Nordsee Spaziergang in einer anderen Welt

Norderoogsand im Wattenmeer.

(Foto: Carsten Rehder/dpa)

Vor der Westküste Schleswig-Holsteins liegen riesige Sandbänke. Auf Norderoogsand haben Besucher die Chance, die Entstehung einer neuen Insel zu erleben.

Von Oliver Abraham

Anleger Hooger Fähre, Insel Pellworm. Es ist Mittag, und das Wasser läuft langsam ab. Johann und Andreas Hellmann klettern auf ihr kleines Ausflugsschiff. Mit einer Handvoll Gäste wollen die beiden Brüder hinaus Richtung Nordsee, hinaus nach Norderoogsand. Denn wer denkt, hinterm Deich von Hallig und Insel hört die Welt auf, täuscht sich: Draußen liegen die Außensände. Riesige Sandbänke, die bei normalem Hochwasser nicht mehr überflutet werden, aufgeworfen von der See, aufgereiht wie eine Kette von Amrum bis zur Elbe. Manche sind auf dem Weg, eine richtige Insel zu werden, mit Dünen und Pflanzen, brütenden Vögeln und schlafenden Seehunden.

Es geht zum Norderoogsand. Kaum jemand darf dorthin. Die Hellmann-Brüder haben seit der Errichtung des Nationalparks Schleswig-Holsteinisches Wattenmeer in den 1980er-Jahren ein Kontingent; sie können eine festgelegte Anzahl Gäste in einem genehmigten Korridor über den Außensand führen. Ein Spaziergang in einer anderen Welt, terra incognita. Und das wird auch so bleiben. Denn die Außensände sind größtenteils Sperrgebiet.

Die Außensände sind eine Gabe der Nordsee, nur geborgt. Jeder Sturm verändert ihre Form

Möwen und Austernfischer begleiten die kleine MS Gebrüder auf ihrer ein- bis anderthalbstündigen Fahrt von Pellworm hinaus nach Norderoogsand. Das ablaufende Wasser strömt mit ungeheurer Kraft hinterher. In weltverlorener Einsamkeit schleicht die Barkasse durch ein Labyrinth aus Wasserläufen und Sandbänken. Immer mehr davon tauchen aus dem grau-grünen Wasser auf, sie schimmern wie Messing und Gold. Wo genau sie liegen und wie groß sie nach dem letzten Sturm geworden sind - genau weiß es niemand. "Hier draußen sieht die Welt jeden Tag anders aus", sagt Andreas Hellmann; auf der Seekarte ist ein dicker Priel markiert, das "Rummelloch", ihm folgen die Skipper; kräftiges, verlässlich tiefes Wasser. Und das "Rummelloch" strömt vor dem südlichen Ende vom Norderoogsand in die offene See. Dorthin wollen wir.

Immer mehr Sandbänke türmen sich auf, das Wasser fällt schnell. Eine Sandbank, gelegen am westlichen Horizont, unterscheidet sich von diesen nassen Hügeln - sie ist lang gestreckt, gewölbt wie ein Uhrglas, größer und mächtiger als alle anderen. Und weil sie trocken ist, leuchtet, ja strahlt sie im zunehmenden Dunst. "Die Außensände sind nicht nur das jüngste Stück Land und ein faszinierender Lebensraum", erklärt Andreas Hellmann, "sie sind auch ein wichtiges Bollwerk bei Sturmfluten." Allerdings: Sie sind eine Gabe der Nordsee, nur geborgt. "Hier draußen herrscht eine unglaubliche Dynamik", sagt Andreas Hellmann, "Strömungen und Wellen haben die Außensände aufgeworfen. Dies und der Wind verlagern sie jedoch stetig." Grundsätzlich könne man sagen, dass die Außensände bis zu 30 Meter pro Jahr nach Osten wandern.

Der Sand - er ist heute hier und morgen fort. Alles hier draußen unterliegt dem alleinigen Regime der Natur, dem ewigen Rhythmus von Ebbe und Flut, von Strömung und Sturm. Der Mensch ist zurückgeworfen auf das Elementarste. Tatsächlich werden die Wanderer da draußen später verloren und winzig wirken.

