Mit dem nächsten fuhr ich quer durch Oklahoma. Brian war etwas übergewichtig und erzählte zwei Stunden lang von seiner entfernten Cousine, der allseits überdeterminierten Dolly Parton. Die Straße schnitt schnurgerade durch Hügel und Felder, am Rand die Silos der Farmen, Rinder, Bohrtürme. Ich träumte noch immer von Amerika, aber das war es doch. Brian redete, ich hörte nur immer "my cousin Dolly Parton" und aus dem Radio kam mit Dolly Parton gesprenkelte Country-Musik.
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Mitten in der Nacht setzte er mich in einem Wäldchen mitten in Oklahoma City ab und bog irgendwohin ab, vielleicht zu seiner Cousine. Ich wusste nicht, wo ich war und machte, was ich immer machte: Ich rollte meinen Schlafsack aus und schlief. Was sollte mir schon passieren, das war doch Amerika. Und Amerika war die Landstraße, die wie im Traum nie aufhörte, nur dass alles echt war.
Ich war vollends Amerikaner geworden und wirklich naiv. Obwohl ich meine Formationsjahre in einem Bubeninternat verbracht hatte, wusste ich kaum, dass es so etwas wie Homosexualität gab, geschweige denn, wie das aussehen sollte. Am nächsten Morgen, Sonntag, bin ich früh auf wegen der Kälte und vor zur Straße.
Der Mann fuhr schon eine ganze Zeitlang neben mir her und rief mich dann an. Ich müsse zur Autobahn, sagte ich, und er: "Steig ein!" Heute würde ich sagen, dass er wie ein Kinderschänder aussah. Ich war ja auch noch fast ein Kind; nach dem Recht, das in den meisten Bundesstaaten galt, durfte ich mit 21 erst seit vier Monaten in der Kneipe ein Bier bekommen.
Er murmelte was von "Schlafen", was mir nach der kühlen Nacht recht verlockend vorkam. (Ja, ich war naiv!) Er brachte mich in eine Art Besenkammer und ließ mich hinlegen, was mir, wie gesagt, nur recht war. Er begann dann, an mir herumzufummeln, bis ich endlich merkte, dass er auf das aus war, was der Pater im Religionsunterricht mit "widernatürliche Unzucht" umschrieben hatte.
Bevor es ganz schrecklich widernatürlich wurde, hatte ich den rettenden Einfall: Zu Hause warte meine Braut auf mich, und wir würden in wenigen Wochen heiraten. Da ließ er brummend ab von mir und brachte mich zur Raststätte an der Autobahn. Die Amerikaner sind nicht bloß herzensgute Menschen, sondern glauben auch noch an die Familie.
Nach drei Monaten fuhr ich wirklich zurück nach Deutschland. Filbinger war mittlerweile zurückgetreten, aber an der Autobahn nahm mich keiner mit; ich musste mit dem Zug nach Hause. Die Schlangenhaut aus der Wüste in Arizona brachte ich meinem Bruder mit, der geheiratet hatte und inzwischen Vater geworden war. Seine Frau hat das "greislige Zeig" irgendwann weggeschmissen. Das war Amerika.
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(SZ vom 27.9.2007)
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