Essay Darüber hinaus!

Die Säulen des Herakles: Skulptur am Hafeneingang der in Marokko liegenden spanischen Exklave Ceuta.

(Foto: Danita Delimont/Imago)

Das Ende der Welt - für die antiken Griechen war es Gibraltar. Für die Flüchtlinge aus Afrika ist dies heute wieder so. Viele Grenzen mögen sich verschoben haben, das letzte Hindernis aber ist geblieben.

Von Stefan Fischer

Die Menschheit musste offenkundig erst reifer werden, ehe sie sich irgendwann Götter gesucht hat, in die sie tatsächlich blindlings, nun ja: eben Gottvertrauen setzen konnte. Die alten Griechen waren da noch etwas nachlässiger. Ihre Götter waren rachsüchtig, intrigant, selbstverliebt, hinterfotzig - eine regelrechte Saubande, in die man weiß Gott kein grenzenloses Vertrauen haben konnte. Auch und schon gar nicht in Grenzfragen des Lebens. Man muss sich nur einmal ansehen, wie die Olympier aus niedrigen Beweggründen Odysseus jahrelang über das östliche Mittelmeer gehetzt haben. Was wäre erst mit einem geschehen, der nicht bloß von Troja nach Ithaka gewollt, sondern sich über das Ende der Welt hinausgewagt hätte?

Bei allem Expansionsdrang war für Athener und Spartaner deshalb sicherheitshalber an den Säulen des Herakles Schluss, an der Meerenge von Gibraltar also. "Nicht mehr weiter": Diese Inschrift hatte Herakles, der Orakelgott und Schützling der Schutzgöttin Athene, an der westlichen Ausfahrt aus dem Mittelmeer angebracht, so haben es sich die Griechen des Altertums erzählt. Ein nicht sonderlich orakelhaft verschlüsseltes Durchfahrtsverbot für jene Pforte, die der Felsen von Gibraltar und der in Marokko liegende Berg Dschebel Musa bilden. Daran haben sich die Griechen gehalten, so ernst haben sie die Warnungen ihrer Götter trotz aller Aufsässigkeit - immerhin haben sie ihnen das Feuer geraubt - dann doch genommen. Dieses antike Nonplusultra hat das Königreich Spanien Jahrhunderte später in sein Staatswappen integriert - und nach Kolumbus' Amerika-Fahrten ins Gegenteil verkehrt: Plus ultra heißt es dort seither - darüber hinaus und immer weiter.

Das Ende der Welt war nie eine geografische, sondern eine gedankliche Kategorie

Seit jeher hat der Mensch sich die Enden der Welt ausgemalt. Er tut es bis heute, auch wenn die Kugelform der Erde inzwischen anerkannt ist. Und Kugeln nun einmal kein Ende besitzen. Das wusste natürlich auch der unerschrockene Reisende Roger Willemsen, der 2010 nichtsdestotrotz sein kluges, melancholisches Buch "Die Enden der Welt" veröffentlicht hat. Unverändert lockt das Abenteuer des maximalen Abstands und äußersten Randes - geografisch, sozial, kulturell.

Schon immer auch gab es beide Intentionen: die Enden der Welt zu scheuen, dem Imperativ "Nicht mehr weiter!" gehorchend. Denn was dahinter käme, konnte nur schauerlich sein, mutmaßlich würde man einfach hinabstürzen. Daneben aber auch den Drang, diese Enden zu erforschen. Mit einer Erkenntnis wurde die Menschheit bald belohnt: Je weiter sie sich hinauswagte in die Welt, desto weiter haben sich auch deren vermeintliche Grenzen verschoben. Bis hin zu der Feststellung: Es gibt diese Grenzen nicht.

Aber selbst, als man es noch glauben konnte in der Annahme, die Erde sei scheibenförmig: Das Ende der Welt war im Grunde nie eine geografische Kategorie.

