Urlaub muss sich wieder lohnen: Ein paar ganz entspannte Warnungen vor der gefährlichsten Zeit des Jahres.
(SZ v. 17.07.2003) Herr, es ist Zeit. Der Sommer ist sehr groß. Leg deinen Schatten auf die Stempeluhren, und auf den Fluren lass die Winde los. Wer jetzt keine Finca hat, kriegt kein Hotelzimmer mehr. Wir multiplizieren das Leben mit Sonnenschutzfaktor zehn und schlagen das Regenverdeck über unserer Sehnsucht zurück. Denn es ist Sommer, und stimmungsmäßig sitzen wir alle im selben Cabrio.
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Vergessen das Monitum vom "Freizeitpark Deutschland", genauso wie alle Prophezeiungen einer unmittelbar bevorstehenden Freizeitgesellschaft, da Roboter die Drecksarbeit verrichten und wir am Pool die Cohibas mit Hundert- Euro-Noten entzünden. (© )
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"Eine seltsame Ausweitung seines Innern ward ihm ganz überraschend bewußt, eine Art schweifender Unruhe, ein jugendlich durstiges Verlangen in die Ferne ... Es war Reiselust, nichts weiter; aber wahrhaft als Anfall auftretend." So beschreibt Thomas Mann in "Der Tod in Venedig" das Gefühl Gustav von Aschenbachs, als dieser zum ersten Mal in seinem Leben urlaubsreif ist, eine Empfindung, die ihn beim Abendspaziergang durch ein gewitterdumpfes München befällt. Bisher hatte er, der norddeutsche Arbeitsethiker avant la lettre, sich solche Anwandlungen nicht durchgehen lassen, war zu verbissen in die künstlerische Mission, um Ferien nicht als unsozial gegen sich selbst zu empfinden.
"Der Erholung bedürfen wir, weil wir nicht ununterbrochen arbeiten können", schrieb Aristoteles vor über zweitausend Jahren - eine Binsenweisheit, an die man freilich in diesen Tagen erinnern muss, denn das Wort "Urlaub" hat derzeit einen so schlechten Leumund, als wäre es der Name einer ukrainischen Währung.
Vergessen das Monitum vom "Freizeitpark Deutschland", genauso wie alle Prophezeiungen einer unmittelbar bevorstehenden Freizeitgesellschaft, da Roboter die Drecksarbeit verrichten und wir am Pool die Cohibas mit Hundert- Euro-Noten entzünden. Niemand sei eine Insel, musste sich noch vor einigen Jahren der hedonistische Single Will in Nick Hornbys Roman "About a Boy" vorhalten lassen, weil er noch keinen einzigen Tag in seinem Leben gearbeitet hat. Worauf er trotzig erwiderte: "Doch. Ich bin eine Insel. Ich bin Ibiza". Aber die Zeit regressiver Robinsonaden ist vorbei.
Schon im letzten Sommer hatte die Bild-Zeitung als Controller der Republik die Urlaubstage der Bundesminister nachgezählt. Jetzt ist die Öffnungsklausel durch, Beamte müssen mehr arbeiten bei weniger Urlaubsgeld, auch die Wochenarbeitszeit der Briefträger ist verlängert worden. Wirtschaftsminister Clement möchte Feiertage streichen, und der bayerische Ministerpräsident Edmund Stoiber denkt laut darüber nach, wofür und wovon der Spaßkanzler eigentlich Urlaub braucht. Deutschland liegt am Boden, doch Gerdissimo Schröder soll pflichtvergessen den Amts-Brioni in den Schrank hängen, an der Spiaggia von Rimini oder an der Leine herumgammeln und sich nach süßem Nichtstun mit Barolo zuschütten?
Und überhaupt: Haben denn wir anderen Deutschen Urlaub verdient? Die Republik muss in Reform gebracht werden; vergangenen Sommer wurden noch solidarisch Sandsäcke geschleppt an der Elbe - so soll es immer sein. 35 Stunden-Woche? Die soziale Hängematte kommt in den Keller, zusammen mit Snowboard und Taucher-Ausrüstung. Die wenigen, die Arbeit haben, müssen mehr arbeiten, die, die keine haben, sollen sich gefälligst klaglos in die Ameisenstraße einfädeln. Arbeitslosengeld, Sozialhilfe und Sterbegeld werden gekürzt. Nie zuvor in der Geschichte der Bundesrepublik war der Krankenstand so niedrig wie jetzt. Und über die Lebensarbeitszeit müssen wir sowieso noch mal reden.
