Skigebiete in den Alpen Ein Tag im Schnee: Safiental

Ein Öko-Winterurlaub - geht das? Ja, im Safiental in Graubünden. Sogar ohne große Aufregung, dafür mit Kamelen.

Von Hans Gasser

1. Rausschauen

7.00 Uhr In einem 210 Jahre alten Holzhaus aufzuwachen, das man bei Dunkelheit über abenteuerliche Bergstraßen erreicht hat, ist was Besonderes. Der Blick aus einem der großen Fenster, die der Architekt Rudolf Olgiati schon in den 1960ern in das Walser Bauernhaus einbauen ließ, nicht weniger: draußen steile Wiesen und verschneite Felsberge, drinnen altes Holz und moderne Einrichtung - das kann nur die Schweiz sein. Auf 1700 Meter, am Ende der Straße, betreibt ein Ehepaar, das früher Zeitungen geleitet hat, ein Bed & Breakfast, das Nühus. Schon beim Frühstück erklärt einem der Ex-NZZ-Verlagsdirektor und nunmehrige Wirt Marius Hagger, von welchem Nachbarbauern Käse, Butter und Wurst stammen. Bei der Rasse der eiergebenden Hühner muss er passen: "Fragen sie meine Frau, die ist CEO vom Hühnerstall."

2. Ehrlich Brotzeit einkaufen

8.32 Uhr Die Schweizer sind ordentlich und ehrlich. Deshalb denken sie sich auch nichts dabei, Wurst und Alpkäse, Gefilztes und Murmeltierfelle in einem völlig unbewachten alten Stall zur freien Entnahme anzubieten. Spensa heißt dieser besondere Dorfladen in Safien-Platz. Der Wintersportler kann sich hier für die Brotzeit am Gipfel eindecken. Das Geld schmeißt man in einen Schlitz, passend natürlich. Wechselgeld gibt es im "Z'Café" gegenüber, so steht es auf einem Zettel. Die Produkte kommen alle aus dem Tal, inklusive Yak- und Lama-Wurst der Bäuerin Angelika Bandli (siehe anderen Text).

3. Auffellen und Rehjagd

9.37 Uhr In Thalkirch, beim Gasslihof, wartet Marco Waldburger. Er ist Biobauer, Wirt, Jäger und Bergretter und hat nichts dagegen, bei diesem strahlenden Wetter eine Skitour zu machen. Er schlägt das Strätscherhorn vor. "Das hat das beste Preis-Leistungs-Verhältnis zwischen Aufstieg und Abfahrt." Also, Felle auf die Ski und nichts wie los, über ideale Hänge und glitzerenden Pulverschnee hinauf. Gleich am Anfang rennen drei Rehe den Berg herunter, direkt auf uns zu. Der Hund eines anderen Skitourengehers jagt sie vor sich her. Marco ruft den Wildhüter an. Das wird teuer. Schließlich ist das hier ein Naturpark, Hunde müssen an die Leine.

4. Gipfelrast

11.55 Uhr Am Gipfel treffen wir den Hundebesitzer. Marco Waldburger sagt ihm sehr höflich, er solle sich beim Wildhüter melden: "Du weißt eh warum." "Ä Huere-Seich", flucht der über seinen Hund und gelobt Besserung. Marco kann viel erzählen, etwa über seine Einsätze als Bergretter. Erst vor Kurzem, nach starken Neuschneefällen, mussten er und der Wildhüter zwei junge Männer aus einer Lawine ausgraben - beide tot. "Die Leute kommen am Wochenende aus der Stadt", sagt Waldburger. "Die Lawinengefahr ist hoch, aber sie wollen unbedingt was machen, nicht nur Kartenspielen im Gasthaus." Es fehle manchmal der Respekt vor den Naturgefahren.

In der Serie "Ein Tag im Schnee" testet die SZ Skigebiete.​

5. Spuren im Schnee

12.33 Uhr Bei der Abfahrt, die durch tadellosen Pulverschnee führt, mit Blick auf Gelbhorn und Bruschghorn, achten wir strikt darauf, nicht in die Wildruhezone zu fahren. Das kostet nämlich 200 Franken - pro Kopf. Marco zeigt auf zwei Abfahrtsspuren in der Ruhezone: "Die haben gezahlt", sagt er und grinst. Tierspuren sind überall zu sehen: Hier Birkhuhn, dort Schneehase oder Gams. "Aber die Steinböcke sieht man am besten von unserer Terrasse."

