Brasilien In edler Mission

Lange Zeit haben brasilianische Weinproduzenten vor allem auf Masse gesetzt. Das hat sich stark geändert - auch dank der Familie Valduga, die ihren Betrieb umgekrempelt hat.

Von Janek Schmidt

Auf den ersten Blick könnte man meinen, diese Kirche ist ein Witz. Doch über Religion scherzt man nicht in Brasilien, wo 170 Millionen Christen leben. Und so ist auch dieses Gotteshaus ernst gemeint, das hier alle nur "Igreja da Pipa" nennen, die Weinfass-Kirche: ein 13 Meter hoher Bau in Form eines überdimensionalen Eichenfasses.

Die Kirche der Gemeinde Bento Gonçalves, gelegen im südlichsten Bundesstaat Brasiliens, in Rio Grande do Sul, ist das deutlichste Symbol dafür, mit welcher Inbrunst manche Brasilianer den Wein verehren. Zu den regionalen Vorreitern Argentinien und Chile hat Brasilien zwar noch nicht aufgeschlossen. Doch der Abstand schrumpft. Und die Qualität vieler Winzer ist inzwischen so gut, dass sich der Wert der brasilianischen Weinexporte von 2010 bis 2014 fast verfünffacht hat.

An dieser Entwicklung haben wenige Menschen so großen Anteil wie João Valduga, ein kompakt gebauter 62-Jähriger mit silbernem Schnauzer. Er ist der Mann, der in Brasilien Qualitätswein predigt. Mit seinem hemdsärmeligen Enthusiasmus hat er vermutlich schon mehr Menschen bekehrt, als jemals die Eichenfass-Kirche seiner Heimatstadt besucht haben.

"Hier lag lange einiges im Argen", sagt Valduga, während er durch das gediegene Geschäft seines Weinguts führt. Der Weinanbau in Brasilien begann zwar früh, kam aber nur sehr langsam voran. Schon vor knapp 500 Jahren experimentierten die portugiesischen Kolonisatoren in ihrer ersten amerikanischen Siedlung São Vicente, nahe dem heutigen São Paulo, mit Wein. Doch die Böden und das Klima waren zu feucht. Die Reben gingen ein. Hundert Jahre später pflanzten Jesuiten erneut Weinreben. Doch die portugiesischen Machthaber vertrieben die Jesuiten als Schutzherren der indigenen Bevölkerung. Erst im 19. Jahrhundert, als Tausende Norditaliener der Armut in Europa entflohen und sich in Rio Grande do Sul ansiedelten, ging es mit dem Weinanbau wieder voran. Unter ihnen war auch Marco Luigi Valduga, ein Bauer aus Rovereto, der Urgroßvater von João Valduga. "Die fruchtbaren Ebenen in Südbrasilien hatten deutsche Siedler damals schon übernommen", erzählt Valduga heute. "Daher zogen die Italiener in die Berge rund um Bento Gonçalves."

Landschaft und Klima ähneln denen in Norditalien. Mit der Zeit erhielt die Gegend den Spitznamen Pequena Itália, Klein-Italien. Das Tal wurde zum Vale dos Vinhedos, zum Tal der Weinberge. Und Bento Gonçalves zu Brasiliens Weinhauptstadt. Allerdings dauerte es wiederum hundert Jahre, bis João seine Qualitätsmission begann. Seit 1973 hatte sein Vater Luiz Wein in größeren Mengen verkauft. "Aber das Geschäft war hart", erzählt Valduga, "manchmal hat mein Vater seinen Wein sogar verschenkt, um neue Kunden zu gewinnen."

Die Trauben der alten Rebe ergaben gute Marmelade. Der Wein aber schmeckte wie Essig

Diese Rückständigkeit der Weinkultur erlebte auch Helmut Fritzsche, der 1972 aus Deutschland nach Brasilien ausgewandert war, um dort als Ingenieur zu arbeiten und an der Universität von São Paulo Mathematik zu unterrichten. "Brasilien hatte keine Weintradition und unter der Militärregierung war das Land durch Importzölle vor ausländischer Konkurrenz geschützt", erinnert er sich. Bauern verwendeten die amerikanische Rebe Vitis labrusca. Die Rebsorte fault zwar nicht so leicht, ist dafür aber eher für Traubensaft und Marmelade als für Wein geeignet. "Ihren Wein füllten die Brasilianer in große Glasbehälter, sogenannte Garrafãos, oder sogar in Plastikschläuche - und er schmeckte wie Essig."

