Von Robert Jacobi

Die Route reicht von der Beringsee nach Chile, der Zeitraum bis Weihnachten. Der Plan - kein Plan. Sondern: Eindrücke, Gedanken und Bilder, nachzulesen und anzuschauen auf sueddeutsche.de. Los geht's im nördlichen Alaska. Und dann immer Richtung Süden.

Der Wind schlägt gegen die Zeltwände, und ich schaue den Regentropfen zu, wie sie auf gelbem Nylon nach unten rollen. Alle drei Sekunden bricht eine Welle ans Ufer. So laut, dass es selbst mit Ohrenstöpseln lauter ist als an jedem Mittelmeerstrand. Es ist Samstag, der zweite Tag meiner langen Reise, die am Ende der Welt beginnt. Zehn Grad Celsius. Mein Zelt steht am Rand von Nome an der Beringsee, in der Arktis von Alaska, 150 Kilometer südlich des Polarkreises.

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Eine Woche bleibe ich in Nome, bevor ich weiter in den Norden reise, den Polarkreis überfliege und tausend Kilometer vom Nordpol entfernt in Barrow lande. Von dort aus geht es dann nur noch nach Richtung Süden, so weit ich eben komme und Freude daran finde. Mein einziger Termin ist, an Weihnachten zuhause zu sein.

Aber jetzt erst mal Nome. Keine Strasse führt hier hin. Schiffe legen nur im kurzen Sommer im Hafen an, denn die See ist sieben Monate im Jahr gefroren. So hart ist der Boden und so trocken der Winter, dass ein Bewohner aus Nome 1994 die Knochenreste eines 20.000 Jahre alten Mammuts ausgrub - mit Haaren.

Der Flughafen ist ein Bretterverschlag. Immerhin drei Mal täglich fliegt Alaska Airlines nach Anchorage, und zwar mit einer Boeing 737-400. Nome, ein Dorf mit 3500 Einwohnern, davon die Hälfte Eskimos, dürfte einer der kleinsten Orte der Welt sein, in dem solche Jets landen. "There's no place like Nome" wie die Menschen hier sagen.

Insgesamt 21 Stunden war ich von Boston unterwegs, mit Zwischenstopps in Chicago, Seattle und Anchorage. Auf dem Flug nach Anchorage war jeder einzelne verschneite Gipfel des Küstengebirges zu erkennen. Gletscher enden direkt im Pazifik, Eisschollen treiben auf dem Wasser. Die Mächtigkeit dieses Anblicks lässt mich spüren, wie kleinlich der tägliche Kampf der Menschen in den Städten um Einfluss und Anerkennung ist, den ich selber so gerne kämpfe. Mein Atem beruhigt sich, alle Ängste und Sorgen liegen unter den eisigen Felsen begraben.

Dunkel wird es in Nome im Sommer nie. Die Sonne geht zwar für vier Stunden unter, bleibt aber so knapp unter dem Horizont, dass der Himmel taghell bleibt. Nur eineinhalb Stunden dauert ein Flug von Nome über die Beringstraße nach Sibirien. Seit dem Ende des kalten Kriegs fliegen sogar Propellermaschinen hinüber, doch in meinem Pass fehlt das Visum. Zwischen Nome und Providencija liegt die internationale Datumslinie: Am Horizont ist es noch Freitag, nicht Samstag.

Moderne Goldsucher

Neben mir am Strand haben die Brüder Scott und Buddy aus Pennsylvania ihre Zeltstadt aufgebaut. Seltsame Maschinen betätigt Pat, ganz so, als wolle er den Sand waschen. Das tut er auch, aber mit gutem Grund: Ich habe heute Nacht auf Gold geschlafen. Amerikanische Kinder kennen Nome aus dem Schulunterricht: Im Jahr 1898 entdeckten zwei Schweden und ein Norweger in der Gegend Gold, und ein Goldrausch begann, der die Zeltstadt Nome auf bis zu 20000 Bewohner anschwellen ließ. Ein paar Sommer in Nome, etwas Ausdauer und Glück, und ein kleines Vermögen war damals gemacht.

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