Campus Galli Ein Kloster bauen, mehr Entschleunigung geht kaum

In einem Wald in Baden-Württemberg errichten Handwerker eine Klosteranlage mit der Technik des 9. Jahrhunderts. So langsam, dass nicht jeder das Ergebnis erleben wird. Dafür kann man hier noch Mensch sein, finden die Beteiligten.

Von Hans Gasser

Drei Jahre harte Arbeit - und alles umsonst? Bäume umhacken und zersägen mit Werkzeug, das man vorher selbst schmieden musste. 14 000 Holzschindeln machen und in das Kirchendach einsetzen, eine Hunderte Kilo schwere Steinplatte hineintragen und auf den Altar wuchten. Und obwohl die mit Methoden aus dem 9. Jahrhundert errichtete Holzkirche des Campus Galli so hübsch im Wald bei Meßkirch nördlich des Bodensees dasteht, muss sie wieder abgerissen werden - eigentlich. Denn an ihrer Stelle soll eine steinerne Kathedrale errichtet werden, 70 Meter lang und mit zwei Glockentürmen. So, erklärt Hannes Napierala, hätten das die Menschen im Mittelalter auch gemacht. "Wir werden die Holzkirche aber stehen lassen, denn die Kathedrale bauen wir auf einer Anhöhe. Das wird noch viele Jahrzehnte dauern."

Napierala ist der Geschäftsführer des von einem Verein getragenen Projektes "Campus Galli". Der Archäologe und seine rund 35 fest angestellten Mitstreiter haben es sich zum Ziel gemacht, ein mittelalterliches Kloster zu bauen - allein mit dem Werkzeug und dem Wissen, das die Menschen im Mittelalter hatten. Und das geht langsam, wird Jahrzehnte und vielleicht sogar ein Jahrhundert dauern - ein großes Manöver der Entschleunigung. Zahlende Besucher können den Schmieden, Zimmerleuten und Steinmetzen bei der Arbeit zuschauen. "Das Einzigartige bei uns ist, dass wir nichts spielen", sagt Napierala. "Der Schmied schmiedet nur Dinge, die wirklich auf der Baustelle gebraucht werden." Das scheint anzukommen bei den Leuten, denn im vergangenen Jahr hatte die Baustelle knapp 80 000 Besucher. Man könne die Personalkosten bereits mit den Eintrittsgeldern decken, so Napierala.

Archäologen lernen beim Bauen: Es muss damals bereits große Sägen gegeben haben

Für ihn als Wissenschaftler gehe es auch darum, im Sinne der experimentellen Archäologie neue Erkenntnisse zu gewinnen. Etwa, dass es bereits im 9. Jahrhundert größere Sägen gegeben haben muss. Die Herstellung von Holzschindeln funktioniere nur mit relativ mächtigen Bäumen. "Zum Zerteilen dieser brauchte man Sägen, auch wenn es keine schriftlichen oder bildlichen Quellen dazu gibt."

Der Campus Galli heißt so, weil er nach dem St. Galler Klosterplan gebaut wird, einem Dokument aus dem 9. Jahrhundert, das den idealen Grundriss einer Klosterstadt zeigt. Dieser Plan wurde nie 1:1 verwirklicht, diente aber für viele Klöster in Europa als Vorbild. Der Abt des Klosters Reichenau schenkte ihn dem Abt des Klosters in St. Gallen, mit den Worten, er solle ihn als Anregung verstehen, um seine "Findigkeit daran zu üben".

Und so wird es auf den insgesamt 25 Hektar Fläche bei Meßkirch auch gemacht. Man verwendet großteils das Material, das es dort gibt, und setzt Schritt für Schritt Teile des Plans um, so, wie es die Menschen in karolingischer Zeit gemacht hätten. Ganz am Anfang stand die Ummauerung von Obst- und Gemüsegärten, um die Arbeitskräfte zu versorgen. Alte Sorten wie weiße Möhren, Linsen und Einkorn wurden gepflanzt, Hühner- und Schweineställe errichtet. Eine Rückzüchtung heutiger Schweinearten zum damals verbreiteten deutschen Weideschwein wühlt zwischen den Ställen herum.

Das Glockengießen ging schief, der Marder fraß die Hühner

Sehr wichtig sind auch die Gewerke, also die Arbeitshütten der Handwerker, die sich gegenseitig brauchen, um voranzukommen. "Wenn der Schmied kein Werkzeug schmiedet, kann der Zimmerer ihm keinen Unterstand bauen und er also nicht arbeiten", sagt Napierala. Der Teamgeist und die konkreten Ergebnisse der Arbeit seien für viele Mitarbeiter denn auch die Hauptmotivation. "Man kann hier noch mehr Mensch sein, als es in der Arbeitswelt draußen der Fall ist", so der Archäologe. Man habe schon mehrere Mitarbeiter aus einer Arbeitsloseninitiative angestellt, die hier ihre Bestimmung als Korbflechter oder Gärtnerin gefunden hätten.

Es gibt ständig etwas zu tun, und das ist auch der Reiz für die täglich etwa 400 Besucher: Mal muss eine Glocke gegossen, dann die Chorschranke kunstvoll verziert oder die Roggenernte eingebracht werden. Die Campus-Galli-Mitarbeiter tragen Leinen- und Wollkleider, sollen keine knallige Unterwäsche tragen und haben Handyverbot auf der Baustelle. "Die Besucher wollen ja mittelalterlichen Menschen bei der Arbeit zuschauen", so Napierala.

Dazu gehören natürlich auch die Rückschläge. So ging das Glockengießen nach langer Vorarbeit schief, der Marder drang in den Hühnerstall aus Weidengeflecht ein und die wuchernde Vegetation muss mit Sicheln und Hacken mühsam im Zaum gehalten werden. "Aber genau darum geht es uns", so Napierala: "Wissen zu vermitteln über das Leben auf einer Baustelle im 9. Jahrhundert."

Di. bis So. 10.00 - 18.00 Uhr, www.campus-galli.de

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