Chiang Saen Schwarzes Gold

Im Nebelwald Nordthailands produziert ein Kanadier den teuersten Kaffee der Welt. Die Bohnen werden vor dem Rösten von Elefanten gefressen und ausgeschieden.

Von Michael Ruhland

Vor ein paar Minuten noch hat Blake Dinkin belustigt zugeschaut, wie amerikanische Touristinnen auf den Rücken von Elefanten in einen mannstiefen, trüben Teich tauchen und sich hysterisch kreischend von Rüsseln vollspritzen lassen. Jetzt kniet er mit seinen taubengrauen Bermudas und dem blütenweißen Hemd am Ufer im nassen Gras. In der rechten Hand hält er einen Stock, mit dessen Hilfe er einen ordentlichen Batzen Elefantendung aus der Brühe zu sich dirigiert. Die linke Hand ist schon im Wasser, nimmt das triefende Teil auf und bringt es an Land. In Sicherheit sozusagen. Blakes Gesicht überzieht das Strahlen eines Siegers, als habe er soeben ein gut gefülltes Portemonnaie ergattert. Irgendwie ist das auch so, denn der Elefantenkot ist durchsetzt mit braunen Kaffeekirschen. Das ist Blakes Kapital. Rohstoff für den teuersten Kaffee der Welt. 1800 Dollar kostet zurzeit das Kilo "Black Ivory Coffee", "Schwarzer Elfenbeinkaffee". Wenn es ihn überhaupt zu kaufen gibt.

Blake ist Kanadier, Abenteurer und Unternehmer, am liebsten beides zugleich. Mit seinem kantigen Gesicht, der spitzen Nase, den schwarzen gekräuselten Haaren, seinen langen Geheimratsecken und den gleichermaßen neugierigen wie warmherzigen Augen hätte der 47-Jährige vermutlich auch eine Schauspielerkarriere einschlagen können. Er sieht gut aus und ist sympathisch, einer, den man im Englischen als "handsome guy" bezeichnet. Statt am Set zu stehen, fischt er Elefantendung aus dunkler Urwaldbrühe. "Vielleicht ist das der Grund, warum ich immer noch Single bin", sagt er. Breites Grinsen.

Ein Kanadier mit Humor, mitten im thailändischen Dschungel im Goldenen Dreieck; ein Selfmademan, der täglich zwischen der Welt der Mahouts, der einheimischen Elefantentreiber und ihrer Familien, und einem Fünf-Sterne-Hotel mit stinkreicher Klientel hin- und herwandert. Ein Heimatloser, weit weg von Familie und Freunden. Und das alles für einen sündteuren Kaffee, der lauwarm im Cognac-Glas getrunken wird und vom Geschmack her am ehesten als "Kreuzung zwischen Kaffee und Tee" daherkommt, wie er selbst sagt?

80 Dollar die Tasse, serviert im Cognac-Schwenker. Man nippt sorgsam und bewusst

Es ist mehr. Blake hat eine Mission. Er ist viel herumgekommen in seinem Leben. Er hat Betriebswirtschaft studiert und wollte irgendwo in der weiten Welt eine Geschäftsidee entwickeln, die ihm ein sorgenfreies Auskommen ermöglicht, aber gleichzeitig etwas Gutes unterstützt. Der Trick mit der Veredelung von Nahrungsmitteln durch tierische Fermentation hat ihn seit jeher fasziniert. Also experimentierte er zuerst mit Affen in Äthiopien. Blake kannte die Geschichte von dem indonesischen Kaffee "Kopi Luwak", der zuvor die Mägen von asiatischen Zibetkatzen durchläuft. Durch die Fermentation in den Mägen werden die Kaffeekirschen verändert, bevor sie wieder ausgeschieden werden. Weniger Bitterstoffe, mehr Aroma. So viel wusste er bereits vor seinem Abenteuer.

