Autofahren in Polen Wer Angst hat, verliert

Auf polnischen Straßen gelten keine Regeln und Abmachungen. Es geht nur darum, die Nerven zu behalten. Eine Innenansicht.

Von Patrizia Odyniec

In Polen darf man sich nur ans Steuer setzten, wenn man mutig ist und den Kämpfer in sich spürt: Wer zweifelt und zögert, verliert.

Chaos überall: Der Straßenverkehr in Polen

(Foto: Foto: ddp)

Das Spiel des polnischen Straßenverkehrs heißt "Wer-ist-krasser?" und macht selbst Einheimischen Angst. Solide, ruhige Autofahrer, vorzugsweise mit ausländischen Autokennzeichen, werden ausfindig gemacht und zum Duell gefordert.

Ob man als erster über die Kreuzung kommt, hängt davon ab, wie grün einem das Orange erscheint, und wie schnell das eigene Auto beschleunigen kann. Wartet man nur einen Atemzug zu lang, hat der Hintermann bereits die Spur gewechselt und überholt. Gerne mit quietschenden Reifen und gleich mehreren Autos im Schlepptau.

Man weiß nicht, warum dieses Land es so unsagbar eilig hat. Da helfen weder die Landessprache noch Kenntnisse der polnischen Mentalität. Man muss mitmachen, oder schnell in eine Seitenstraße abbiegen, parken und den Bus nehmen.

Kein Verständnis für nette Gesten

Viele Polen haben sich so an die Aggressivität der anderen Straßenteilnehmer gewöhnt, dass sie selbst ein freundlich angebotenes Einfädeln nicht mehr als gute Absicht erkennen können.

Auch wenn zwei friedlich gestimmte Seelen ihr gegenseitiges Misstrauen überwinden, stehen einer reibungslosen Einordnung immer noch die anderen Fahrer im Weg. Denn einer entschließt sich immer, den Bürgersteig als Überholspur zu nutzen, den beiden Verhandelnden die Entscheidung abzunehmen und sich selbst in die Lücke zu drängen. An dieser Stelle kracht es meistens.

Und es ist leider so: Man kommt sicherer durch den Stadtverkehr, wenn man selbst fleissig mitmacht beim Drängeln, Hupen, Rausschneiden - die anderen gehen davon aus, dass man sich so verhält.

Es lässt sich alles regeln

Aber in solchen Situationen lernt man dann auch wieder die angenehme Seite dieses Landes kennen: Es lässt sich alles regeln. In jeder ordentlichen Familie gibt es einen Kfz-Mechaniker namens "Piotr" oder "Zenek", der den kleinen Blechschaden privat wieder ausbügeln kann.

Interessanterweise sinkt diese ausgeprägte Flexibilität der Polen umgekehrt proportional zum Wert des Autos beziehungsweise dem Gehalt des Fahrers. Die reichen, erfolgreichen Polen, verhalten sich eher typisch deutsch und würden sich nie auf so eine familiäre Lösung einlassen. Da gibt es sie dann doch wieder: Regeln, Abmachungen und Schuldige.

Haben Sie schon ähnliche Erfahrungen beim Reisen durch Polen gemacht?