Höhlensystem unter Nottingham Spuk im Bierkeller

Mortimers Hole unter der Burg von Nottingham.

(Foto: Robert Harding/imago)

Das englische Nottingham ist von einem rätselhaften Höhlensystem durchzogen. Hinein kommt man durch die Gasträume von uralten Pubs.

Von Oliver Abraham

Das Geheimnis um Rosie. Um ihrer Geschichte auf die Spur zu kommen, muss man hinabsteigen in die Unterwelt von Nottingham. Jason Weston öffnet eine unscheinbare Tür in der Wandverkleidung seines uralten Gasthauses. Ein geheimer Gang. Die Stufen führen immer weiter hinunter. Tief unter das Pub. In eine andere Zeit.

Das "Ye Olde Salutation Inn" am Maid-Marian-Way gehört zu den wohl ältesten Public Houses Englands, erstmals erwähnt wurde es um 1240. Das Auge gewöhnt sich rasch an das Zwielicht unter dem Pub. Der Lärm der Stadt und die Gesprächskulisse in der Gaststube sind längst verstummt. Fünf, vielleicht sechs Meter unter der Kneipe sind wir erst - und doch schon in einer anderen Welt.

Der Weg teilt sich: Geradeaus endet er in einem Loch. "Das war die Booby Trap, eine Falle, drei Meter tief", sagt Jason Weston und leuchtet mit seiner Taschenlampe hinein. Weston, ein Mann mit grauem Bart, Brille und dem Talent, Geschichten zu erzählen, ist der Pächter des Pubs. "Hier unten waren auch Verstecke; wenn Verfolger die Treppe hinunterrannten, stürzten sie meist in dieses Loch." Der weiterführende Weg biegt scharf nach links ab. Der Fels ist sanft gerundet und fleckig vom Ruß der Fackeln und Funzeln vieler Jahrhunderte.

Die Höhlen unterhalb von Nottingham wurden von Menschen gegraben. An der Decke sind Kratzspuren zu erkennen. "Die Leute haben damals Hacken, Hämmer, ja sogar Messer benutzt", sagt Weston. Der Sandstein unter der Stadt ist weich, deshalb ist es einfach, hier zu buddeln. Die meisten Höhlen seien nur ein paar Jahrhunderte alt, sagt Weston, "aber unsere Höhlen unter dem Pub wurden schon im vierten Jahrhundert gegraben, und man hat sie im achten Jahrhundert erweitert". Der Tunnel weitet sich zu einer kleinen Kammer, der Entry Hall; hier stehen auf einem Sims drei Puppen. Ein wenig schmutzig, mit blondem Zopf und rotem Kleidchen, eine mit merkwürdigem Grinsen. Was haben Puppen hier verloren?

Es ist die traurige Geschichte von Rosie. "Sie war ein Blumenmädchen in viktorianischer Zeit, vier, fünf Jahre alt", erzählt Weston. "Eines Tages wurde Rosie von einer Kutsche angefahren und schwer verletzt. Die Leute brachten das Mädchen hier herunter in die Höhle, wo es kühl und still ist. Sie warteten auf den Arzt - doch als der kam, war Rosie schon tot!" Seitdem soll sie hier herumgeistern.

Ohnehin sei dies ein ziemlich verhextes Haus, sagt Weston: "Wir haben bis zu 89 Geister. Die Zahl der aufgespürten Erscheinungen variiert mit dem Medium - je nachdem, wer sie spürt." Tatsächlich ist es nicht allzu eng oder beängstigend hier unten. Plätschern von Wasser ist zu hören, draußen regnet es offenbar.

Weston könnte noch mehr Geistergeschichten erzählen, berichtet aber nun davon, was hier wirklich los war: Diese Höhlen seien zum Beispiel Lagerplatz für Bier gewesen. Hier sei es mit nahezu konstanten zwölf bis 14 Grad kühl genug dafür. "Natürlich wurden auch Schmuggelwaren versteckt und man traf sich zu verbotenem Glücksspiel. Die Höhlen waren sozialer Treffpunkt und Ort zum Gebet." Weston zeigt alte Feuerstellen und einen Rauchabzug. Als Werkstätten hätten die Höhlen auch gedient und im Zweiten Weltkrieg als Luftschutzbunker. "Die Kammer ganz am Ende ist gut zehn Meter lang und war ein Schlafplatz für Kinder."