Ende der Reise Pilgern mit Obama

Das Reisen, die Heilige Kuh! Junge Europäer haben in einer Umfrage angegeben, dass ihnen Reisen wichtiger ist als Religion. Warum aber nicht mal beides verbinden?

Von Ingrid Brunner

Der Mensch gilt ja von jeher als metaphysisches Wesen. Grabbeigaben und kultische Orte bezeugen eindrucksvoll die Jenseitsvorstellungen des frühen Homo sapiens. Wobei das Jenseits quer durch Religionen und Kulturen bald eine erste und eine zweite Klasse hatte: Paradies und Hölle. Später kam die Vorstellung vom Leben als gefahrvoller Wanderschaft auf. Schon eine vermeintlich harmlose Weggabelung konnte den Wanderer in den Himmel - oder aber in die ewige Verdammnis führen.

Derlei Irrfahrten sollten dank GPS und Navi längst der Vergangenheit angehören. Und doch: Autos stürzen in Hafenbecken, Ehen zerschellen, weil jemand einmal zu oft links mit rechts verwechselt. Allen Gefahren zum Trotz aber ist und bleibt der Mensch ein Reisender. Nicht zuletzt die christlichen Wandermönche haben an dieser Metapher mitgewirkt. Religion und Reisen bildeten dereinst keinen Widerspruch, vielmehr brauchten sie einander.

Nun beklagen Kritiker schon länger, das Reisen werde zum Selbstzweck, ohne Rücksicht auf Umwelt und Gastländer. Öl aufs Feuer gießt jetzt eine Studie des Reisekonzerns Tui, für die 6000 junge Europäer zwischen 16 und 26 Jahren befragt wurden. Ein Ergebnis: Nur 19 Prozent gaben an, dass Religion für sie wichtiger sei als Reisen. Selbst die tiefgläubigen Polen und Griechen konnten das Ergebnis nicht nach oben wuppen.

Zur Ehrenrettung der Jugend sei erwähnt, dass den Befragten Familie, Freunde und Liebe noch wichtiger sind als Reisen. Gut, dann folgen schon Spaß, Erfolg und Geld. Aber wollte man es ihnen verdenken, das Paradies bereits auf Erden zu suchen, wo die Reisebranche den Kunden täglich neue Orte der Seligkeit anpreist? Diese Orte liegen nicht nur am Traumstrand oder auf dem Gipfel eines Berges, das Schweigekloster oder der Aschram sind längst Binse. Ganz zu schweigen von Pilgerwegen, Kraftorten, Yoga-Retreats und Schamanen-Jurten. Spirituelle Reisen sind das ganz große Ding. Die Jugend hat das einfach viel schneller begriffen. Ganz vorn dabei ist der ewig junge Barack Obama: Ende Mai reist er zum evangelischen Kirchentag. Von Hawaii nach Berlin, in neuer Mission.