Café Zifferblatt in Moskau Geld ist Zeit

Zwei Rubel für eine Minute: Im Café Zifferblatt in Moskau bezahlen die Gäste für die Zeit, die sie im Lokal bleiben. Trotzdem beeilt sich hier niemand - oder gerade deswegen.

Von Frank Nienhuysen, Moskau

Wozu lange herumreden, da die Zeit nun läuft und jede Minute kostet. Es ist 20 nach 11, Natascha schreibt also "Frank, 11.20 Uhr" auf einen weißen Zettel und hängt ihn an die Pinnwand hinter dem Ausschank, direkt neben "Nina und Katja, 10.55 Uhr" und "Sergej, 11 Uhr". Sie öffnet einen antiken Küchenschrank, der gefüllt ist mit Dutzenden Weckern und Uhren: kleinen runden, breiten eckigen, hohen schmalen. Mal ist das Zifferblatt in Glas eingefasst, mal in Holz, es gibt Metallgehäuse mit arabischen Ziffern, Plastikwecker in Schwarz-Weiß und nur in Weiß und einen winzigen aus Gips mit aufgemalten Zeigern.

Sie haben alle etwas gemeinsam. Sie haben einen Namen, und sie funktionieren nicht. Symbolik spielt eine große Rolle im Café Zifferblatt. Jeder Gast stellt auf seinen Tisch eine Uhr, auf der die Zeit stehen geblieben ist.

Die Wahl fällt auf Timofej. Timofej ist goldfarben, ein kantiger Typ und kommt aus der UdSSR. Eine flache, standfeste Uhr mit breitgezogenem, von Goldschlingen umrahmtem Zifferblatt, römischen Zahlen, einem geöffneten leeren Batteriefach und einem einzigen verbliebenen Zeiger, von dem schwer zu sagen ist, ob er früher die Stunden oder die Minuten gezählt hat. Aber im Café Zifferblatt gilt folgende Regel, die widersprüchlich klingt und doch zu funktionieren scheint: die Zeit zu vergessen, obwohl sie doch den Preis bestimmt.

Zwei Rubel kostet jede Minute. Man könnte sich also streng ökonomisieren. Einen geschäumten Caffè Americano bestellen, in zehn Minuten austrinken und schnell wieder gehen. Das wäre ein kleines Geschäft. 50 Cent für einen Kaffee oder Cappuccino oder Caffè Latte, da zahlt man sogar in Archangelsk oder in einem burjatischen Dorf-Café mehr.

Und das hier ist Moskaus protzige Twerskaja-Straße, zwischen Puschkin-Platz und Kreml, wo wuchtige Balkone und verspielte Erker über teuren Boulevard-Läden hängen, sogar der "Pizza Express" gegenüber mit goldfarbenen Buchstaben auf blauem Grund wirbt. Die achtspurige Twerskaja ist wie ein Niagara-Fall, ein rauschender 24-Stunden-Strom. Das Café Zifferblatt will den Großstadt-Rhythmus entschleunigen.

Die Gäste sitzen zwischen Singer-Nähmaschinen, Couch und Korbstühlen, Puschkin-Bild und Jack-London-Büchern, Klavier und stoffbezogenen Stehlampen mit Fransen. Verteilt auf neun kleine Zimmer, die ein Ambiente aus Künstler-Café, Chillout-Lounge und Omas Wohnzimmer haben.

Wie lange will man hier bleiben? Zwei Rubel für eine Minute, das sind 120 Rubel für eine Stunde, etwa drei Euro. Dafür gibt es Kaffee, Tee, Kekse und Toastbrot ohne Unterlass. Der Nachschub an Wasser steht in einer Karaffe neben einem Dutzend Teesorten. Und es gibt die Gewissheit, dass nach vier Stunden niemand mehr die weiteren Minuten zählt. 480 Rubel, zwölf Euro, das ist die Kappungsgrenze.

Wer ins Zifferblatt kommt, möchte nicht hetzen, rechnen, ob eine Tasse mehr noch drin ist oder ob er doch lieber schon bezahlt und geht. Er hat sich vorher eine klare Vorstellung davon gemacht, wie lange er bleibt. Und will dann seine Ruhe haben.

Lewon Oganjan ist ein bärtiger junger Mann in Jeans und T-Shirt, ein Ingenieur-Student, dessen Wecker seit 11 Uhr tickt. Aber er nimmt sich Zeit, die er in Moskau schnell verlieren kann.