Wenn Urlaub schon sein muss, dann sollten wir bitte das Geld im eigenen Land lassen, Hotellerie und Gastronomie ankurbeln, Titi- statt Titicacasee, Possenhofen statt Positano. Nicht nur Bali, auch Rügen ist eine Insel, und selbst am Timmendorfer Strand fliegt die Kuh. Unsere wahren europäischen Freunde in Italien und Frankreich tun das Ihre, um der deutschen Volkswirtschaft aufzuhelfen, indem sie durch Schmähungen und Streiks die Touristen vergraulen.
Höchste Ferienzeit, sich in Erinnerung zu rufen, dass Urlaub ursprünglich "Erlaubnis" bedeutet, die Lizenz, dem Dienst fernzubleiben. Urlaub hat man nicht einfach, man wird beurlaubt. Und keine andere Sprache außer dem Deutschen kennt Urlaub als Tätigkeitswort: Urlauben. Wer "urlaubt", legt eben noch lange nicht die Hände in den Schoß - ein nützlicher linguistischer Wink, dass Urlaub keineswegs gleichbedeutend ist mit Ferien, also Ruhe- und Feiertagen. Weshalb die gebildeten Stände das Unwort geflissentlich vermeiden. Wer auf sich hält, macht keinen Urlaub: entweder er "reist", und zwar notabene außerhalb der Schulferien, wenn der Plebs über die Strände kommt wie die Ölpest, Sangria aus Kloschüsseln saugt und im Billigbomber bei der Landung Beifall klatscht.
Oder man "verbringt" die Ferien irgendwo, man weilt in seiner Sommerre sidenz, der Finca, dem Rustico, dem Chalet. Urlaub klingt ja schon proletenhaft, und dass man welchen nötig habe, hört sich nach dem Eingeständnis an, entfremdete Lohnarbeit zu verrichten. "Wir opfern unsere Muße, um Muße zu haben", wusste schon Aristoteles. Arbeit und Urlaub sind die beiden Seiten derselben matten Medaille. Nur, wer in der Arbeit nicht identisch ist mit sich selbst, sich nicht "verwirklicht", macht Urlaub.
Wie unangebracht es ist, des Deutschen heiligste Kuh anzugreifen, zeigt sich schon daran, wie fleißig wir in dieser Zeit sind. Urlaub ist für uns Weltmeister im Ferienmachen nur die Fortsetzung der Arbeit mit anderen Mitteln: Eine zubehörintensive Vollzeitbeschäftigung, das Ende der Werterschöpfungskette - was schon der zweckmäßigen Uniformiertheit der Urlaubenden anzusehen ist.
Der Urlaub ist uns, den Erfindern des Baedekers und der Bildungsreise, gerade darum so viel wert, weil auch er erarbeitet sein will: Wir sind Hochleistungstouristen. Aktivurlaub ist uns nur ein Synonym für Urlaub schlechthin, denn einen Passivurlaub kennen wir nicht: Luftmatratze aufpumpen, Schlauchboot takeln, Sandburg ausheben. Vor Tau und Tag beginnt der Kampf, wer als erster das Badetuch auf dem Liegestuhl hat. Und dann erst das Kampftrinken. Man sollte nicht vergessen, in Urlaub steckt das Wort "Ur".
Faulheit liegt uns nun mal nicht. Philosophen haben über die Unmöglichkeit des absoluten Nichtstuns nachgegrübelt. Alles Unheil beginnt ja damit, dass der Mensch nicht still in seinem Zimmer sitzen kann. Und nichts ist bekanntlich schwerer zu ertragen als eine Reihe von schönen Tagen, schrieb der Ahnvater deutschen Fernwehs, Ur-Urlauber Goethe. Wer keine Mountainbiketour in den Cevennen macht, klappert wenigstens mit Studiosus sämtliche ionischen Säulenkapitelle auf dem Peloponnes ab. Endlich den neuen Walserupdike wegputzen, Arztgattinnen aquarellieren naturtrüb, in Umbrien können ausgebrannte Manager taoistisch-makrobiotisch töpfern, in Goa gibt es die transzendentale Ayurveda-Kur. Mit entschlacktem Karma nehmen wir auch noch den Workshop in Power-Yoga mit, meditieren in der Bretagne unter Menhiren für den Weltfrieden und hauen auf Kreta unsere Seinsverbundenkeit in rohen Stein.
In den Ferien sind wir dermaßen rundumkreativ - wir urlauben uns irgendwann noch zu Tode. So gesehen müssten die freizeitwütigen Deutschen wirklich vor sich selbst beschützt werden. Hans Castorf wird den "Zauberberg", seinen Urlaubsort, erst nach vielen Jahren wieder verlassen, und Gustav von Aschenbach kommt nicht lebendig aus der Sommerfrische Venedigs zurück. "Wie froh ich bin, daß ich weg bin", lautet denn auch der erste, doppeldeutige Satz des frühesten deutschsprachigen Bestsellers: Goethes Suizidroman "Die Leiden des jungen Werther".
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