Expedition des Bergsteigers Lionel Daudet Grenzerfahrung à la française

Der Bergsteiger und Abenteurer Lionel Daudet fasste einen verrückten Entschluss: Er wollte die Grenze Frankreichs abgehen. Davon konnte ihn nichts abhalten - auch nicht ein Blitz, der ihn auf einem Berg traf. Es wurden 7500 Kilometer daraus. Zurückgelegt zu Fuß, Rad, Boot - und Gleitschirm.

Von Dorothea Grass

Müde sei er, sagt Lionel Daudet. Er fühle vor allem eine große Erschöpfung, sowohl körperlich als auch mental. Knapp einen Monat zuvor, am 15. November 2012, stand er wieder auf dem Gipfel des Mont Blanc. Vom höchsten Berg Frankreichs war er zuvor schon zu seiner gut 15-monatigen Expedition entlang der Grenze des französischen Festlands aufgebrochen. Einmal rund um Frankreich und das ganz ohne motorisierte Hilfsmittel - als Grenzgänger im Wortsinn. Der französische Bergsteiger Lionel Daudet war zu Fuß, auf dem Rad, im Gleitschirm, Kajak und in einer Piroge unterwegs.

Lionel Daudet kam 1968 im französischen Département Loire zur Welt. Der professionelle Bergsteiger wohnt im höchstgelegenen Département Frankreichs, in der Nähe von Briançon in den Hautes-Alpes.

(Foto: Collection Daudet)

Warum er ausgerechnet eine Grenze als Weg wählte? Lionel Daudet lacht. "Das war eigentlich nur ein Vorwand", sagt er. "Ich wollte zeigen, dass man auch vor seiner Haustür Abenteuer erleben kann." Außerdem, so Daudet, sei die große Zeit des Alpinismus vorbei. "Heutzutage muss man kreativ sein, sich neue Dinge ausdenken, um sich als Bergsteiger der Dimension des Unbekannten zu nähern." Er meint auch: Und um von dem Beruf leben zu können.

Zwar war nicht jeder Meter begehbar, zum Beispiel an den Stellen, wo die Grenze über militärisches Sperrgebiet oder das Gelände eines Atomkraftwerks verläuft. Doch sonst führte ihn sein Weg in hochalpines Gelände, über Seen und Flüsse, am Strand und an steilen Felsen entlang. Etwa 7500 Kilometer hat er so zurückgelegt - die Höhenmeter nicht mitgerechnet.

Die Expedition entlang der Grenze Frankreich brachte Lionel Daudet auch an seine persönlichen Grenzen.

(Foto: Collection Daudet)

Das Extreme an dieser Expedition sei gewesen, dass sie sich über so einen langen Zeitraum ersteckt habe. Ein Jahr war ursprünglich für das Unternehmen "Au fil de la France", so der französische Titel, vorgesehen. Am Ende wurden, wetterbedingt, 15 Monate daraus. In den Pyrenäen haben er und sein Team einmal sechs Wochen abwarten müssen, bis das Wetter die Bergkämme wieder sicher begehbar machte, erzählt Daudet. Das anstrengende dabei sei die permanente Anspannung gewesen. "Ich hatte keine Pausen, in denen ich innerlich einmal hätte loslassen können. Bis zum letzten Moment meiner Reise, als ich mit dem Gleitschirm in der Nähe von Chamonix landete, war ich hochkonzentriert."

Die ständige geistige Anspannung sei wichtig gewesen, sagt er und fügt hinzu "Sonst hätte ich eine solche Geschichte gar nicht durchgehalten und vorher aufgegeben."

Die Grenze, sagt er, sei für ihn in erster Linie nichts, das trennt, sondern eine Linie, die verbindet. Verschiedene Landschaften treffen auf unterschiedliche Kulturen und Sprachen und finden ihre Gemeinsamkeiten. Lionel setzte von Anfang an auf die Begegnung mit Menschen. Er traf viele, so einsam die Landschaft auch manchmal war. Insgesamt 150 Leute, natürlich nie gemeinsam, begleiteten ihn ein Stück des Weges; Freunde, Bekannte, aber auch völlig Fremde. Über Facebook konnten sie sich bei ihm melden, Lionel und sein Team befragten jeden Einzelnen nach seiner körperlichen Verfassung und bergsteigerischen Erfahrung. Anschließend wurde entschieden, wer mitkommen darf, denn insbesondere im Gebirge führte die Route durch anspruchsvolles Gelände.

Schlechtes Wetter in den südlichen Alpen, in der Nähe von Gran Bagna. Hier wurde Lionel Daudet von einem Blitz getroffen.

