Von Merten Worthmann

Lange Zeit stand Saragossa im Schatten der spanischen Metropolen - mit der Expo rückt die Hauptstadt Aragoniens ins Zentrum.

Schwer zu sagen, wo genau der Mittelpunkt einer ausgewachsenen Stadt liegt, in den meisten Fällen jedenfalls. Im Fall von Saragossa hingegen gibt es keinen Zweifel: Saragossas Mittelpunkt liegt gut geschützt, nahezu rundum eingekleidet, im Halbdunkel der monumentalen Basilika del Pilar. Nur an einer einzigen Stelle ist er offen zugänglich. Dort darf man niederknien und im Schein einer fahlen kleinen Neonröhre die Lippen gegen ein Stück kalten Marmors drücken.

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Oberhalb der Röhre erklärt ein bescheidenes Schild: "Hier verehrt und küsst man die Säule, die die Heilige Jungfrau hinterlassen hat." Immer wieder fallen Besucher kurz auf ein steinernes Bänkchen nieder, bekreuzigen sich und neigen ihren Kopf dem handgroß freiliegenden Marmorflecken zu, der schon knapp 2000 Jahre auf dem Buckel haben soll.

Marienerscheinungen hat es im christlichen Europa einige gegeben. In Saragossa jedoch soll sich die Jungfrau nicht auf wunderbare, sondern auf ganz natürliche Weise materialisiert haben. Im Jahr 40, noch zu ihren Lebzeiten also, reiste sie angeblich dem Apostel Jakobus nach Spanien hinterher, um ihm in einem schwachen Moment beistehen zu können. Sie traf ihn in Saragossa und redete ihm von einer Säule herab gut zu.

Diese Säule soll noch heute die alte sein, während die Kirche drumherum über die Jahrhunderte hinweg immer größer und größer geworden ist. Mit dem Christentum ging es derweil auf und ab. An die Legende glaubt womöglich kaum noch jemand. Doch auf die lokale "Säulenjungfrau", die "Virgen del Pilar", lassen auch ungläubige Einwohner Saragossas nichts kommen. Zum alljährlichen Ehrentag der Muttergottes am 12. Oktober mischen sie sich massenhaft unter die aufrechten Katholiken und legen ebenso wie diese eine Blumenspende an der Basilika ab.

Immer zum Anstoß

Die Jungfrau revanchiert sich für soviel andauernde Volksnähe. Einer der zahllosen schillernden Umhänge, die ihrem 37 Zentimeter großen Abbild aus dem 15. Jahrhundert im täglichen Wechsel angelegt werden, repräsentiert die Fahne des örtlichen Fußballvereins Real Saragossa. Jeweils zum Anstoß und zum Abschluss der spanischen Liga zeigt die Virgen del Pilar Flagge und wird dadurch zum ersten Fan unter gleichen.

Inwieweit die Schutzheilige bei Saragossas Bewerbung um die Expo 2008 ihren Einfluss geltend gemacht hat, ist nicht überliefert. Für manche diesbezügliche Fügung wird sie allerdings zum Vergleich herangezogen. "Denen ist die Jungfrau erschienen", kann man etwa über die Bewohner jener Stadtteile am Ebro-Ufer sagen hören, die dank der Weltausstellung plötzlich zwei neue Brücken vor der Nase haben.

Eine dieser Brücken wirft sich wie ein silbern gepanzertes Reptil über den gemächlich dahintreibenden Fluss. Sie trägt ein dynamisch gewölbtes Dach, stammt vom der Architektin Zaha Hadid und hat das Zeug dazu, Saragossas neues Wahrzeichen zu werden. Bisher war die Basilika del Pilar in dieser Hinsicht konkurrenzlos. Ihr barockes Massiv, aufragend am Rande des Ebro, galt gewissermaßen als offizielles Passbild der Stadt.

Jetzt könnte ihm endlich ein aktuelles Motiv zur Seite treten. Es käme zur richtigen Zeit. Denn von der Expo beflügelt, finden viele der rund 650.000 Saragossaner gerade neuen Gefallen an ihrer Stadt. Lange war sie ihnen selbst bloß provinziell vorgekommen, irgendwie abgehängt und liegengeblieben in den nach wie vor sich entvölkernden Weiten Aragoniens. Seit kurzem hält der AVE, Spaniens Pendant zum ICE, in einem strahlenden neuen Bahnhof. Das sorgt für frischen Anschluss. Hinzu kommt der Weltausstellungs-Auftrieb. Saragossa rückt ins Zentrum.

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