Bayerischer Wald Diva im Filz

Wo früher Fichten standen, wachsen nun Laubgehölze nach.

(Foto: Monika Maier-Albang)

Weil sich der Bayerische Wald seit Jahrzehnten ungestört entwickeln darf, sind viele seltene Tierarten zurückgekehrt. Nur der Elch zögert noch. Warum eigentlich?

Von Monika Maier-Albang

Die Fußspuren im Matsch könnten seine Anwesenheit verraten, und deshalb schaut Fritz Süß in jede nicht allzu tiefe Pfütze. Ist aber nur Reh, das sich dort festgetreten hat. Und meistens Mensch. Es ist ja nun auch schon zwölf Jahre her, seit ein Jäger auf den Höhenbrunner Wiesen, nahe am Klosterfilz, dieses Tier gesehen hat, das er zunächst nicht zuordnen konnte. Zu groß und zu grau für ein Rind, zu wuchtig für eine Hirschkuh. "Mit einem Elch hatte er nicht gerechnet", sagt Süß, der Waldführer ist und gleich ums Eck aus Riedlhütte stammt. Man hört nicht heraus, ob er selbst damals schon mit der Ankunft des Elches gerechnet hätte. Heute jedenfalls tut er es. Der Klosterfilz, jenes weitläufige Moor zu Fuße von Reichenberg im Bayerischen Wald, in dem Fritz Süß seine Kindheitssommer verbracht hat, der Filz ist für ihn Elcherwartungsland.

Die Bedingungen zumindest würden passen. Genug Futter, und zwar solches, das "der Elch", wie er hier nur heißt, gerne frisst: Weide, Birke, Pappel, Espe - "Weichlaubhölzer". Der Elch müsste sich nur reinstellen in den weichen, bemoosten Boden, wo der Mensch, will er ein paar späte Heidelbeeren pflücken, gleich zum Erschrecken tief einsinkt. Der Elch aber hat zwischen seinen paarigen Hufen Hautlappen, die ihn behende durchs Moor stapfen lassen. Wenn er etwas tiefer steht, kommt ihm das beim Fressen sogar zugute; sein Hals ist so kurz, dass ihm auf ebener Fläche das Weiden nicht leicht fällt. Ein im Sumpf stehender Elch aber hat das Laub direkt in Fresshöhe. Paradiesisch. Nur: Warum ist er dann nicht da?

Nun, sie wissen es nicht wirklich. Selbst Fritz Süß kann es nicht sagen, und der beschäftigt sich nun schon seit Jahren aus Leidenschaft mit den Elchen. Seit gut zwei Jahrzehnten wurde immer mal wieder das eine oder andere Tier im Bayerischen Wald gesehen. Herübergewandert sind sie wohl aus Tschechien; dort lebt, in der Nähe des Moldaustausees im Nationalpark Šumava, eine kleine Population. Bislang aber ist keines der Tiere geblieben. Dabei wäre der Elch als Zuwanderer sogar einigermaßen willkommen, willkommener jedenfalls als der Wolf.

Der Nationalpark Bayerischer Wald, hier eine Elchkuh mit Kalb, steht im Mittelpunkt des Buchs von Hans Bibelriether.

(Foto: imago/blickwinkel)

Der Elch ist zwar groß und hungrig, aber eben kein Fleischfresser. Er wird weder von den umliegenden Bauern noch von den Gästen als Bedrohung empfunden. Beim Wolf ist das anders, man kann das gerade wieder mal beobachten. Unbekannte hatten in der Nacht auf den 6. Oktober im Norden des Nationalparks eines der beiden Tiergehege geöffnet, in denen die Parkverwaltung Wölfe hält. Man will im Park den Besuchern ja möglichst viele einheimische Tiere zeigen, weshalb hier Braunbären im Gehege gehalten werden, Rothirsche natürlich, Otter, Marder, Biber, Käuze, Hasel- und Auerhuhn, Luchs und Uhu. Aber auch Wisente und Auerochsen, die es früher in der Region gab. Der Elch war 2012 der letzte Neuzugang im Gehege - ein Heimkehrer nun, zuvor Opfer der Jagd. Es liegt Jahrhunderte zurück, dass Elche in Deutschland beheimatet waren. Der vorerst letzte deutsche Elch soll 1746 in Sachsen erlegt worden sein, so steht es im "Elchplan" der bayerischen Staatsregierung.

