Für den Interrail-Trip mit 16 brauchte es keine Planung, keinen Reiseführer und kein Wörterbuch. Das Wichtigste war das Ticket und die richtigen Reisepartner. Unser Autor hatte Pech.
Wir waren zu dritt. Das war natürlich ein Fehler - vor allem, weil wir eigentlich lieber zu zweit gewesen wären.
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(© Foto: Pixelio)
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Aber Karen und ich waren ja eben erst dem Kinderausweis entwachsen und mit 16 gerade alt genug für ein Interrail-Ticket. Karens Vater war jedenfalls der Ansicht, ich sei allein nicht ausreichender Schutz für seine halbwüchsige Tochter in den schmierigen Wartehallen der Bahnhöfe Europas. Thomas, den wir gerne dabeigehabt hätten, durfte nicht fahren, obwohl er ein Jahr älter war als wir. Aber der hatte einen noch ängstlicheren Vater als Karen. Also fuhr Dirk mit, Dirk aus der Parallelklasse.
Dirk ging mir schon beim Vorbereitungstreffen auf die Nerven. Er war ein Ausrüstungsmonster und Heimwerkertyp, einer von der Sorte, die überallhin ein Leatherman-Allzweckmesser mitnehmen, aber nie etwas damit schneiden, weil es ja schmutzig werden könnte.
Als Erstes konstruierte er das Metallgestell meines neuerworbenen Kraxen-Rucksacks um, dann half er meinem Vater beim Einbau der Kellerfenster, während Karen und ich von Abenteuern am Schienenstrang träumten. "Toll, dass du so was kannst", sagte mein Vater zu Dirk und warf einen vorwurfsvollen Blick auf meine zwei linken Hände. "Ich kann alles", sagte Dirk.
Dirk hatte sich das Geld für die Reise auf dem Bau verdient. Er war nicht gewillt, in den vier Wochen mehr auszugeben, als das Ticket gekostet hatte, also 360 Mark. Dafür konnte man 1980 in ganz Westeuropa (inklusive Marokko) kostenlos herumreisen, nur in dem Land, in dem das Ticket gekauft wurde, war der halbe Fahrpreis zu entrichten. Deshalb wollte Dirk als Erstes nach Rom, weil von München aus der Weg nach Süden am schnellsten aus Deutschland herausführte.
Wir nahmen den Nachtzug über Kufstein, und als ich in der flirrenden römischen Augusthitze im Abteil aufwachte, klebte mein verschwitztes Gesicht an dem Plastiksitz. Das war nicht der einzige Grund, warum ich die Stadt vom ersten Moment an hasste.
Dirk hatte vor der Reise darauf bestanden, dass wir uns alle feste Wanderschuhe kauften. Das Wasser kochte beim Gehen zwischen den Zehen, und der Gummi der Sohlen blieb auf dem heißen Asphalt vor dem Colosseum hängen. Ich weiß seitdem, warum Italiener die Deutschen mit ihren stets zu klobigen Schuhen so mitleidig anschauen.
In Rom lernten wir, dass Italiener kein Englisch können, und dass man in Restaurants schon fürs Hinsetzen 1200Lire bezahlen muss. Das war nichts für Dirk, der wusch lieber in der Pension seine Wäsche.
Ich hingegen träumte davon, eines Tages zu Karen sagen zu können: Weißt du noch, die kleine Kneipe in Rom? Wir fanden in der Nähe des Bahnhofs Termini ein Lokal mit speckigem Plastikvorhang an der Tür, in der ein pampiger Wirt drittklassige Lasagne auftischte. Danach gingen wir zum Bahnhof und suchten auf dem Fahrplan nach einem Zug. Mit Italien waren wir fertig.
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