Berghütte Capanna Regina Margherita Auf schmalem Grat

Rings um die Berghütte Capanna Regina Margherita gähnt der Abgrund, ein Fehltritt hätte fatale Folgen. Doch es liegt nicht allein am Standort des höchstgelegenen Schutzhauses der Alpen, dass viele Alpinisten hier Kopfschmerzen bekommen.

Von Helmut Luther

Dieser Beitrag ist erschienen am 22. September 2011. Wir haben die Übernachtungspreise und Kontaktdaten aktualisiert. Darüber hinaus ist der Text unverändert.

An Schlaf ist nicht zu denken - was nicht an den üblichen Geräuschen im Matratzenlager eines Schutzhauses liegt. Auch nicht am Gewitter, das seit Stunden draußen vor der Berghütte tobt. Ein heftiger Wind rüttelt am kupfernen Hüttendach, pfeift durch Ritzen im Gebälk und jagt Eiskristalle gegen die Fensterscheiben. Durch den pechschwarzen Nachthimmel zucken Blitze. Unter rasch folgenden Donnerschlägen und orkanartigen Böen scheint die Schutzhütte zu wanken.

Das alles ließe sich mit Stöpseln in den Ohren wegstecken. Aber nicht der Sturm, der im eigenen Inneren wütet: bohrende Kopfschmerzen, das Herz hämmert wie verrückt. Eingewickelt in schwere Wolldecken erhebt man sich unter Panikattacken von seinem Nachtlager, die Lunge lechzt nach Sauerstoff. Es war wohl ein Fehler, zuerst mit der Seilbahn vom Talboden in Alagna bis zur Punta Indren auf knapp 3300 Meter hinaufzugondeln, anschließend in einem Rutsch mehr als 1000 Höhenmeter bis zur Signalkuppe weiterzuwandern, um dort in der Capanna Regina Margherita eine lausige Nacht zu verbringen.

Symptome der Höhenkrankheit

Der Hüttenwirt Giuliano Masoni kennt sich aus mit den Anzeichen einer Höhenkrankheit. "Aber keine Angst, gefährlich würde es erst, wenn noch starker Husten dazu käme, dann herrscht akute Ödemgefahr." Gut die Hälfte der Alpinisten, die die Capanna Regina Margherita erreichen, ohne sich vorher genügend akklimatisiert zu haben, zeigen ähnliche Symptome, schätzt Masoni.

Der schlanke, groß gewachsene Enddreißiger mit einem schwarzen Zehntagebart weiß, was in solchen Fällen zu tun ist. Vor zehn Jahren übernahm er die Schutzhütte als Pächter von der Sektion Varallo des Italienischen Alpenvereines - als Voraussetzung musste er einen Erste-Hilfe-Kurs besuchen. Meist genüge der Griff zur Notapotheke, wenn Gäste über Beschwerden klagen, erzählt Giuliano Masoni. "Aber zwei bis drei Mal pro Saison muss der Hubschrauber einfliegen."

Auf allen Seiten gähnt der Abgrund

Das ist an diesem Morgen zum Glück nicht nötig. Mit zerknittertem Gesicht stehen die Übernachtungsgäste vor dem Hütteneingang und staunen über das, was Wind und Wetter während der vergangenen Nacht angerichtet haben. Wie mit Zuckerguss verziert kleben an der Außenwand des zweigeschossigen Gebäudes bizarre Muster aus Eis.

Zwischen Abgründen

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Ähnlich einem Adlerhorst thront die Capanna Regina Margherita auf einem schmalen Grat. Ein Fehltritt hätte hier fatale Folgen, auf allen Seiten gähnt der Abgrund. Noch immer weht ein kalter Wind, aber alle Wolken sind fortgeblasen. Der Blick schweift über ein Gipfelmeer mit einem Dutzend schneebedeckter Viertausender. Im Nordwesten ragt die Silhouette des Matterhorns empor, zum Greifen nahe schimmert die Dufourspitze, mit 4634 Metern der höchste Gipfel der Schweiz. Es ist zehn Uhr, tief unten, über den von Spalten zerklüfteten Lysgletscher stapft eine Bergsteigerkarawane bergauf, ameisenklein. Der Mensch ist in der lebensfeindlichen Eisregion nur Eindringling.