Städte-Tourismus Berlin und der verhasste Hype

Internationales Aushängeschild des Berliner Nachtlebens: Der Techno-Club Berghain

(Foto: REUTERS)

Die Hauptstadt wird in internationalen Medien immer weiter hochgejubelt. Und die Berliner? Finden's langsam gar nicht mehr cool.

Von Hannah Beitzer

Berlin ist bekanntlich keine reiche Stadt. Aber eines gibt es hier im Überfluss: Feindbilder. Die wechseln in Berlin schneller als Trend-Heißgetränke. Vom Schwaben über die Prenzlauer-Berg-Mutti bis hin zu Kellnerinnen, die kein Deutsch sprechen - es gibt in Berlin so viel, das sich anscheinend zu hassen lohnt. Besonders schlimm sind natürlich Touristen, die mit ihrem Wunsch nach authentischen Airbnb-Unterkünften zuerst echte Berliner aus ihren Altbauwohnungen verdrängen und dann nachts auf den Straßen lärmen und vor Haustüren kotzen. Doch während die Berliner ständig über ihre Stadt und die dortigen Zustände meckern, kriegt sich der Rest der Welt gar nicht mehr ein vor Begeisterung.

Zuletzt erklärte die britische Times in einer Beilage, warum Berlin "the capital of cool" ist und nicht mehr das brexitgebeutelte London. In der Broschüre enthalten ist die ewige Vierfaltigkeit des anhaltenden Berlin-Hypes: billige Wohnungen, Künstler, Clubs und Start-ups. Und hintendrauf: eine ganzseitige Anzeige der Stadt Berlin, die um Unternehmen und Investoren wirbt, die Großbritannien verlassen möchten. Die Werbebroschüre reiht sich ein in eine lange Folge von hymnischen Artikeln ausländischer Medien. "In Zeitschriften von der amerikanischen Ostküste sind ja mehr Trendgeschichten über die deutsche Hauptstadt zu lesen als in Tagesspiegel und Berliner Zeitung zusammen", spottete das Berliner Stadtmagazin Zitty schon 2016. Allein an den Artikeln wird's nicht liegen, aber: Tatsächlich ziehen immer mehr Menschen nach Berlin. 2016 verzeichnete die Stadt einen Zuwachs von knapp 55 000 Einwohnern. Dazu kommen die Touristen, 13 Millionen waren es 2017.

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Und die Berliner? Finden's langsam gar nicht mehr cool. Denn hinter dem Hype lauern handfeste soziale Verwerfungen. 55 000 Einwohner mehr: Das sind alles Menschen, die irgendwas von den notorisch überforderten Behörden wollen, Kita-Plätze suchen, die Straßen mit ihren Autos verstopfen, sich in volle Busse drängeln, auf Wohnungsbesichtigungen die Ellenbogen ausfahren. Menschen mit wenig Geld fühlen sich aus der Innenstadt vertrieben. Auch von den Touristen, von denen im vergangenen Jahr 700 000 nicht in Hotels, sondern in Airbnb-Wohnungen abgestiegen sind. Konkurrenzunternehmen wie Wimdu noch nicht mitgerechnet. Die Touristen belegen also, so argumentieren die Gegner der Plattformen, genau jene Innenstadt-Wohnungen, in denen früher einmal die (Lebens-)Künstler, Studenten und Multikulti-Familien lebten, die für Berlins lässigen Ruf verantwortlich sind. Die müssen dann an den Rand der Stadt, wo eilig Neubausiedlungen geplant werden. Da treten sie den Berlinern auf die Füße, die bisher völlig unbehelligt vom Berlin-Hype Blumen in ihren Schrebergärten gossen.

Klare Ansage: Graffito gegen Sauftouristen im Berliner Bezirk Neukölln.

(Foto: imago/Steinach)

Berlins Politik ist da in einer zwiespältigen Lage. Denn einerseits braucht die Stadt Menschen, die Geld mitbringen - seien das nun Touristen, junge Gutverdiener oder Investoren. Warum sonst würde der Berliner Senat ganzseitige Anzeigen in Werbebroschüren für ihrer Heimat müde Briten schalten. Auf der anderen Seite ist hier natürlich auch niemand scharf auf eine Revolte der alten Einwohnerschaft.

Deswegen versuchen die Verantwortlichen gegenzusteuern. In Bezug auf die Touristen bedeutet das zum Beispiel: Berlin laboriert seit 2014 an einem Zweckentfremdungsgesetz herum, das die Vermietung von Wohnungen an Touristen erschweren soll. Andere Städte sind da weiter, etwa Palma de Mallorca, wo die Vermietung über Airbnb soeben verboten wurde. Dafür versucht die Tourismus-Agentur Visit Berlin Besucher aus der Innenstadt in entlegenere Viertel zu locken. Zum Beispiel soll das Konzept "hot city, cool water" Besuchern die Berliner Seen näher bringen. Doch ob das hilft, wenn jeden Monat ein anderer Journalist auf der Welt schreibt, wie toll das Berghain ist? Der Berliner zweifelt. Und stellt sich schon auf die nächste Welle von Neuankömmlingen ein, die ihm sein ruhiges Leben verleiden.

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