Digitale Entgiftung im Urlaub Wo ist bitte der Aus-Knopf?

Geht es auch mal ohne? Digital Detox verspricht Erholung vom Smartphone.

  • Viele Menschen nehmen die Arbeit mit in den Urlaub und rufen Mails noch auf der Toilette ab: Die amerikanische Firma "Digital Detox" bietet nun eine Entziehungskur für Menschen an, die ohne ihr Smartphone nicht leben können.
  • Hauptsächlich Frauen besuchen das dreitägige Sommercamp in der Nähe von San Francisco, in dem Handys und Gespräche über den Job verboten sind.
  • Anbieter Levi Felix spricht von einer "Bewegung", die immer mehr Zulauf erfahre. Dass es sich dabei auch um ein gutes Geschäft handelt, will er nicht kommentieren.
Von Hans Gasser

Natürlich die Kalifornier! Wer sonst. Zuerst ballern sie uns zu mit iPhones und iPads, machen die Welt abhängig von Facebook, Twitter und Whatsapp, und dann, wenn selbst im Urlaub alle nur noch die Köpfe gesenkt halten und aus ihren Gesichtern jede Farbe gewichen ist bis auf den bläulichen Widerschein der Displays, dann kommen sie an und sagen: Hey guys, it's time for digital detox!

Detox, also Entgiftung, das ist ja schon seit Jahren ein Thema in der Urlaubswelt: Brennnesseltee trinken und Yoga machen in Südindien oder für viel Geld eine Woche Fasten mit wässrigen Suppen und Brot ohne Butter in einem "Medical Retreat" in den Alpen. Nun aber geht es ans Eingemachte, nämlich an unsere Abhängigkeit von den digitalen Endgeräten. Viele Menschen nehmen die Arbeit mit in den Urlaub, rufen Mails noch auf der Toilette oder im Restaurant ab, und Freizeit bedeutet, schnell mal ein paar Tweets zu folgen oder zu schauen, was einer der 250 besten Freunde auf Facebook gepostet hat.

Leute in Seuchen-Schutzanzügen sammeln Handys ein

In diese Welt der immer stärker elektronisch verbundenen, aber immer gestresster und einsamer werdenden Individuen stößt nun ein Angebot einer in Oakland beheimateten Firma namens Digital Detox: Im staatlichen Wald bei Mendocino, etwa 200 Kilometer nordöstlich von San Francisco, veranstaltet sie dreitägige Sommercamps, die eine Mischung aus Teenie-Zeltlager und Entziehungskur sind. Die wichtigste Regel des "Camp Grounded" genannten Spektakels ist das Abgeben und Wegsperren aller elektronischen Geräte. Sie werden von Mitarbeitern in Seuchen-Schutzanzügen entgegengenommen, in beschriftete Beutel verpackt und in der "Decontamination-Area" aufbewahrt, bis die Teilnehmer abreisen.

Die zweitwichtigste Regel ist das Verbot, über die Arbeit zu sprechen und Networking zu betreiben. Damit den ständig unter Strom stehenden Großstädtern nicht langweilig wird, gibt es mehr als 50 Animationsangebote. Sie reichen vom Fähnchenstehlen über Yoga, Malkurse und Gemüseeinwecken bis zur "Naked connectedness": Dabei zieht man sich in einer Jurte zusammen mit 20 anderen nackt aus, und jeder darf über seine größten körperlichen Unsicherheiten sprechen.

Der Zulauf von Camp Grounded ist enorm. Jeweils 300 Teilnehmer, fast zwei Drittel von ihnen Frauen, lassen sich die drei Tage in Hütten oder Zelten im Wald die stolze Summe von rund 600 Dollar kosten. Levi Felix, der Gründer von Digital Detox und Camp Grounded, hat wohl einen Nerv der Zeit getroffen: "Wir werden alle dadurch definiert, was wir arbeiten und bei welchen sozialen Netzwerken wir sind", sagte er dem Wirtschaftsmagazin Forbes. "Hier im Camp bekommen die Teilnehmer die Möglichkeit, sie selbst zu sein, das ist das Besondere."

Auf allen bösen digitalen Kanälen vermarktet

Felix war selbst einst Vizechef eines erfolgreichen Start-ups in Los Angeles, arbeitete 70 Stunden pro Woche und schlief im Büro, bis er vor lauter Stress krank wurde und sich eine längere Auszeit nahm. An deren Ende beschloss er, dass sich "in unserem Umgang mit digitalen Geräten etwas ändern muss". Ein durchschnittlicher Amerikaner verbringe die Hälfte seiner Wachzeit vor Bildschirmen, viele exzessive Internetnutzer litten unter Depressionen, heißt es auf der Internetseite von Digital Detox. Dass es dabei nicht nur um reine Weltverbesserung geht, sondern auch um ein gutes Geschäft, das hoch professionell auf allen bösen digitalen Kanälen vermarktet wird, dazu will Felix auf SZ-Anfrage nichts sagen. Er spricht lieber von einer "Bewegung", die immer mehr Zulauf erfahre.

"Die Idee hinter den Angeboten von Camp Grounded ist es, den Leuten die Möglichkeit zu geben, etwas Reales mit ihren Händen zu machen, etwas, das sie nicht mit einem Knopf rückgängig machen können - die Fehler gehören dazu." So gibt es im Camp durchaus ironisch gemeinte Einrichtungen wie die "menschliche Suchmaschine", bei der man in hölzernen Boxen Fragen deponieren kann, die dann vielleicht ein anderer Teilnehmer mit einer alten Schreibmaschine beantwortet. Der Aufwand solle den Leuten bewusst machen, wie oft sie im Alltag ihre digitale Post-Eingangsbox checken. Der humorvolle Zugang, das Spielerische, ist wohl ein wichtiger Teil des Erfolgsrezepts: "Die Leute dürfen wieder Kind sein, rumalbern und einfach endlos Spaß haben!", so Levi Felix.