Eier. Vater: "Gack-gack?" Verkäufer: "...?" Vater (wedelt mit den Ellenbogen wie Mick Jagger): "Kikerikiiii?" Verkäufer, andere Kunden, das Kind: "...???" Kind: "Papa, ich glaube nicht, dass Hähne Eier legen." Wie gesagt, irgendwann werden Eltern peinlich. Und der Nachwuchs stellt sich die Frage: Reicht es als Grundlage für einen schönen Urlaub, wenn sich die Reisepartner ein paar Gene teilen? Das fragen sich mitunter auch die Eltern.

In dieser Lebensphase gelten Ferien nicht mehr als gelungen, wenn gemeinsam mit Mutter oder Vater oder Oma, Opa, Tante, Onkel, Cousin und Cousine eine riesige Sandburg am Meer oder am Baggersee gebaut wird. Und es fehlt bei weitem noch die nötige Gelassenheit, um Marotten der engsten Verwandten länger als einen Feiertag lang mit Humor zu nehmen. Auch hat einen noch nicht die Selbsterkenntnis ereilt, dass die eigenen Ticks ebenfalls nicht ohne sind - manche bekommen dies niemals mit.

Typologie der Reisepartner

Das wird ein super Urlaub, haben sie gesagt

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Doch irgendwann, mit etwas räumlichem und zeitlichem Abstand, beginnen die nicht mehr so jungen Reisenden, die Familienurlaube von einst in einem verklärend milden Licht zu sehen: Es waren doch - sobald jemand im Markt einfach entschlossen auf die gewünschten Eier gezeigt hatte - unbeschwerte Tage. Man hatte Zeit im Überfluss und genoss diese auf fröhlichen Wanderungen (die Klagen von der Talsohle bis zur Spitze des Berges sind längst vergessen), bei spannenden Stadtentdeckungen (gut, man muss vielleicht doch nicht jede Kirche einer Metropole von innen gesehen haben) und in gemütlichen Wohnwägen ... wobei diese Enge an fünf Regentagen hintereinander auch nicht so schnell vergessen wird.

Und irgendwann kommt die Premiere: Ein freiwilliger Urlaub mit Erwachsenen, die verwandt sind. Das erste Mal wieder auf Tour mit den Eltern, oder nur mit Mutter oder Vater, die man bisher auf Reisen meist als Doppelpack erlebt hatte. Oder mit der inzwischen groß gewordenen jüngeren Schwester. Dem großen Bruder, der früher immer alles besser wusste und konnte. Wer dann unterwegs nicht den Fehler begeht, längst vernarbte Wunden wieder aufzukratzen, wird feststellen: Im Urlaub können wir die vertrautesten Menschen neu kennenlernen, entdecken ganz neue Seiten an ihnen - und sie an uns. Wenn das "Kind" dank Sprachkenntnissen oder zumindest Translater-App die Führung durch die fremde Stadt übernimmt. Wenn die Mutter aus Freude über diese Häuser, diese Giebel, diese Architektur wie ein junges Mädchen durch die Straßen hüpft. Und man spätnachts über Träume und Sehnsüchte, aktuelle und längst vergangene, sprechen kann.

Im Urlaub haben wir endlich Zeit, uns um einander zu kümmern und nicht wie an Feiertagen ums nächste Essen, die Kaffeetafel, den Rest der buckeligen Verwandtschaft. Einfach Beieinandersein. Obwohl: einfach?

Denn bei der Planung tauchen neue Probleme auf: Wer darf eigentlich mit auf die Familienreise? Der unkompliziert-liebenswerte Lebensgefährte der Schwester, der schon längst zur Verwandtschaft gehört auf jeden Fall - aber was ist mit der neuen Freundin des Bruders, die sich bislang eher als Kostverächterin und Besserwisserin hervorgetan hat? Sie könnte dem Familienurlaub eine ganz neue Dynamik bescheren, mit ungeahnten Fliehkräften. Es bleibt ein Balance-Akt.

Bitte nicht so anhänglich

Letztlich gilt für das Verreisen mit der Familie: Man muss nicht mit jedem, kann aber - nur dann eben kürzer. Und nicht in jedem Fall sollte es ein Segeltörn ohne Hafenstopps sein. Doch wenn man sich für Urlaub mit der erwachsenen Familie entschieden hat, muss einem klar sein: Gemeinsam reisen ist immer ein Kompromiss. Auf diese sozial speziellen Gruppenreisen muss man sich bewusst einlassen, sonst kann man gleich über unnütz aufgewendete Urlaubszeit klagen. Zum Glück muss man ja nicht 24 Stunden am Tag aufeinander kleben. Während die einen glücklich die hinterletzte Kapelle auf ihrer Gotteshaus-Liste abhaken, sitzen die anderen entspannt im Café und finden das einfach himmlisch.

Spätestens mit eigenen Kindern ist es gar nicht mal so unpraktisch, Oma und Opa ein paar Tage mit dabei zu haben, die außer ein paar Koffern wieder viel Zeit füreinander und die Enkel mitbringen. Oder den Lieblingsonkel, der sich in wirklich jeder Sprache fließend verständigen kann: "Donde ist der shortest way a la playa?" Früher hätte man sich in Grund und Boden geschämt, heute freut man sich über den liebenswerten Enthusiasmus. Und alle kommen schneller an den Strand.

Was haben Sie mit Ihrer Familie erlebt?

Welche Anekdote von Ihrer Familienreise bleibt unvergessen, was war - vielleicht erst im Nachhinein - unfassbar komisch? Schreiben Sie uns in aller Kürze Ihre lustigsten, skurrilsten, denkwürdigsten Erlebnisse in Ihrem Urlaub mit Anhang. Eine Auswahl der Texte wird auf SZ.de veröffentlicht.