Deutschland Freiheit zum Selberbasteln

Im DDR-Faltboot auf großer Fahrt im Müritz-Nationalpark: Ausgerechnet der Paddler aus dem Westen weckt mit seinem Gefährt ostalgische Erinnerungen bei den Menschen am Ufer.

Von Matthias Drobinski

Geschichten vom Faltboot beginnen nie auf dem Wasser. Und so fängt auch diese Erzählung im sommerheißen Münchner Hauptbahnhof an, freitags nach fünf, wo sich ein schwitzender Mann auf dem überfüllten Bahnsteig mit zwei militärfarbenen Säcken auf einer Karre durch die Menge müht. Ein Reisender merkt auf, er läuft dem Schwitzenden nach. "Entschuldigung", sagt er, "aber ist das nicht ein Klepper Aerius?" Seine Augen leuchten. Nein, mein Herr. Ein RZ 85 ist das. RZ wie Reisezweier, 85 Zentimeter breit. Aus Pouch in Sachsen, nicht aus Rosenheim. Ah, sagt der Mann, DDR. "Hatte mal ein Klepper-Faltboot. Darf ich Ihnen in den Zug helfen?" Der Schwitzende und der Ex-Faltbootfahrer, vereint in kurzer Seemannsfreundschaft, wuchten 35 Kilo Gestänge, Bootshaut, Sackkarre, Paddel in den ICE. Da stehen sie nun, die verschlissenen Baumwollsäcke aus der DDR, mehr als 30 Jahre alt. Stehen da neben den schicken Koffern wie aus der Zeit gefallene Schrate, die es ins Business-Meeting verschlagen hat. Auf geht's. Der See ruft.

Im Grunde aber beginnt diese Geschichte sehr viel früher, viele Jahre vor diesem Freitagnachmittag, in Oberhessen, mit zwei Brüdern und einem Onkel, der eines Tages einen Haufen Holz und eine Bootshaut mit ausgebleichtem blauen Baumwolldeck mitbringt; er paddle nicht mehr, und wenn die Jungs Verwendung hätten, bitte sehr. Es gibt keine Aufbauanleitung, aber irgendwann schwimmt das Teil tatsächlich auf der Lahn, und der Blick der Paddler auf die Welt wird neu, auf Entenhöhe und Schilfniveau, geheimnisvoll und wild, wie in Kanada, kurz hinter Gießen. Doch Faltboote sind sensibel, zwölfjährige Jungs sind es nicht. Spanten brechen, und nicht einmal mehr Vaters Panzertape kann die löchrige Haut zusammenhalten. Bei jeder Fahrt droht der Untergang. Und eines traurigen Tages sind die zerfetzte Haut und das Bootsgerippe weg, entsorgt von den besorgten Eltern. Es bleibt die Erinnerung ans flirrende Licht über dem Wasser, ans Schilfrauschen, an Samstagnachmittage, an denen sich der Himmel und die Zeit unendlich dehnten.

Ein wundes Knie, zwei Dutzend Flüche, 30 Mückenstiche – das ist der Preis, den Faltboot-Neulinge beim Aufbau schon mal zahlen. Aber wenn er dann schwimmt, der Schuft, ist alle Mühsal vergessen.

(Foto: Christoph Busse / VISUM)

Kein Mensch braucht heute mehr ein Faltboot. An jedem mittelgroßen See und Fluss kann man sich zu vertretbaren Preisen ein Kajak oder einen bauchigen Kanadier mieten; wer Spaß am Paddeln gefunden hat, kauft sich ein schickes Boot aus Glasfaser oder gar Carbon. Das Faltboot ist selten geworden. Kaum vorstellbar, dass es vor 90 Jahren Sonderzüge gab, die Burschen mit grauen Sackwürsten auf Rädern von München nach Bad Tölz oder Lenggries fuhren, damit die das Wochenende über die Isar hinunter zurück nach München paddeln konnten; dass es Faltbootrennen gab, bei denen der Aufbau Teil des Wettkampfes war.

Das Faltboot ist eine Münchner Erfindung. 1905 baut der Architekturstudent Alfred Heurich ein Boot aus einem Bambusgerüst, das er mit einer Leinwand bespannt; Vorbild sind die Boote aus Knochen und Robbenfell der Inuit. Die Isar führt Hochwasser, als er seine Konstruktion besteigt, die er Luftikus getauft hat. Heurich schafft die 40 Kilometer von Bad Tölz nach München unfallfrei. Die Presse reagiert empört auf die "Lumpenkahn"- oder "Hadernkahn"-Fahrer, die da ihr Leben riskieren. Das zerlegbare Boot aber wird zum Erkennungszeichen der Naturfreunde und Wandervögel, die der Enge der Städte entfliehen. Der Rosenheimer Schneidermeister Johann Klepper hat 1907 das Patent von Heurich gekauft und macht zu dessen Ärger nun das große Geschäft. Man singt das Faltbootlied: "Faltboot Heil! / Wie ein Pfeil / Schießt es durch die Wogen ..." Die Szene hat ihre eigenen Heroen. 1928 bricht Franz Romer von Gran Canaria auf und überquert in 58 Tagen mit seinem Klepper den Atlantik; auf dem Weg von der Karibik nach New York verliert sich seine Spur. 1956 gelingt Hannes Lindemann die Atlantiküberquerung mit dem Faltboot, er überlebt, knapp.