Ansiedlungsversuche in den 1930er- und 1960er-Jahren in der Schorfheide in Brandenburg, auf dem Darß und an der Müritz schlugen fehlt. Der Elch ist eine Diva. Das wissen auch seine Pfleger im Nationalpark, die ihre vier Tiere täglich mit Unmengen an frischem Grün, Luzerne-Heu und aus England importierten Elchfutter-Pellets versorgen und gerade dabei sind, einen Laub-Vorrat für den Winter anzulegen. Ohne das richtige Futter, sagt Tierpfleger Tobias Rankl, werden die Tiere in Gefangenschaft nicht alt. Mögen sie noch so robust aussehen und sich auch so verhalten. Zu Fuß geht Rankl nicht ins Gehege. Elche, die sich bedroht fühlen, treten mit den Vorderbeinen nach dem vermeintlichen Angreifer - und sie haben starke Beine.

Gruben und Marterln: Die Angst vor dem Wolf hat im Wald Spuren hinterlassen

Den entlaufenen Wölfen ist die Freiheit schlecht bekommen. Ein Tier hat gleich am ersten Abend der Zug erfasst. Zwei wurden mittlerweile abgeschossen, ein weiteres ging in eine Lebendfalle und ist jetzt - stark abgemagert - zurück im Gehege. Die Nationalparkverwaltung hatte den Abschussbefehl damit begründet, dass Wölfe, die ihr Leben lang gefüttert wurden, die natürliche Scheu vor dem Menschen verloren haben: Man wolle verhindern, dass die Tiere dieses Verhalten an ihre wilden Artgenossen weitergeben. In den Nationalpark ist ja nicht nur der Luchs zurückgekehrt, sondern auch der Wolf. In diesem Jahr hat ein Rudel drei Jungtiere bekommen, die Verwaltung, sagt ein Sprecher, freue sich über diese "ersten in Bayern geborenen Wölfe seit 150 Jahren".

Die Angst vor dem Wolf hat über die Jahrhunderte auch im Wald Spuren hinterlassen. Geht man vom Klosterfilz Richtung Höhenbrunner Wiesen, kommt man an einer Stelle vorbei, an der sich einst eine Wolfsgrube befand; angelockt wurden die Tiere mit quakenden Enten, die - geschützt - in einem Tontopf saßen. Unweit steht ein Marterl, aufgestellt von jemandem, der dankbar war, eine Wolfs-Begegnung unbeschadet überstanden zu haben. Im Mittelalter und noch darüber hinaus war der Wolf ja tatsächlich ein Konkurrent im alltäglichen Überlebenskampf. Und der war hart im Bayerischen Wald mit seinen strengen, langen Wintern. Es wuchs wenig mehr als Gerste, Kartoffeln, Kohl; man hielt Hasen fürs Fleisch und Ziegen für die Milch. Die Glasherstellung war lange der wichtigste Wirtschaftsfaktor, und schon vor dem elften Jahrhundert suchten Goldwäscher entlang der Bäche unterhalb von Rachel und Lusen ihr Glück.

Geht man heute dort mit Roland Ertl, einem der Nationalpark-Ranger, auf Wanderschaft, führt er einen durchs Grübenfeld. Die Grüben oder "Seifenhügel" sind Abraumhalden der Goldsucher. Am Schachtenbach geht es entlang, ein gewaltiger Baum hat sich übers Wasser gelegt, mittlerweile ist er in mehrere Teile zerfallen und modert vor sich hin. Genau das ist es, was Ertl auf seiner Tour "Chaos und Verhau" zeigen will: Wie hier aus dem alten Wald ein neuer, ganz anderer entsteht.