Erfindung der Kreuzfahrt Mutter aller Traumschiffe

Die "Augusta Victoria" vor New York: Wenn der Winter eine Atlantiküberquerung unmöglich machte, fuhr das Schiff in die Sonne. Die Kreuzfahrt war geboren.

(Foto: Hapag-Lloyd AG, Hamburg)

Nach Süden, in die Wärme: Vor 125 Jahren brach die "Augusta Victoria" zur ersten Kreuzfahrt der Geschichte auf. Nur deutsche Damen mussten daheimbleiben.

Von Michael Wolf

Die amerikanischen Kreuzfahrtreedereien haben die größten Flotten, die gigantischsten Schiffe und die meisten Passagiere. Aber erfunden haben sie die Kreuzfahrt nicht: Denn das war vor 125 Jahren der deutsche Reeder Albert Ballin.

Die Sonne scheint - aber es ist bitter kalt. Fünf Grad unter null zeigt das Thermometer an diesem 22. Januar 1891 in Cuxhaven, Eisschollen türmen sich im Hafen. Kein richtiges Kaiserwetter, obwohl Seine Majestät höchstpersönlich anwesend ist: Wohlgefällig verabschiedet Wilhelm II., der für seine maritime Affinität bekannt ist, die Augusta Victoria zur ersten Kreuzfahrt der Welt.

Und das, obwohl der mit fast 145 Metern Länge und 17 Metern Breite seinerzeit größte deutsche Passagierdampfer eigentlich wegen eines peinlichen Versehens unter falschem Namen fährt: die Namensgeberin und Gattin des Kaisers heißt nämlich Auguste Viktoria. Erst geraume Zeit später wird bei einem Werftaufenthalt in Belfast das a in ein e umgepinselt.

"Wunderbar, auf Kreuzfahrt zu gehen"

mehr...

Das kann diesen besonderen Tag für Albert Ballin, den umtriebigen und visionären Reeder der Hamburg-Amerikanischen Packetfahrt-Actien-Gesellschaft (Hapag), nicht verderben. Denn an diesem Tag stellt er dem gespannten Publikum sein neues Geschäftsmodell vor: Wie verdiene ich auch im Winter mit meinen in dieser Jahreszeit nicht genutzten Oceanlinern Geld?

Die Idee schien abstrus zu sein: Wer wollte schon freiwillig in stürmischen und kalten Zeiten auf ein Schiff gehen? Aber der gerade 33 Jahre alte Reeder lockte mit dem Neuen, mit einer "Bildungs- und Vergnügungsreise" in den Süden, in die Wärme. Und da war ihm der Start im vereisten Hafen ganz recht - es konnte auf dem Weg ins Mittelmeer ja nur besser werden . . .

Für deutsche Damen schickte sich die Reise nicht, aber 64 englische Ladies durften an Bord

Die Kreuzfahrt auf dem Doppelschrauben-Schnelldampfer, der normalerweise den Liniendienst Hamburg-New York bediente, wurde zu Preisen von 1600 bis 4200 Goldmark verkauft (heute bis zu 42 000 Euro). Das entsprach 1891 dem doppelten bis dreifachen Jahresgehalt eines Arbeiters oder schlicht dem eines komfortablen Hauses. "Die Elite war unter sich" sagt Karl J. Pojer, der heutige Chef der jüngst in Hapag-Lloyd Cruises umbenannten Reederei, bei einer Veranstaltung zur Erinnerung an die erste Kreuzfahrt. Die Elite - das sind Gäste aus Aristokratie, Wirtschaft und Politik; Rittergutsbesitzer, Kommerzienräte, Bankiers, Architekten und reiche Kaufleute.

Auch ein echter englischer Lord befindet sich an Bord sowie 64 unternehmungslustige britische Ladies. "Für deutsche Damen waren Seefahrten damals ungehörig und zu anstrengend", kommentiert Pojer den Damenüberschuss von der Insel. Interessant, dass auf dieser ersten Kreuzfahrt schon eine internationale Passagiermischung vorhanden war, die man bei Hapag-Lloyd Cruises heute wieder mit intensiven Marketingaktionen zu erreichen sucht.

Schnellste Frau der Welt

Die US-Journalistin Nellie Bly wollte Ende des 19. Jahrhunderts beweisen, dass es möglich war, in weniger als 80 Tagen den Globus zu umrunden. Mit nur einer Handtasche als Gepäck raste sie gegen Vorurteile gegenüber Frauen an. Heute wird ihr Rassismus vorgeworfen. Von Katja Schnitzler mehr ... Serie

An Bord sind auch einige Journalisten: die Korrespondenten vom Berliner Börsen Courier, den Hamburger Nachrichten oder der Norddeutschen Allgemeinen Zeitung berichten telegrafisch über den Verlauf dieser Tourismus-Premiere. Bekannt unter ihnen ist vor allem Christian Wilhelm Allers, der auch als Zeichner und Maler arbeitet und der die wichtigsten Etappen der Fahrt in der ersten Bordzeitung der jungen Kreuzfahrtgeschichte akribisch dokumentiert. Schon bei der Abfahrt notiert er "Gewaltige Hurra's". "Die Musikkapelle bläst fix drauflos, alle Hüte und Taschentücher werden geschwenkt." Kapitän Heinrich Barends und fast alle seiner Offiziere präsentieren sich mit gezwirbelten Schnurrbärten, eine Reverenz an seine Majestät.

Dass die Gastronomie an Bord einer der wichtigsten Faktoren für das Gelingen einer solchen Kreuzfahrt ist, hatte Ballin im Übrigen längst erkannt. Er lässt so großzügig auftischen, dass selbst die verwöhntesten Gäste verblüfft sind.