Fäkalien in der Nordsee Schöne Grüße von der Kot d'Azur

Naturtrübe Nordsee: Weil die Kläranlage der Stadt kein Speicherbecken hat, schwimmen am Südstrand von Wilhelmshaven Fäkalien im Meer. Für die Politiker der norddeutschen Stadt ist das aber noch lange kein Grund zu handeln.

Von Inga Rahmsdorf

Am Südstrand von Wilhelmshaven weht die rote Fahne. Der Wind treibt die Gischt über die Nordsee, und ein Schwarm Möwen kreist in Ufernähe. Trotz Badeverbots kämpfen sich einige Schwimmer durch die Wellen. Wilhelm Schönborn steht auf dem Deich und verteilt Flugblätter. Der 69-Jährige wohnt am Strand, doch er sieht sich das Meer nur noch vom Ufer aus an. Denn wer in Wilhelmshaven badet, muss nicht nur Sturm, Strömungen und Gezeiten trotzen. Die rote Fahne wird hier auch gehisst, wenn die Stadt ihre ungeklärten Abwässer in die Nordsee pumpt - direkt neben dem Badestrand.

Eine Böe weht Schönborn fast die Flugblätter aus der Hand. Er zeigt auf ein Kanalgitter in der Deichwand. Was in Toiletten, Waschmaschinen, in Unternehmen und im Krankenhaus die Kanalisation hinab gespült wird, kommt hier durch den Kanal geflossen - und zwar immer dann, wenn es regnet und die Kläranlage vollgelaufen ist. In der ersten Hälfte dieses Jahres hat die Stadt schon 25 Mal je bis zu 40000 Kubikmeter Schmutzwasser in die Meeresbucht gepumpt.

Schönborn ist wütend auf die Kommunalpolitiker. Ihnen sei die Verunreinigung der Nordsee und des Strandes völlig egal, sagt er. Nachdem er einmal in einer dreckigen Brühe aus Fäkalien und anderen Abwässern schwamm, gründete er gemeinsam mit fünf weiteren Einwohnern eine Bürgerinitiative. Sie nennen sich "Kaiserliche Kanalarbeiter" und fordern, die Einleitungen der Abwässer zu beenden und das Kanalsystem umzubauen. Doch so richtig scheint das in Wilhelmshaven niemanden zu interessieren. Während andere Städte längst große Auffangbecken gebaut haben, um nicht bei Regen die Abwässer aus der Kanalisation an ihren Badestrand zu kippen, sehen die Politiker in der norddeutschen Stadt keinen Grund zum Handeln.

Mischwasser, das Wort verwendet Jens Graul lieber als Abwasser. Der Umweltdezernent von Wilhelmshaven sitzt in seinem Büro im Rathaus, wenige hundert Meter Luftlinie vom Südstrand entfernt. An der Wand hängt ein Poster mit einem Fisch und der Aufschrift "Achte das Meer". Die Aufregung um die Abwässer kann Graul überhaupt nicht verstehen. Das sei doch nichts besonderes, winkt er ab. Andere Städte würden ihr Schmutzwasser auch so entsorgen.

Zudem habe sich schon einiges verändert. Auf die Proteste der Bürgerinitiative hin, hat die Stadt immerhin ein Feinsieb eingebaut. "Die großen Pfunde bleiben nun hängen. Da merken Sie gar nicht, wenn eingeleitet wird", beruhigt Graul, "die Nordsee ist sowieso naturtrüb." Machen Schönborn und seine Mitstreiter also Panik, wenn sie vor einer schwarzen, stinkenden Brühe und gesundheitlichen Gefahren warnen?

"Situation ist dramatisch"

"Es ist überhaupt nicht nachvollziehbar, was in Wilhelmshaven passiert", sagt Ralf Otterpohl. Der Professor an der Universität in Hamburg beschäftigt sich mit kommunalen Abwässern und Kläranlagen. Die Situation am Südstrand sei dramatisch, sagt er. Dass Regenwasser und Abwässer zusammen in einem Kanal gesammelt werden, ist noch nicht ungewöhnlich.

Etwa die Hälfte der deutschen Kommunen verfügt über solche Mischwassersysteme. Bei Regen sind die Kläranlagen dort schnell überlastet. "Doch die meisten Städte haben große Speicherbecken gebaut", sagt Otterpohl. In denen wird das Mischwasser erst einmal gesammelt. In Wilhelmshaven dagegen bringe schon ein gewöhnlicher Regen alles zum Überlaufen. Doch die Stadt tue so, als müsse sie daran nichts ändern.

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