Mit den äthiopischen Affen hatte er allerdings wenig Erfolg. "Die Tiere haben Krankheiten übertragen." Also ließ er die Finger davon. Frustriert und praktisch pleite. Auf die Idee mit den Elefanten brachte ihn der Zufall. In einem Zeitungsbericht las er über äthiopische Kaffeebauern, die vergiftete Melonen in ihren Plantagen auslegten. Elefanten hatten sich über die Kaffeebüsche hergemacht und ganze Felder vertilgt. "Elefanten sind nicht gerade zimperlich, was ihr Fressverhalten betrifft." Aber konnte man das Fressverhalten nicht in geordnete Bahnen lenken?

Blake schält Bananen. Viele Bananen. Er sitzt zusammen mit der Frau eines Mahout und deren Tochter auf einer Holzterrasse unter einem Palmdach, das die drei vor der Tropensonne schützt. Die Bananen wirft er in eine große Blechschüssel, in der die beiden Frauen die Früchte mit den Händen zu Brei zerquetschen. Aus einem Korb schüttet Blake zwei Kilo thailändische Kaffeekirschen dazu, Sorte Arabica. Blake kauft den Rohkaffee bei Bauern in Nordthailand ein. Noch ein wenig mischen, eine Prise einer Zutat, die er streng geheim hält, dann ist der Brei fertig. Zweites Frühstück für die Elefanten. Die Blechschüssel trägt der Kanadier zu einem der Elefantenunterstände, und schon macht sich ein Rüssel über den Brei her. "Es gibt Genießer und es gibt Völler", erklärt Blake. Diese Elefantenkuh scheint eher zur ersten Kategorie zu gehören. Genüsslich nimmt sie immer wieder Happen auf und steckt sie sich ins Maul.

Der erste Teil wäre geschafft. Alles Weitere ist nun ein Spiel der Zeit, der Zyklen und der Zufälle. 15 bis 17 Stunden braucht es, bis die Kaffeekirschen den Elefantenmagen und den Darmtrakt wieder verlassen. Äußerlich unverändert. Dass innerlich etwas mit den Kirschen passiert, ist unbestritten. Blake beschreibt es so: "Bestimmte Proteine werden aufgespalten, die dem Kaffee das Bittere nehmen." Zudem würde durch die Fermentation im Elefantenmagen Süße und Fruchtigkeit in die Bohne gebracht. Alles in allem hat der Kanadier fast zehn Jahre lang herumexperimentiert, erst mit unterschiedlichen Tieren, dann mit Elefanten. Und sich von Veterinärmedizinern bestätigen lassen, dass die Kaffeekirschen unschädlich für die Elefanten sind. Eigens dafür hat er ein Video auf seine Homepage gestellt.

Im Nebelwald des Goldenen Dreiecks verwirklicht der kanadische Unternehmer Blake Dinkin seine ungewöhnliche Geschäftsidee.

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"Am Anfang schmeckte der Kaffee nach Dung", berichtet er. "Disgusting" - widerlich. Irgendwann hatte er die Formel aus Kaffeesorte, Futterbeigabe, Wasch- und Trocknungs- sowie Röstprozess heraus. Seit fünf Jahren verkauft Blake seinen "Black Ivory" nun, und zwar fast ausschließlich an Luxushotels in Thailand, Malaysia und auf den Malediven. Das hat seinen Grund im Preis. Er ist astronomisch. Bis zu 80 Dollar zahlen Hotelgäste für eine Tasse frisch gebrühten Kaffee. Den Preis wiederum rechtfertigt Blake mit dem gewaltigen Aufwand, den er betreibt. Denn die insgesamt 20 Elefanten kommen ja nicht extra zum Ausscheiden ins kleine Mahout-Dorf in der Nähe des Anantara-Hotels. Nachts sind sie im Außengehege, tagsüber sind einige Tiere auch für Touristen-Ausflüge auf dem Hotelgelände unterwegs. Zum Baden beispielsweise, was ihre Darmtätigkeit stimuliert - zum Leidwesen von Blake. So versinken viele der Kaffee-Kilos irgendwo im Urwald. Viele Kirschen würden auch beim Kauen zerstört. Diejenigen, die sichtbar im Dung herumliegen, werden per Hand (freilich mit Gummihandschuhen) herausgepickt. Blake zahlt fürs Betreuen der Tiere sowie fürs Picken, Waschen, Sonnentrocknen und Schälen des Kaffees gut, weit mehr, als die Mahout-Familien sonst in Thailand bekommen würden. Er ist ein beliebter Arbeitgeber.