Das Boot diente zur Flucht aus der Republik: Sein Holzkörper war für den Radar unsichtbar

Das Auto macht der Bewegung in der Bundesrepublik ein Ende. Man kann nun ein Boot aufs Dach schnallen, fertig. In der DDR dagegen bleibt das Faltboot begehrte Mangelware und ein Symbol für die kleine Freiheit auf dem Wasser, für die Flucht auf Zeit aus der Monotonie der Plattenbauten und der Enge des Systems. Manchmal wird aus der kleinen Flucht die große in die Freiheit. Der RZ 85 ist einigermaßen meerestauglich und dank seines Holzgerüsts für den Radar unsichtbar. Immer wieder machen sich Paddler auf die gefährliche und manchmal auch tödliche Route Richtung Westen. In den Sommermonaten filzt die Stasi die Züge Richtung Ostsee, wer ein RZ 85 dabeihat, gar mit Segelanlage, macht sich verdächtig.

Das Ende der DDR macht die großen Fluchten überflüssig und die kleinen Fluchten unattraktiv, die Boote landen in den Kellern, für die Poucher Werke beginnt der Überlebenskampf. Für Faltboote interessieren sich nur noch ein paar Nostalgiker und jene Freaks, die keine Flugreise ohne ihr Hightech-Faltboot von Feathercraft für 6000 Euro antreten. Oder eben jener Junge von einst, der die Welt aus der Entenperspektive nicht vergessen hat. Eines Tages ist da dieses Angebot, RZ 85 Exquisit, gut erhalten, günstig abzugeben. Exquisit? Keine Ahnung. Aber da ist dieses wunderbar blaue Oberdeck, die elegante Linie, das hoffnungslos spießige Karomuster auf der Rückenlehne des Sitzes. Zugeschlagen. Ein neuer Lebensgefährte zieht in den Keller. Einer mit Ansprüchen, wie der neue Besitzer lernt.

Exquisit heißt das Boot, weil die DDR das Land der großen Schönfärbung war: Die alten Boote bis in die Siebzigerjahre hatten eine dicke, vierlagige Elefantenhaut und ein Gerüst aus Birkenholz. Als in den Achtzigern das Material knapp wurde, wurde die Haut dünner, danach kam das Leimholz. Und der Name: Exquisit. Leimholz ist nicht wasserdicht, es muss immer mal wieder mit Bootslack gestrichen werden. Der neue Faltbootbesitzer lernt also, mit Bootslack zu streichen. Er lernt, das Oberdeck zu imprägnieren, wunde Stellen in der Bootshaut zu behandeln wie ein aufgeschrammtes Kinderknie - und sogar den Riss an der Befestigung der Steueranlage zu reparieren. Er weiß bald, was Spanten sind und was der Süllrand ist und warum eine Internet-Präsenz der Faltbootfreunde faltbootbasteln.de heißt. Ein Dutzend Terrassenabende später ist das Boot schön und blau und das Gerüst riecht nach Lack, die Terrasse leider auch. Egal. Der Reisezweier ist fertig zur Reise in die alte Heimat, an die Mecklenburgische Seenplatte.

Vor 90 Jahren fuhren Burschen mit grauen Sackwürsten auf Rädern durch Bayern. Darin war eine Münchner Erfindung: das Faltboot.

(Foto: Vbeer)

So kommt es zu Verbrüderung der Bootsfreunde am überfüllten Bahnsteig in München, gibt es ein hastiges Umsteigen in Nürnberg und die Erkenntnis, dass der ICE zwar nicht auf den Faltboot-Transport hin optimiert ist, die freundliche Schaffnerin aber hilft, das Gestänge in der Gepäckablage und die Haut neben diversen Reisekoffern zu verstauen. Überhaupt zaubern die Bootssäcke die Mundwinkel der Leute nach oben. Was ist das? Woher, wohin? Wer einsam reisen will, sollte das Ding vorab verschicken. Weiter geht es nach Berlin, mit der Regionalbahn nach Kratzeburg im Müritz-Nationalpark, ins Quellgebiet der Havel.

Der Tag ist ein Traum aus Sonne, ein paar Wolken und dem endlosen Himmel von Mecklenburg. Der stolze Bootsbesitzer und seine Frau zockeln hinunter zum Käbelicksee, Kanu-Hecht, der Bootsverleiher, kommt in den Blick. Ob man auf seiner Wiese das Boot aufbauen dürfe, mal schnell? Anerkennendes Nicken. Ah, ein Faltboot. Klar, kein Problem.