6. Steinbock schauen

13.39 Uhr Im Gasslihof betreiben Marco und seine Frau Ursina eine "Beiz", in der es weitgehend Fleisch aus eigener Zucht gibt, zum Beispiel hervorragende, mit Alpkäse durchsetzte Siedwürste. Bis die kommen, späht Marco mit seinem Fernglas Richtung Gelbhorn hinauf. Dann bringt er ein Fernrohr in den richtigen Winkel und sagt: "Da ist er, der Bock". Und tatsächlich ist durch die Linse ein stattlich gehörnter Steinbock zu sehen, der mit Geißen und Jungtieren auf schon ausgeaperten Grasstellen unter den Felsen äst. Andere Gäste wollen auch mal durchschauen. Auf der Terrasse ist es jetzt so warm, dass man sich eine Badehose herbeiwünscht.

7. Almhüttenwerbung

15.28 Uhr Stattdessen sind da Michèle Hürlimann und ihr Freund Toni Bobe. Die beiden nehmen mich mit auf eine Schneeschuhtour mit besonderem Gerät, einem Tiefschnee-Rodel. Das Gefährt namens Snowbraker hat ein deutscher Tüftler erfunden und das Safiental schien ihm der ideale Ort, um seine Praxistauglichkeit zu prüfen. Am Gasslihof kann man die Schlitten ausleihen. Mit Michèle, die hier im Tal Schneeschuhtouren anbietet, und Toni, einem freundlichen Bad Tölzer, der im Sommer als Senner auf der größten Alm arbeitet, geht es im Auto ins Dorf Camana. Das besteht aus derart vielen, pittoresk hingewürfelten Holzhäuschen, dass man denken könnte, es sei nur ein Werbeplakat.

8. Snowbraker und Totenbeinli

16.01 Uhr Man kann den relativ sperrigen, aber leichten Rodel ziehen oder tragen. Im Abendlicht geht es mit Schneeschuhen über eine brüchige Schneekruste hinauf zu den Camana-Hütten. Als Sundowner reicht Michèle einen harzigen Zirbenschnaps, dazu sogenannte Totenbeinli, harte, lange Kekse mit Haselnüssen. "Die wurden früher bei Totenmählern gegessen", erklärt Michèle. Sie hat das Safiental vor einigen Jahren entdeckt und ist hier hängen geblieben. Es sei ein Tal ohne Trubel, auch im Sommer, sagt Toni, deshalb gefalle es ihnen hier.

9. Bruchharsch auf breiten Kufen

17.00 Uhr Die Fahrt mit dem Snowbraker, der sehr breite Kufen und zwei Pedale zum Steuern hat, will erst einmal gelernt sein. Doch dann fährt er sogar im Bruchharsch relativ gut. Man kann ihn laufen lassen, auch in steilen Hängen, mit den Pedalen bremst man schnell. Es ist ein guter Ski-Ersatz für Schneeschuhgeher, die keine Lust haben, alles wieder runterzustapfen.

10. Alkohol im Klassenzimmer

18.15 Uhr Wieder unten, im Dorf Camana, gibt es ein kühles Bier im Klassenzimmer. Michèle und Toni betreiben in der alten Dorfschule eine kleine Pension. Im ehemaligen Klassenzimmer hängt noch die alte Tafel, darauf stehen die Gerichte, die sie anbieten. Gemütliche Sofas, eine hölzerne Theke und durch die großen Klassenfenster ein fantastischer Blick auf die Dreitausender, die sich jetzt mit dem letzten orangen Licht färben. Toni bringt seinen eigenen Alpkäse zum Probieren. Vor dem Haus stehen eine Fass-Sauna und ein Heißwasserzuber - mit unverbaubarem Bergblick. Leider bleibt beides heute kalt. Man wird also wiederkommen müssen.

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