Von Robert Jacobi

Wenn die Kontrolle übers Auto verloren geht, fühlt sich die Piste auf dem bolivianischen Salzsee an wie eine Eislaufbahn: Wer bremst, verliert. Für zwei Menschen kommt diese Erkenntnis zu spät.

Auf einem Salzsee in Bolivien erlebe ich, wie Menschen sterben. Der Vater ist schon tot. Nur eine seiner Hände schaut noch unter der Decke hervor. Die Tochter atmet noch. Eine halbe Stunde später stirbt auch sie. Nach zwei Stunden kommen zwei Polizisten mit einem Arzt, der die schwerverletzte Schwester mitnimmt.

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(© Grafik: Vera Thiessat)

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Der Schwiegersohn wollte die Familie in einem Jeep in sein Dorf bringen. Straßen gibt es in der riesigen Wüste an der Grenze zu Chile nicht. Nur Schotterwege und Salzseen. Die Sonne spiegelt sich in der glatten weißen Oberfläche. Die Luft scheint zu brennen. Unter dunkelblauem Himmel fließt rotes Blut auf das Salz.

Ich bin in einem anderen Jeep mit einer bolivianischen Familie unterwegs. Die Mutter lebt mit ihren Töchtern und ihrem Sohn in Florida, die Tante in einem Villenviertel in La Paz. Juan, der bolivianische Fahrer, soll uns in drei Tagen zur chilenischen Grenze bringen. Dort gibt es einen Bus nach San Pedro de Atacama.

Wir fahren seit zwei Stunden auf dem riesigen Salzsee. Plötzlich erkennen wir auf der blanken Oberfläche eine lange Schmutzspur. Dann sehen wir den umgestürzten Jeep. Mitglieder einer Reisegruppe, die kurz vor uns an die Unfallstelle gekommen war, schützen die lebenden und die toten Opfer mit Decken vor dem Sonnenlicht.

Ich bekreuzige mich spontan, weil ich nicht weiß, was ich sonst machen soll. Juan hat als einziger ein funktionierendes Handy. Der Schwiegersohn gibt zittrig und mit blutverschmierten Händen eine Notrufnummer ein. Niemand antwortet. Die Welt ist noch wild hier. Ein Menschenleben zählt weniger als auf einer deutschen Autobahn.

Angeblich ist ein Reifen geplatzt. Es riecht auch nach Alkohol. Wenn die Kontrolle übers Auto verloren geht, dann wirkt dieser Salzsee wie eine Eislaufbahn: Wer bremst, verliert. Nach einer Stunde stehen fünf weitere Jeeps an der Unfallstelle. Kein Arzt dabei, nur eine Medizinstudentin aus Amerika, die hilflos wirkt.

Es fühlt sich an, als sei die Zeit stehen geblieben. Irgendwann fahren wir weiter. Mitten im Salzsee steht eine Insel, darauf ein Wald aus Kakteen. Der längste Kaktus misst fast zehn Meter. Ich frage mich, warum ich das sehen darf und andere nicht. Regelt das der Zufall? Warum haben manche Menschen immer Glück, andere nicht?

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