Brooklyn Auf der richtigen Seite der Brücke
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Belächelt und zweitklassig dämmerte der New Yorker Stadtteil gegenüber Manhattan, nun treibt es nach den Künstlern auch die Makler über den Fluss.
Es ist noch gar nicht so lange her, da wurde man für die Auskunft, man lebe in Brooklyn, mitleidig belächelt. Der New Yorker Vorstadtbezirk mit seinen zweieinhalb Millionen Einwohnern wäre als eigenständige Stadt zwar die viertgrößte amerikanische Metropole, doch mehr als ein halbes Jahrhundert war Brooklyn Synonym für ärmliche Vorstadtviertel, Mafia und Gewaltverbrechen, für Sozialbaublöcke voll marodierender Gangs und für einen Akzent, der einen im ganzen Land als Proleten auswies.
(Foto: Foto: Reuters)
Bestenfalls zählte man zu den Bridge&Tunnel People, zum Brücken- und Tunnelvolk, wie man in den New Yorker Nachtclubs seit der Disco-Ära all jene schimpfte, die am Wochenende aus dem Nachbarstaat New Jersey und den Außenbezirken Brooklyn, Bronx, Queens und Staten Island über die Brücken und Tunnels auf die Insel Manhattan pilgerten, und deren Haarmoden, Kleidung und Sprache immer ein bisschen zu aufdringlich waren für den Geschmack der Hipster und High Society. John Travolta setzte den Bridge&Tunnel People mit seinem Tony Manero in "Saturday Night Fever" ein Denkmal, jenem ungehobelten Stenz aus Bay Ridge, der sehnsüchtig über den East River auf die Skyline von Manhattan blickt.
Erst seit ein, zwei Jahren erntet man für die Auskunft, man lebe in Brooklyn, immer öfter ein bewunderndes "Wirklich?", denn der Westen von Brooklyn ist das beliebteste Wohnviertel der Stadt geworden. Zunächst aus dem ganz einfachen Grund, dass sich kaum noch jemand die Quadratmeterpreise von Manhattan leisten kann, was dazu geführt hat, dass die Bewohner dort zunehmend alt oder reich oder beides sind.
Kein normales Stadtleben in Manhattan
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Was in jedem Falle die Lebensqualität eines Viertels beschneidet, weil sich Alte und Reiche nur selten am normalen Stadtleben beteiligen und sich in ihrem Umfeld auf Dauer nur Apotheken und Langweilerlokale rentieren. Die einst so glamouröse Upper Eastside hat dieses Schicksal schon ereilt. Viertel wie SoHo und Greenwich Village sind zu Kulissen für Boutiquen und Touristenlokale verkommen.
Das ist mit ein Grund, warum jenes andere Brooklyn-Klischee wieder auflebt, das Bild von der authentischen amerikanischen Großstadt, in der jeder Hafenarbeiter so lässig ist wie Marlon Brando und jede Frau so cool wie Michelle Rodriguez. Am besten beginnt man seine Suche nach diesem Brooklyn im Schatten der zwei großen Brücken. Geht man dort auf der Washington Street zum East River, fällt der Blick ungefähr auf Höhe der Front Street durch den Stahlbogen der Manhattan Bridge auf das Empire State Building.
Selbst wer noch nie in Brooklyn war, kennt diesen Blick, weil er zu den bekanntesten Kamerawinkeln der Stadt gehört. Sergio Leone hat ihn in seinem Gangsterepos "Es war einmal in Amerika" zur Ikone geadelt, und es gibt kaum eine New Yorker Krimiserie, in der die düsteren Straßen zwischen den alten Fabrikgebäuden nicht eine Rolle spielen.
Weit entfernt vom Fitnessglamour
Gleich um die Ecke ist das legendäre Gleason's Boxing Gym, in dem schon 122 Weltmeister trainiert haben, und dessen Boxerinnen das Vorbild für Michelle Rodriguez in "Girlfight" waren. Hinter einer Stahltüre führt eine kahle Betontreppe in den ersten Stock. Die schmucklose Halle mit vier Boxringen ist weit entfernt vom Fitnessglamour der Clubs in Manhattan, weswegen sich nicht allzu viele Hobbysportler hierher verirren. "Als wir vor 20 Jahren eingezogen sind, traute sich kaum einer nach Einbruch der Dunkelheit in die Gegend", sagt Eddie Cruz, einer der Trainer mit kahlrasiertem Schädel und wuchtigem Kreuz. "Jetzt sind wir hier mitten im Vergnügungsviertel."
Die meisten Fabriketagen des ehemaligen Industrieviertels sind in den letzten Jahren zu Luxuslofts umgebaut worden, es gibt Geschäfte für Designmöbel, Nachtclubs und Espressobars. Ob sich das Gleason's noch lange halten kann? Cruz zuckt die Schultern. Die älteren Trainer vom Gleason's haben das alles schon mal erlebt, als sie noch in Manhattan residierten und die Luxussanierung sie über den Fluss getrieben hat.
Die Erneuerung der Stadt Brooklyn ist keineswegs eine wundersame Geschichte vom Immobilien-Phönix, der aus der Asche der Slums emporsteigt, sondern nur die jüngste Phase einer urbanen Entwicklung namens "Gentrification", die in immer gleichen Wellen verläuft. Erst kommen die Bohèmiens und Künstler auf der Suche nach billigem Wohnraum. Dann öffnen schicke Geschäfte und Lokale, denen die Immobilienmakler folgen, die zahlungskräftige Mieter und Hauskäufer rekrutieren, bis die Immobilienpreise so hoch sind, dass die ursprünglichen Anrainer und Künstler weiterziehen müssen.
Das wahre New York
Bisher erneuerten sich in diesem Zyklus die Viertel Manhattans, doch weil Manhattan eine Insel ist, stieß die Eroberung der urbanen Krisengebiete vor ungefähr fünf Jahren an ihre Grenzen. Da war der Sprung über den East River nur logisch. Und man muss nur über die Brooklyn Promenade spazieren, um zu begreifen, warum nun so viele Zuzügler von Brooklyn als dem wahren New York predigen, als seien sie keine Mietflüchtlinge, sondern frisch getaufte Konvertiten. Die Brooklyn Promenade ist ein schmaler Parkstreifen am Rande der Klippen hoch über dem East River. Das ist noch so ein Blick mit langer Filmgeschichte. Auf der anderen Seite des Flusses erhebt sich die Skyline des Bankviertels von Downtown Manhattan, und gleich daneben öffnet sich die Bucht von New York, in der die Freiheitsstatue in den Himmel ragt.