"Aufzubauen in einer Viertelstunde!" Das war Alfred Heurichs Devise 1905. Man findet auch Youtube-Videos von Kennern, die einen RZ 85 in weniger als 30 Minuten startklar haben. In den einschlägigen Foren fehlt aber nie der Hinweis, dass der RZ 85 zwar traumhafte Fahreigenschaften besitze, der Aufbau aber knifflig sei. Vielleicht ist ja auch im Keller die Haut geschrumpft oder das Gestänge gewachsen. Nichts passt. Die Sonne scheint unerbittlich auf den Faltbootbastler, die Zeit verrinnt. Eine Stunde. Eineinhalb. Bug in die Haut geschoben, Bug aus der Haut gezogen, alles wieder von vorne. Die Haut ist zum Zerreißen gespannt, die Nerven des Faltbootbastlers sind es auch. "Ihr seid ja immer noch da", sagt der freundliche Bootsverleiher, als die nächste Gruppe mit ihren Plastik-Kanus kommt. Manchmal sind Menschen eines unbedachten Wortes wegen erschlagen worden.

Reiseinformationen

Anreise: Der Transport eines Faltboots mit der Bahn ist in Regionalzügen kostenlos - und unkompliziert, wenn man das Gepäck auf eine Sackkarre schnallt. Für die Fahrt im ICE müssen manchmal die Taschen einzeln untergebracht werden. Wer sich die Plackerei sparen möchte, kann für 27,50 Euro den Hausgepäck-Service der Bahn buchen, www.bahn.de

Faltboot mieten: Es gibt zahlreiche Verleih-Stationen an der mecklenburgischen Seenplatte. In Fürstenberg: www.nordlicht-kanu.de (mit guten Tourenvorschlägen); in Kratezburg: www.kanu-hecht.de

Unterkunft: Zahlreiche Camping- oder Biwak-Plätze (Blankenförde, Userin, am Woblitzsee, Priepert). Außerdem Pensionen oder Gästezimmer; www.mecklenburgische-seenplatte.de/gastgeber

Doch Hilfe naht. Einer der Kanuten hat auch ein Faltboot im Keller (warum mietet der jetzt wohl?); ein gemeinsamer Männerdruck an der richtigen Stelle, fertig. Der Preis des Aufbaus: ein wundes Knie, zwei Dutzend Flüche, 30 Mückenstiche. Aber: Er schwimmt, der Schuft. Gleitet lautlos durchs Wasser, leise plätschern die Paddel. Hinaus geht's auf den See, den der Wind kräuselt, den jungen Fluss entlang. Die Kronen der Pappeln bilden ein Gewölbe wie ein gotischer Dom, und weil sich alles spiegelt im Wasser, meint man zu schweben.

Eine Brücke, Menschen, die winken, als sie das Boot sehen. "Ist das DDR?" Ja, das ist DDR. Und ausgerechnet der Besitzer aus dem Westen, der vor drei Stunden diese kleine DDR aus Holz und PVC am liebsten kleingehackt hätte, weckt die ostalgischen Träume von der kleinen Freiheit von damals. "Guck mal, noch ein Faltboot", rufen die Kinder an der Umtragestelle, wo man sein Boot per Lore zum nächsten See schiebt. Ja, es gibt wieder Faltboote auf den Seen in Mecklenburg und Brandenburg, einige neue, vor allem aber alte, aus den Kellern geholte. Und schon ist man mit den Eltern im Gespräch über die beste Methode, den schmerzenden Hintern und den wehen Rücken zu vermeiden, den es im Boot ohne Zusatzpolster gibt.

Für Liebhaber: der RZ 85 - ein Reisezweier von 85 cm Breite - besteht aus einem Holzgerüst, umspannt von blauer Haut und knifflig im Aufbau.

(Foto: Matthias Drobinski)

Alles egal. Vernachlässigenswert, dass die Seenplatte zwar eine Landschaftsschönheit ist, kulinarisch aber eine Wüste, in der Kellner und Köche ihr knappes Gut mal mehr und mal weniger gnädig zuteilen. Egal, dass die Mücken sich hier weder vom Mückenmittel beeindrucken lassen noch vom Nieselregen, der am zweiten Tag der Reise einsetzt und einen trüben Herbst ahnen lässt. Die Welt wird noch einsamer, sie schrumpft mit der Sichtweite.

Ab Wesenberg sind die Motorboote wieder da, blubbernde Pötte, Flöße, die Ferienhäuslein tragen und denen jemand, der Mensch und Tier nicht mag, einen Außenbordmotor mit Rasenmähersound angeschraubt hat. Die Stille hat Löcher, der Wind fegt noch einmal Schauer übers Wasser, zum Glück kommt er von hinten. Wer 2o Kilometer und mehr gegen Wind und Wellen paddeln muss, weiß abends, was er getan hat. Fürstenberg kommt in Sicht. Der Steg neben der Badewiese ist leer, das große Abbauen und Trockenreiben beginnt. Dem feuchten Gewebe droht der Schimmel, und feucht sind Haut und Gestänge auch noch nach einer Stunde Warten. Fragende Blicke, dann der Beschluss: Es darf mit ins Wohnzimmer, das Boot, für eine Nacht und einen Tag, zum Trocknen. Geschichten vom Faltboot enden nie auf dem Wasser.