Europäische Kulturhauptstadt 2017 Aarhus - die ewige Zweite tritt ins Rampenlicht

Kopenhagen steht bei Städtereisenden oben auf der Liste - von Aarhus wissen die meisten nicht einmal, wie sie es aussprechen sollen. Besuch in einer verkannten Stadt.

Von Katja Schnitzler, Aarhus

Es ist nicht einfach, immer die Zweite zu sein. Die Kleine, die auch dabei ist, aber deren Name vielen erst nach einigem Nachdenken einfällt. Die sich immer so sehr anstrengt, aber doch stets im Schatten der Großen bleibt, der Ersten. Manche geben den Wettstreit irgendwann auf. Aarhus nicht.

Während Kopenhagen auf der Städtereise-Wunschliste weit oben steht, wissen viele Urlauber nicht einmal, wie sie die zweitgrößte Stadt Dänemarks und Europas Kulturhauptstadt 2017 aussprechen sollen (Oh-hus).

Wo Aarhus am spannendsten ist

Sie ist nur die zweitälteste und zweitgrößte Stadt Dänemarks - dennoch sollte die Kulturhauptstadt momentan bei Reisenden an erster Stelle stehen. Krimiautorin Elsebeth Egholm verrät ihre Insidertipps. mehr...

Knapp 260 000 Einwohner leben im jütländischen Aarhus (früher Århus geschrieben, doch das war nicht internetkompatibel). Wer jetzt aber ein dröges Provinzstädtchen vor Augen hat, irrt. Die Stadt im Westen des Landes mag alt sein, die Siedlung an der Mündung der Aarhus Å (Aarhuser Au) wurde schon vor mehr als tausend Jahren gegründet. Doch die Bevölkerung ist und bleibt jung, der ansässigen Universität sei Dank. Diese ist mit etwa 45 000 Studenten die größte in Dänemark - noch vor Kopenhagen! Jedes Mal, wenn ein Teil der jungen Menschen die Stadt nach der Ausbildung verlässt, kommen ebenso viele wieder nach. Genug, um die sehr zahlreichen Bars, Kneipen und Restaurants zu füllen, um die Musikszene zu beleben und Start-ups zu gründen.

Zwar können es sich die wenigsten Studenten leisten, im Stadtzentrum zu wohnen. Doch da kommt Aarhus wieder seine Überschaubarkeit zugute: Man ist schnell drin und ebenso schnell wieder draußen, sei es mit dem Auto, dem Rad oder joggend. Und draußen heißt in diesem Fall: in lichten Wäldern, in denen sich südlich der Stadt das Sommerschloss der Königin, die Marselisborg, befindet sowie das interaktiv gestaltete historische Moesgaard Museum mit seinem spektakulären Neubau, das sich schräg aus einem Wiesenhügel erhebt.

Zwischen Wald und Stadt ist im Süden ein Strand, im Norden ebenso, im Osten prägt das Kattegat das Bild und im Westen Seen. Auch Krimi-Autorin Elsebeth Egholm sagt, sie habe zwar gerne in Kopenhagen gewohnt, bevor sie der Familie wegen zurück nach Aarhus kam, aber: "Es ist ein Privileg, hier zu leben." Alles sei auf kleinstem Raum geboten, von Natur bis Kultur. So wird die vermeintliche Schwäche von Aarhus, stets die Kleinere zu sein, zur Stärke.

Das erkennen Besucher, wenn sie sich das Zentrum erlaufen und so ganz nah dran sind an der Seele dieser Stadt. Aros nannte man sie einst, das ist zusammengesetzt aus Fluss und Mündung. Heute heißt das moderne Kunstmuseum ARoS, das zum neuen Wahrzeichen der Stadt geworden ist.

Es löste das von den Architekten Arne Jacobsen und Erik Møller gestaltete Rathaus ab. 1941 war dieses streng funktionalistische Werk aus Beton eröffnet worden - doch nicht ganz so wie von den Künstlern gedacht: Ihnen reichte der schlichte Flachbau, doch nach Protesten mussten sie einen 60 Meter hohen Glockenturm anfügen. Hatte schließlich nicht auch das Kopenhagener Rathaus einen Turm?

Auch das Aros-Museumsgebäude ist nicht mehr als ein schlichter Backsteinquader, doch sehenswert ist das Gebilde auf dem Dach: dessen Gestaltung hatte die Stadt in einem Wettbewerb ausgeschrieben, den der dänisch-isländische Künstler Ólafur Elíasson gewann. Er setzte dem Gebäude eine begehbare Krone in Regenbogenfarben auf: "Your rainbow panorama" lässt die Stadt so bunt erscheinen, wie sie sich selbst am liebsten sieht.

ARoS Kunstmuseum mit dem begehbaren "Your rainbow panorama" auf dem Dach.