Eine Schar Eiderenten fliegt vorüber, wenig später stürzt ein Kormoran aus dem Himmel in die See und taucht mit einem silbrigen, zappelnden Fisch im Schnabel wieder auf. Und der Blick durch das Fernglas offenbart: Dies ist die Heimat von Seehunden - schon auf den Sandbänken sind sie vereinzelt zu erkennen, auf den ersten Ausläufern von Norderoogsand liegen sie nun zu Dutzenden. Die Skipper nehmen das Gas fast völlig raus, auf Schleichfahrt tastet sich die MS Gebrüder durch die Wasserläufe und fährt schließlich in eine Lagune ein. Leise und langsam, um die Seehunde nicht zu erschrecken. Sie liegen auf dem Sand, ruhen sich aus und sonnen sich. Dazwischen mal eine Kegelrobbe.

Seehunden dient die Insel als Ruhestätte.

(Foto: mauritius)

"Die Außensände sind nicht nur ein effektiver Schutz vor Sturmfluten, sie sind auch als Rast- und Ruhegebiet für die Seehunde wichtig. Sie brauchen solche geschützten Räume, um ihre Jungen auf die Welt zu bringen und zu säugen", erklärt Andreas Hellmann. Die Tiere bleiben liegen, blicken aber wachsam, so manche Schnauze taucht aus dem Wasser auf.

Johann und Andreas Hellmann nehmen die Fahrt nun völlig raus. Die MS Gebrüder ruckt sanft auf, ein Anker wird geworfen, die Leiter ins Wasser gestellt. Am Ufer des Außensandes läuft das letzte Wasser von der Sandmasse herab, bei einem Tidenhub von rund drei Metern gehen noch immer große Bereiche während des Hochwassers unter - eine Fläche von sieben Kilometern Länge und maximal zwei Kilometern Breite aber bleibt üblicherweise trocken.

Auf Norderoogsand haben sich bereits bis zu drei Meter hohe Dünen gebildet, die auch bei schlimmster Sturmflut nicht mehr untergehen. Hier haben sich schon Pflanzen angesiedelt - 30 Arten sind verbucht - und für rund 20 Brutvogelarten ist Norderoogsand bereits Heimat. Vor der Westküste Schleswig-Holsteins taucht also neues Land aus der Nordsee auf, und Wissenschaftler haben die einmalige Chance, auf dem Nordteil von Norderoogsand die Entstehung einer Insel zu verfolgen. Dieser Bereich ist für Touristen absolute Tabuzone, aber auf dem genehmigtem Korridor - freilich unter dem wachsamen Auge der beiden Skipper - dürfen die Gäste spazieren. Und unterwegs sein in einer Welt, die nicht mehr wie von dieser zu sein scheint: ein großer, weiter Raum, vom ewigen Wind leergefegt. Eine Wüste im Wasser.

Unter den Füßen knirschen Muscheln. Eine Kaffeekanne hat sich in das Niemandsland verirrt, das Seehunden als Ruhestätte dient.

(Foto: picture alliance / dpa)

Man stapft durch pudrigen, feinen Sand, Muscheln knirschen unter den Füßen. Das Auge findet keinen Halt. Man denkt unwillkürlich an den Schöpfungsbericht im Buch Genesis. Am Anfang ist nur Himmel und Erde, und aus dem Wasser entsteigt das Leben.

Über dem gleißend hellen Sand flirrt das Licht und verzerrt die Motive zu Trugbildern: die Halligen und das ferne Pellworm scheinen zu schweben. Sie sind so überbelichtet und wirken so ätherisch, dass die Szenerie selbst in Auflösung begriffen zu sein scheint, wie ein irrer Traum, dessen Bilder man nicht festhalten kann. Ganz weit weg schwebt Amrum über der Nordsee, vollkommen verzerrt. Der bunte Sonnenhut, die knallige Windjacke der Wanderer sind ein Trost fürs Auge. Ein roter Kanister ist Spielball im Wind, unterwegs von irgendwo nach nirgendwo; so, wie dieses gesamte Land.

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Es ist ein seltsam stiller Tag. Selbst das Meer ist müde. Vor ein paar Tagen sah es hier ganz anders aus, berichtet Andreas Hellmann, da tobte ein Sturm und überflutete Teile dieses schutzlosen Eilands. Er habe hier auf Norderoogsand schon Abbruchkanten von zwei Meter fünfzig gesehen, sagt Hellmann. Was das Meer gibt, das nimmt es auch wieder. Allerdings hat die Nordsee hier auch noch etwas Besonderes gegeben - und davon reichlich: Bernstein.