Einmal wurde es dennoch gefährlich. Im September 2012 war Lionel in den südlichen Alpen an der Grenze zu Italien mit einem Gefährten unterwegs, der doch nicht ausreichend Routine auf hochalpinem Terrain besaß. Der Weg zog sich, der Gefährte kam nur langsam vorwärts und so schafften sie die geplante Tagesetappe nicht. Am nächsten Morgen war das Wetter schlecht, ein Gewitter kündigte sich an. Lionel merkte die elektrische Spannung, wie sie vor Blitzeinschlägen oft in der Luft liegt.

Auf einem Grat in etwa 3000 Meter Höhe schlug ein Blitz neben ihm ein, traf ihn noch am Rücken und verließ seinen Körper am Fuß. Lionel fiel hin, wurde aber nicht ohnmächtig. Er weiß, dass er wahnsinniges Glück gehabt hat. Die Etappe brachte er noch zu Ende, musste aber anschließend eine Woche pausieren - vor allem wegen des Wetters, wie er sagt. Zum Arzt ist er nicht gegangen, weil er sich trotz allem gesund fühlte. Lediglich zwei Verbrennungsnarben in der Größe von Zwei-Euro-Münzen sind geblieben.

Unterwegs im Kajak an der Grenze zwischen Belgien und Frankreich.

(Foto: Collection Daudet)

Nach dieser Erfahrung seien er und sein Team in der Auswahl der Wegbegleiter noch vorsichtiger geworden. Auf der anderen Seite weiß er auch, dass er die Statistik ein bisschen herausgefordert hat. Wer wochenlang über Bergkämme klettere, habe nun mal ein höheres Risiko, vom Blitz getroffen zu werden, sagt Lionel Daudet.

Jetzt, wo er seine Reise hinter sich habe und der Körper zur Ruhe komme, fange er erst an, den Kopf hinterherzuholen, die Erlebnisse zu verarbeiten und einzuordnen. Auf die Frage hin, wo es ihm am besten gefallen habe, muss er eine Weile überlegen. Da habe es viele Orte gegeben, sagt er. Die schönsten seien die, die ihre Ursprünglichkeit bewahrt hätten. Die dadurch, dass sie wild und authentisch sind, eine Herrschaftlichkeit ausstrahlten.

Er, der die Berge liebt, hat so einen Moment auch am Meer erlebt. Gemeinsam mit anderen überquerte Daudet im Kajak die Bucht Baie de Morlaix im Norden der Bretagne. Es seien Idealbedingungen gewesen, erzählt er, ohne Wellengang und in einem besonderen Licht. "Da hat sich die Schönheit der Welt in meiner Reise wiedergefunden." Augenblicke wie diese machten ihn glücklich, er fühle dann, wie er sagt, "einen tiefen Frieden" in sich.

Großartig sei auch ein Teil der Grenze im Département Landes an der Atlantikküste gewesen, die auf militärischem Sperrgebiet lag. Hier bekam er die Zutrittserlaubnis und lief über den mehr als 35 Kilometer langen Strand, an dem er keine Menschenseele traf. Aber auch der Alltag an der Mosel habe ihm sehr gefallen.

Und wo hat er die nettesten Menschen getroffen? "Im Norden, "sagt Lionel ohne Zögern. "Gemeinsam mit meiner Frau, die mir ja immer mit dem Campingbus gefolgt ist und mich nach meinen Etappen irgendwo abholte, wurde wir dort oben sehr warmherzig empfangen. Die Leute boten uns ihre Innenhöfe zum Campen an, baten uns zum Kaffee herein und waren neugierig, die Geschichte meiner Expedition zu hören." Aber auch die Menschen auf den Hütten im Gebirge seien ihm immer sehr freundlich und solidarisch begegnet.

Nach langen Zeiten der Entbehrungen, so stellt man sich vor, gibt es Dinge, auf die man sich freut. So wie man den ersten Bissen Körnerbrot ersehnt, wenn man gerade aus den USA zurückkehrt. Das Erste, was Lionel Daudet zu Hause in einem kleinen Ort im Département Hautes-Alpes tat, war jedoch etwas anderes. Seine Frau hatte ihm während seiner mehr als 15-monatigen Abwesenheit eine lange Liste mit Dingen geschrieben, die im Haus wieder repariert werden müssen. Zur Entspannung, sozusagen.

Die schönsten Orte entlang der französischen Grenze, ausgewählt von Lionel Daudet für die Leser von Süddeutsche.de finden Sie hier. Lionel Daudet arbeitet derzeit an einem Buch über seine Erlebnisse auf der Grenze Frankreichs.