Ungefähr 33 Kilo hochwertigen Arabica-Kaffee verfüttern die Mahout-Familien unter Blakes Anleitung an die Elefanten, um am Ende ein Kilo "Black Ivory Coffee" in der Sonne zum Trocknen ausbreiten zu können. 150 Kilo hat er 2017 produziert, in seinem ersten Jahr waren es gerade einmal 70. Die Nachfrage ist schon jetzt größer als das Angebot. In der Regenzeit wird pausiert. Dann reist Blake zu Fünf-Sterne-Hotels und preist seine Ware an. Acht Prozent des Umsatzes spendet er an die "Golden Triangle Asian Elephant Foundation". Diese Stiftung kümmert sich nicht nur um geschundene, verletzte, traumatisierte und kranke Elefanten, verstoßen von ihren früheren Besitzern. Sie bieten für Schulklassen Fahrten in Nationalparks an, um ihnen Wissen über die sensiblen Tiere zu vermitteln. Und sie schult angehende Mahouts im richtigen Umgang mit Elefanten.

Inzwischen ist es Nachmittag, Zeit für die Kaffee-Zeremonie. Vom Hotel aus überblickt man das einst verrufene Gebiet des Goldenen Dreiecks am Zusammenfluss der Flüsse Ruok und Mekong. Die Luft ist drückend und schwer, die Hügelkette am Horizont, Staatsgebiet von Myanmar, ist im Dunst nur schemenhaft auszumachen. "Früher schwammen hier regelmäßig Leichen vorbei", erzählt ein Mitarbeiter des Hotels, der aus der Gegend stammt. Früher, das waren vor allem die 1970er- und 1980er-Jahre, als das Dreiländereck das weltweit größte Anbaugebiet für Schlafmohn war - Grundstoff für Opium und Heroin. Bis heute wirkt der Mythos des Verbotenen nach, Busse halten am Mekong für Fotos des Golden Triangle.

Man kann der Fantasie freien Lauf lassen am Infinity Pool des Luxushotels, während Blake den Kaffee per Hand mahlt. Die Syphon-Kaffeemaschine, dem französischen Original aus dem Jahr 1840 nachgebaut, erhitzt per Flamme im rechten Kupfergefäß Mineralwasser, links füllt der Kanadier den gemahlenen Kaffee in einen Glaskolben. Nach ein paar Minuten strömt durch eine strohhalmdicke Leitung kochendes Wasser über den Kaffee. Kurzes Verwirbeln, dann zapft Blake den fertigen Kaffee in einen Cognac-Schwenker. Er lässt ihn etwas abkühlen, riecht daran wie bei einer Weinprobe und reicht das Glas. Der erste Schluck überrascht: Das Getränk schmeckt nicht wie gerösteter Kaffee, erinnert von der Textur am Gaumen ein wenig an Tee. Der Black Ivory Coffee kommt sanft daher, blumig. Der Kenner schätzt Anklänge von dunkler Schokolade, Kirsche, Malz und Gras. 80 Dollar verteilen sich in kleinen Schlucken im Mund. Es wird wohl ein einmaliger Genuss bleiben, der alsbald vergangen ist.

Anreise: zum Beispiel mit Oman Air ab Frankfurt nach Bangkok ab 586 Euro oder mit Lufthansa direkt ab 933 Euro. Weiter mit Bangkok Airways nach Chiang Rai: Hin- und Rückflug ab 70 Euro. Das Elefanten-Projekt liegt circa 60 km entfernt. Unterkunft: Das Fünf-Sterne-Hotel Anantara Golden Triangle Elephant Camp & Resort ab 860 Euro pro Zimmer/Nacht; goldentriangle.anantara.com Günstiger schläft man zum Beispiel in der Greater Mekong Lodge: das DZ inkl. Frühstück ab 28 Euro, gml@doitung.org Beste Reisezeit: während der Dry Season zwischen November und Februar. Weitere Informationen: blackivorycoffee.com