SZ-Karte

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João Valduga erkannte diese Probleme und beschloss, seinen Familienbetrieb umzukrempeln. Dafür lernte er am IFRS in Bento Gonçalves, Brasiliens erstem Institut für Winzer. Daraufhin arbeitete er 23 Jahre lang bei Embrapa, einem nationalen Forschungsnetz, dessen Zentrum für Wein ebenfalls in Bento Gonçalves liegt. "Mein Wissen von dort konnte ich im Familiengeschäft nutzen, um vieles umzubauen", erzählt er heute, da er den Betrieb mit seinen Brüdern Juarez und Erielso vom Vater übernommen hat.

1978 kaufte João Valduga einen 18 PS starken Traktor, einen roten Agrale 4100. Es war der erste Traktor, der im Vale dos Vinhedos eingesetzt wurde. Heute steht er als Ausstellungsstück auf dem Weingut. Vor allem ersetzte João Valduga die amerikanische Rebsorte durch die empfindlichere, aber hochwertigere europäische Vitis vinifera. Und er stellte den horizontalen Anbau auf vertikalen Spalier-Anbau um. So sank zwar der Ertrag, aber die Qualität wuchs.

Reiseinformationen

Anreise: Flug nach Porto Alegre und zurück ab 700 Euro mit LATAM oder TAP über São Paulo. Von Porto Alegre weiter per Bus nach Bento Gonçalves (2,5 Stunden, zehn Euro) oder Taxi (ca. 1,5 Stunden, 60 Euro).

Unterkunft: Auf dem Weingut Casa Valduga gibt es mehrere Apartments in einem renovierten, älteren Haus, DZ ca. 100 Euro, www.casavalduga.com.br

Weinkurs: Casa Valduga bietet täglich vierstündige Kurse über Geschichte, Anbau und Herstellung von Wein plus Verkostung.

Reisearrangement: Der Veranstalter Ruppert Brasil organisiert Rundreisen durchs Land, www.ruppertbrasil.de

Schließlich profitierte die Familie Valduga von zwei Entwicklungen. In den 1970er-Jahren brachten erste ausländische Unternehmen wie die französische Kellerei Moët & Chandon moderne Technologie aus dem Ausland. Zudem lockerte Fernando Collor de Mello, der erste direkt gewählte Präsident nach der Militärherrschaft, 1990 die Importbegrenzungen. Damit konnten Brasilianer leichter ausländische Weine probieren, was zur Folge hatte, dass die Nachfrage nach ähnlich guten Inlandsprodukten stieg. Dafür war die Casa Valduga nach ihrer eigenen Kulturrevolution gerüstet. "Von da an wuchs unser Geschäft schnell", erzählt Valduga. Heute bewirtschaftet seine Familie Weinberge mit einer Gesamtfläche von 300 Hektar und stellt jährlich drei Millionen Liter Wein her. Mehr als die Hälfte davon ist Schaumwein.

Wenn Valduga Besuchern seinen Hauptsitz in Bento Gonçalves zeigt, dauert die Besichtigung mehrere Stunden. Er führt durch die moderne Kellerei, durch ein eigenes Restaurant und eine Apartmentanlage mit 24 Zimmern, in denen einige der 120 000 Gäste wohnen, die jährlich die Casa Valduga besuchen und von denen manche dort auch Weinkurse belegen. Höhepunkt ist der Schaumweinkeller mit Platz für sechs Millionen Flaschen, der größte seiner Art in Südamerika. Die Gänge sind mit 156 Metern so lang, dass man kaum bis zum Ende sieht. "João und Casa Valduga haben ihren Erfolg verdient", sagt der inzwischen pensionierte Mathematiker Fritzsche. Er begann vor gut zehn Jahren, Wein aus Brasilien nach Deutschland zu exportieren und kauft dafür von insgesamt sieben Weingütern. "Aber Casa Valduga hat sich schon besonders reingehängt und die Qualität in Brasilien angeschoben", sagt er.

So wird Valdugas Wein nicht nur seit Jahren im brasilianischen Präsidentenpalast bei Empfängen serviert. Inzwischen gibt es ihn auch in deutschen Drei-Sterne-Restaurants wie dem Aqua in Wolfsburg. Vor einigen Jahren hätten wohl selbst die Gläubigen in der Eichenfass-Kirche von Bento Gonçalves diese Entwicklung noch für ein Wunder gehalten.