Städtereise Amsterdam schließt Touristenläden

Von elf Millionen Amsterdam-Besuchern im Jahr 2005 stieg die Zahl bis 2016 auf 18 Millionen.

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Souvenirshops, Schnellrestaurants und Ticket-Verkaufsstellen: Die niederländische Hauptstadt ringt mit dem wachsenden Besucheransturm - und greift nun radikal durch.

Von Thomas Kirchner

Die Stadtverwaltung meint es ernst. Das war schon abzusehen, als sie Anfang Oktober bekannt gab, im Herzen Amsterdams keine neuen Geschäfte mehr zu genehmigen, die sich ausschließlich an Touristen richten. Die Lage im Zentrum mache "harte Maßnahmen" nötig, sagte die damals amtierende Bürgermeisterin Kajsa Ollongren; die Innenstadt verarme, wenn es nur noch Geschäfte mit einseitigem, auf internationale Gäste ausgerichtetem Angebot gebe. Gemeint waren all die Schnellrestaurants, Kartenverkaufsstellen, Souvenir- oder Themenläden à la "Nutella-Shop", die sich in den Einkaufsstraßen vieler Städte breitmachen, besonders in Amsterdam.

Die Amsterdam Cheese Company hätte wissen können, was ihr droht, als sie kurz darauf ihre vierte Filiale eröffnete, am Damrak, unweit vom Bahnhof. Ihre Läden passen perfekt ins Muster. Riesige gelbe Laibe auf hellen Brettern, roher Klinker, Kühe im Schaufenster. Überteuerter, auf den Geschmack von Ausländern zugeschnittener "Dutch Gold"-Käse oder "Wasabi-Gouda", Honigwaffeln, Geschirr aus Delft. Kein Niederländer würde die Läden betreten, aber die Touristen lieben sie, denn hier spricht man Englisch mit ihnen, hier ist der Käse vakuumverpackt und "ready to fly".

Ideal also, um ein Exempel zu statuieren. Als ihm die Stadt im Dezember den Schließungsbefehl geschickt hatte, zog Besitzer Quirijn Kolff sofort vor Gericht. Der Verwaltung war bewusst, dass sie sich juristisch auf heiklem Terrain bewegte, schließlich herrscht auch in den Niederlanden so etwas wie Gewerbefreiheit. Sie hatte den Beschluss zudem im Geheimen ausgearbeitet und erst am Tag vor Inkrafttreten veröffentlicht, um zu verhindern, dass in letzter Sekunde noch massenhaft Geschäftsgründungen beantragt würden. Damit sei er als gutgläubiger Unternehmer hereingelegt und Opfer behördlicher Willkür worden, klagte Kolff. Den Mietvertrag habe er schon lange vor Bekanntmachung des Beschlusses unterschrieben, auch mit dem Umbau schon begonnen und nun völlig umsonst viel Geld investiert. Was genau mache den Unterschied aus zwischen seinem Geschäft und einem "echten" Käseladen? Müsse es da nicht Kriterien geben? Und sei die Innenstadt nicht voller Touristen - wie könne man da überhaupt noch einen Laden eröffnen?

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Kaum zu glauben, aber der Fall ging krachend verloren für den Mann. Die Stadt griff zu Recht ein, urteilte ein Richter. Mit ihrem einseitigen Angebot, der Werbung und Englisch als Geschäftssprache richte sich die Cheese Company ganz offensichtlich nur an Touristen, und nur weil im Mietvertrag von "Käsegeschäft" die Rede sei, müsse es sich noch lange nicht um ein solches handeln. Der Unternehmer geht gegen das Urteil in Berufung.

Zu verstehen ist die Hartnäckigkeit der Behörden nur vor dem Hintergrund der weltweit einzigartigen Touristen-Vergraulungskampagne, die die Stadt seit 2016 fährt. Damals war die Erkenntnis gereift, dass es auch ein Zuviel an Profit geben kann, dass Amsterdam an seiner Attraktivität und den Menschenmassen zu ersticken drohte, die sich durch die schönen Gassen wälzen. Von elf Millionen Besuchern 2005 stieg die Zahl bis 2016 auf 18 Millionen, die Zahl der Hotelzimmer um 60 Prozent auf 30 000. Daraus ergibt sich ein jährlicher Gewinn zwischen zwei und 2,7 Milliarden Euro - aber die Einwohner klagen über die Besucherhorden und fühlen sich, als lebten sie auf einem Festivalgelände.

Die Stadt steuerte gegen, und zwar kräftig: Sie verbannte Kreuzfahrtschiffe und Touri-Busse aus der Innenstadt, verbot den Bau neuer Hotels, schloss illegale Pensionen, begrenzte die Vermietung von Innenstadtwohnungen über Airbnb auf 60 und bald nur noch 30 Tage im Jahr, ließ Bier-Fahrräder für Sauftouren verbieten, begrenzte überhaupt das Angebot von Leihfahrzeugen im öffentlichen Raum, platzierte "Crowdmanager" in den besonders überfüllten "Wallen", dem Rotlichtbezirk, bekämpfte den Abfall, stellte das Marketing ein und will nun auch das Ladenangebot lenken.

Alles auf Englisch, Lärm auf der Straße: Die Bewohner sind unzufrieden

Amsterdam, lautete das Ziel, solle wieder lebenswert werden. Die Bilanz ist durchwachsen. Eigentlich sei es nicht besser geworden, sagte Teun van Hellenberg Hubar von der Einwohnervereinigung Wij-Amsterdam dem NRC Handelsblad. "Noch immer laufen jede Menge betrunkene und bekiffte Menschen schreiend durch die Straßen, in denen nota bene ein Alkoholverbot gilt." Manche Anwohner kämen kaum noch aus ihren Häusern wegen der vorbeiströmenden Massen. Eine Umfrage ergab anhaltende Unzufriedenheit, man sorgt sich um den sozialen Zusammenhalt in der Stadt.

Die Medien begleiten die Anti-Tourismus-Kampagne überwiegend mit Wohlwollen. Auf Twitter wurde auch das Käseladen-Urteil begrüßt. Das geschehe Geschäftemachern wie Kolff ganz recht. Jemand zitierte einen zwei Jahre alten Artikel aus Het Parool, in dem Quirijn Kolff unlautere Werbung vorgeworfen wurde. Seine Läden seien "zu den besten Käsegeschäften der Stadt gewählt" worden, hatte er auf Flyer geschrieben. Bis er zugeben musste, dass es eine Wahl nie gegeben habe.

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