Aber dermaßen viel wie heute, das ist selbst für Andreas Hellmann eine Überraschung. Wieder eins, wieder eins, dahinten noch mehr; es ist fast wie im Fieber. Jedoch: Die Zeit läuft unerbittlich, und Andreas Hellmann ruft zur Rückkehr. Es geht wieder über die staubtrockene Fläche, auf der der Sand im Fluge leise knistert und kleine Hügelchen bildet - so werden Dünen geboren, so entsteht eine Insel. Eine weite Ebene, die leer gespült und bis zum Horizont mit Seegras und Muschelschalen bedeckt ist.

"Der Norderoogsand wird niedriger", bilanziert Andreas Hellmann aus jahrzehntelanger Erfahrung, "nicht unbedingt kleiner in der Fläche - aber er wird häufiger überflutet." Beim Rückweg geht es etwas bergan, hinter der Wölbung reckt sich zaghaft die Antenne der MS Gebrüder in den Himmel, dann tauchen die Aufbauten auf, schließlich das blau-weiße Schiffchen. Vater Siegfried ist an Bord geblieben und hat Wache geschoben. Man freut sich, dass das Schiff da ist, die Versicherung zur Rückkehr von einem seltsamen Eiland. Wie ein ferner Traum wirkt es schon, als die MS Gebrüder an den Seehunden vorbeischleicht. Heute hier und morgen fort.

Der Norderoogsand ist im Rahmen eines Schiffsausfluges von der Insel Pellworm aus zu erreichen, Dauer circa vier Stunden, davon rund andert- halb Stunden Landgang. Erwachsene und Jugendliche zahlen 17, Kinder zehn Euro, www.pellworm.de

Ausflug auf die Sandbank

Die Außensände liegen an der Westküste Schleswig-Holsteins, den Inseln und Halligen vorgelagert. Auch vor der niedersächsischen und holländischen Küste gibt es solche von der Nordsee aufgeworfenen Sandbänke, die teilweise bei normalem Hochwasser nicht mehr überflutet werden. Vor Amrum etwa findet man den Jungnamensand, bei Pellworm liegen Norderoog- und Süderoogsand. Trischen nahe der Elbmündung gilt bereits als "echte" Insel. Der Kniepsand vor Amrum und die Strände von St. Peter-Ording sind "aufgelaufene" Außensände; sie werden auch Hochsände genannt. Sie bewegen sich aufgrund von Strömung und Wind bis zu 30 Meter pro Jahr ostwärts. Sie verändern sich ständig. Diese Sände sind keine Inseln. Bilden sich auf diesen Sandflächen erste Dünen, in der Folge mit Bewuchs und Brutvögeln, spricht man von einer Düneninsel. Solche Bereiche sind ökologisch besonders wertvoll. Manche Außensände sind sehr schwer erreichbar und für jeglichen Besuch komplett gesperrt. Doch ein paar Außensände kann man besuchen:

Die "Kormoran-Insel" zwischen Föhr, Sylt und Amrum Eine der jüngsten Erhebungen. In den vergangenen anderthalb Jahren hat sie bereits wieder fast die Hälfte ihrer Fläche eingebüßt, wie der Amrumer Nationalpark-Wattführer Dark Blome berichtet. Mit ihm kann man von Amrum zur "Kormoran-Insel" (und dann weiter nach Föhr) laufen (www.der-inselläufer.de). Die "Kormoran-Insel" ist auch von Föhr, nicht aber von Sylt aus zu erlaufen.

Der Japsand vor Hallig Hooge Im Rahmen einer einfachen geführten Tour mit den Leuten von der Schutzstation Wattenmeer auf Hallig Hooge zu erreichen. Hier wächst bereits erstes Gras hinter kleinen Dünen. Der Japsand wird zurzeit größer, im Mittel aber flacher, wie der Leiter der Schutzstation Wattenmeer auf Hallig Hooge, Michael Klisch, berichtet. (www.schutzstation-wattenmeer.de/unsere-stationen/hooge).

Der Blauortsand vor der Küste Dithmarschens Die Tour vom Deich nördlich von Büsum gilt mit rund 24 Kilometern als die längste reguläre Wattwanderung in Schleswig-Holstein und ist Gästen mit ausreichend Kondition vorbehalten. In den vergangenen 20 Jahren hat der Blauortsand rund zwei Drittel seiner Fläche verloren und wird immer häufiger überflutet (www.reiseservice-franzen.de).

Hinweis

Die Recherchereise für diesen Beitrag wurde zum Teil unterstützt von Veranstaltern, Hotels, Fluglinien und/oder Tourismus-Agenturen.