Jedenfalls nicht in erster Linie. Eher ein Ort, hinter dem (vermeintlich) nichts mehr kommt. Oder: von dem aus es nicht mehr weiter, sondern bestenfalls wieder zurück geht. Das Ende der Welt, es bemisst sich zu allererst am persönlichen Standpunkt. Weshalb es in der Wahrnehmung stets eine immense Ungleichzeitigkeit gab und gibt. Mochten bis dahin - aus europäischer Perspektive - Amerika entdeckt, die Südsee befahren und sogar die Quellen des Nils leidlich erforscht sein, so hatten sich beispielsweise bis hinein ins 19. Jahrhundert die allermeisten Menschen in Deutschland ihr ganzes Leben lang in einem engen Radius um ihren Geburtsort bewegt, der mit bloßem Auge zu ermessen war: Kaum jemand gelangte je über den Horizont hinaus, den er von der Kirchturmspitze seines Heimatortes hätte erblicken können. Es mangelte an Möglichkeiten, an Gelegenheiten, am Willen fortzukommen - der Rand der Welt ist ein mentales Konstrukt.

Es gibt daneben geografische Barrieren, die ein Ende evozieren. Zahlreiche Orte auf allen Kontinenten tragen einen Namen, der Ende des Landes bedeutet. Ist das aber schon ein Ende der Welt, wenn zunächst einmal nur noch Wasser kommt oder eine Felswand einen Talschluss markiert?

Die Unrast, ins Unbekannte aufzubrechen, führt heute zum Wunsch nach Flügen zum Mars

Maximale Zivilisationsferne ist ebenfalls ein Kriterium für das Ende der Welt. Häufig in Kombination mit Lebensfeindlichkeit. Wo der Mensch kaum existieren kann, wie soll da noch Welt sein? Insofern spielt bei diesen Definitionsfragen stets auch Hybris eine Rolle, dadurch, dass der eigene Standpunkt als Zentrum begriffen wird. Das Ende der Welt ist für den Einzelnen dementsprechend dort, wo er nicht ist und auch nicht hinkann - und oft auch gar nicht hinwill. Sucht man nach einem gemeinsamen Nenner, dann sind die Pole solche Orte, sie stellen überdies am ehesten noch so etwas wie die Endpunkte auf der Erdkugel dar, auch wenn das ebenfalls nur ein Gedankenkonstrukt ist. Das tiefste Innere des Amazonasregenwaldes ist auch solch ein Endpunkt. Unter diesen lebensfeindlichen Enden der Welt gibt es im Übrigen eine relativ neue Unterkategorie: vom Menschen versehrte Orte. Die bei der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl verstrahlte Stadt Prypjat. Oder der trockengefallene Grund des Aralsees voller Salze, Pestizide aus der Landwirtschaft und weiterer Chemikalien. Eine Wüste, durch die unbarmherzige Stürme den Sand blasen, ohne Oasen und alte Handelsrouten.

Manchmal verschieben sich auch die Realitäten auf merkwürdige Weise. "Nicht mehr weiter", das gilt an der Straße von Gibraltar auch heute wieder. Allerdings nicht mehr in Ost-West-Richtung wie in der Antike, sondern in Süd-Nord-Richtung. Für Flüchtlinge aus Afrika ist die Meerenge zum Ende ihrer Welt geworden. Wie die frühen Seefahrer, unter mindestens so großen Risiken, drängen auch sie weiter, in der Hoffnung, dass die Grenze sich für sie nach Norden verschiebt.

Es waren übrigens wohl erst die Phönizier, die sich von 900 vor Christus an durch die Säulen des Herakles gewagt haben. Ein Handel treibendes Volk, das an der Levante beheimatet war, im heutigen Israel und Libanon also. Die Phönizier werden die griechische Mythologie gekannt haben, verbunden waren sie Herakles und Konsorten allerdings wie ein Muslim dem Papst. Sie segelten auf den Atlantik hinaus, in der Erwartung, dass es dort für sie mehr zu gewinnen als zu verlieren gab.

Dieser Pioniergeist, in Kombination mit der Erprobung des technisch Machbaren, führt mittlerweile zu Anstrengungen, bemannte Flüge auf den Mars zu unternehmen. Das Ende der Welt: Wer hat behauptet, es befinde sich auf der Erde? Es gibt nicht wenige, die diese Unrast, ins Unbekannte aufzubrechen, vermessen finden und sinnfrei. Sogar obszön, wenn man bedenkt, was man mit dem Geld stattdessen bewerkstelligen könnte. Doch wenn der Mensch das Ende der Welt jemals erreichen würde, sei es physisch oder auch nur gedanklich, indem er sich mit dem bis dahin Bekannten als der Weisheit letzter Schluss zufrieden gäbe: Er wäre definitiv, und in zwar jeder Hinsicht, am Ende.