(Foto: Katja Schnitzler)

Aarhus möchte bei den Großen mitspielen und ahmt nach, was ihr an Metropolen gefällt: So erinnert der spiralförmige, weiße Treppenaufgang im Aros-Kunstmuseum sehr an das Guggenheim-Pendant in New York. Und das Moesgaard Museum kürzt sich MOMU ab.

Der neue Stadtteil am Hafen, Aarhus Ø, scheint von den Kanälen und modernen Wohnhäusern der Hamburger Hafencity inspiriert, hebt sich aber doch mit Architekturprojekten wie dem "Eisberg" (Isbjerget) ab: Der weiße Appartmentkomplex mit extremen Schrägen und Spitzen wirkt wie aufeinander geschobenes Eis.

Auch von Kopenhagen hat man sich etwas abgeschaut: Die selbst erklärte autonome Freistadt Christiania im Kleinformat, "nur ohne deren Fehler und Probleme", wie Autorin Elsebeth Egholm betont. "Institut for X" heißt in Aarhus das Gebäudeensemble, in dessen Hallen und auf dessen Fläche vor dem ehemaligen Güterbahnhof Künstler, Start-up-Gründer und Designer leben und arbeiten - Besucher sind herzlich willkommen. Ebenso im Kulturzentrum "Godsbanen": Wo früher Züge standen, finden heute Theateraufführungen statt, Ausstellungen und Workshops. Jeder darf hier aktiv sein und sich etwa als Bildhauer, Holzschnitzer oder Maler ausprobieren, ohne gleich Werkzeug anschaffen zu müssen: Das ist in den Ateliers vorhanden, und wer ihn will, bekommt Expertenrat gleich dazu. Explizit sind auch diejenigen willkommen, die sich absolut nicht für Kunst interessieren: "Wir haben ein Café und vom frei zugänglichen Dach aus habt ihr eine schöne Aussicht über Aarhus", wird auf der Homepage eingeladen.

Diese Offenheit und das Miteinander sind ein sehr sympathisches Prinzip, das einem oft in Aarhus begegnet. Etwa in der neuen städtischen Bibliothek DOKK1 am Hafen: Sie ist ein lichtgefluteter Ort des Lebens statt des mahnenden Flüsterns, hier darf gegessen und getrunken werden. Auch gespielt, geratscht, gelacht. Und ja, in Bücherregalen gestöbert.

Spielplatz vor DOKK1 am Hafen.

(Foto: Katja Schnitzler)

Die Museen der Stadt sind ebenfalls interaktiv statt leblos, hier kann man Historie und Kunst oft (be-)greifen: Anfassen und ausprobieren gehört meist zum Konzept. So testen etwa Besucher des Moesgaard Museums steinzeitliche Pfeile, die sie auf virtuelle Beute schießen. Und lernen dabei etwa, dass eine keulenförmige Spitze für die Vogel- und Kleintierjagd gedacht ist.

Theater, Orchester, Bands, Festivals bereichern das Stadtbild - bevor das Kulturprogramm in Freizeitstress ausarten könnte, setzt man sich in eines der vielen Cafés oder schlendert durch die kleinen Läden, die es abseits der obligatorischen Großketten-Einkaufsstraße - hier heißt sie Strøget - gibt. Nachts machen Städtereisende etwa im Viertel Latinerkvater erst einmal einen Fensterbummel und schauen sowohl in menschenleere Shops als auch in umso vollere Bars, bevor sie sich für die erste Station der Nacht entscheiden.

Typisch für die Altstadt von Aarhus: kleine Geschäfte neben Cafés neben Bars.

(Foto: Katja Schnitzler)

So schafft das kleine Aarhus einen Spagat zwischen "hyggelig" (Dänisch für gemütlich) und Hochkultur, der Spaß macht. Belohnt wurde sie dafür mit dem Titel "Europäische Kulturhauptstadt 2017", mehr als 400 Events und Projekte werden dafür auf die Beine gestellt.

Bei der Vorstellung dieses Programms sagte Kulturminister Bertel Haarder: "Kopenhagen hatte 1996 als Kulturhauptstadt tolle Events. Ich bin sicher, dass es Aarhus sogar noch besser machen wird." Diese Herausforderung hat Aarhus, die ewige Zweite, längst angenommen. Sie wird vielleicht nicht aus dem Schatten Kopenhagens heraustreten - aber doch einen eigenen werfen.

Eine Auswahl aus den Highlights des Kulturhauptstadt-Programms 2017 finden Sie auf der folgenden Seite - von Wikingern auf dem Museumsdach bis hin zur Radtour von Kulturhighlight zum Naturerlebnis.

Die Recherche-Reise wurde unterstützt von Aarhus 2017 Foundation.