Eine neue Hochgeschwindigkeitsstrecke beschleunigt den Zugverkehr zwischen Frankreich und Deutschland.
Erst hat es Jahrzehnte gebraucht, bald soll es ganz schnell gehen. Willensbekundungen wurden abgegeben, Voruntersuchungen eingeleitet, Strecken gebaut und Testfahrten gestartet. Mehr als zwanzig Jahre hat es gedauert, bis aus der Idee, Hochgeschwindigkeitszüge von Paris nach Frankfurt und Stuttgart fahren zu lassen, Wirklichkeit wird. Vom 10. Juni an rollen TGV-Züge von Paris nach Stuttgart, von Frankfurt aus fahren ICE-Züge nach Paris.
(© Foto: agentur laif)
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Mit dem neuen Angebot wollen die beiden Staatsbahnen den Billigfliegern Konkurrenz machen. Die Fahrtzeit von Stuttgart aus beträgt nur noch drei Stunden und 40 Minuten. Frankfurt wird in gut vier Stunden erreicht. Bisher brauchen die Eurocity-Züge jeweils mehr als sechs Stunden. Zur Einführung gibt es Sonderangebote für 29 Euro.
Die Bahn erwartet, dass sich die Zahl der Reisenden zwischen Paris und Frankfurt sowie Stuttgart durch die Hochgeschwindigkeitsverbindungen in den nächsten Jahren auf 1,5 Millionen verdreifachen wird. Einen Rekord hat der TGV auf der neuen Trasse schon eingefahren, Mitte Februar erreichte der Zug eine Geschwindigkeit von 553 Kilometern in der Stunde - ein Weltrekord, der aber noch nicht anerkannt ist.
Die Strecke von Paris nach Stuttgart ist Teil einer "Magistrale für Europa", einer Hochgeschwindigkeitsstrecke von Paris über München und Wien nach Bratislava. Sie ist eines von sechs Projekten, die von der EU als vorrangige europäische Eisenbahnachse gefördert werden. Bei Fertigstellung des 1382 Kilometer langen Projekts würde sich die Fahrzeit von Paris nach Bratislava von 14 Stunden auf 8,5 reduzieren, die Strecke München - Paris würden Hochgeschwindigkeitszüge in 4,5 Stunden absolvieren.
Bisher ist die Magistrale für Europa aber eher ein Flickenteppich. Nur die Franzosen haben bisher den größten Teil der Streckenführung gebaut. Der TGV Est führt von Paris 400 Kilometer nach Baudrecourt, die Verlängerung nach Straßburg ist in Planung. Auf deutscher Seite fehlen wichtige Abschnitte wie die Strecke von Stuttgart nach Ulm, über die seit mehr zehn Jahren debattiert wird.
In Frankreich ist man grundsätzlich schneller, was den Bau von Hochgeschwindigkeitsstrecken angeht. Die Staatsgesellschaft SNCF verfügt über ein Netz von knapp 2000 Kilometern Strecke, auf denen der TGV schneller als 300 Stundenkilometer fährt. In Deutschland gibt es nur 1100 Kilometer.
Die Deutsche Bahn begründet dies damit, dass Frankreich zehn Jahre früher das Konzept der Hochgeschwindigkeitsstrecken eingeführt hat und nicht mit so vielen topographischen Problemen zu kämpfen habe. Die französischen Strecken führen von Paris aus sternförmig in die Regionen. Aufgrund der zentralistischen Struktur gibt es nicht so viele Lokalpolitiker, die für ihre Region einen Halt einfordern, und die Züge halten seltener.
Deshalb wird der ICE in Frankreich auch schneller fahren als in Deutschland - über lange Strecken mit bis zu 320 Stundenkilometern. In Deutschland lohnt es sich aufgrund der nahe beieinander liegenden Bahnhöfe oft nicht, auf über 300 Kilometer zu beschleunigen, um dann gleich wieder abzubremsen.
Lokführer müssen Sprachen büffeln
Um den deutschen ICE auch in Frankreich fahren lassen zu können, mussten die Ingenieure der Bahn einige Probleme lösen. Bei den ersten Fahrten schlugen Steine gegen den Unterboden, ein sogenannter "Schotterflug", der wohl deshalb ausgelöst wurde, weil die Franzosen kleinere Steine zur Befestigung ihrer Gleise benutzen.
Während die Deutschen ihren ICE III nach Frankreich schicken, hat die SNCF für die Linie nach Osten einen neuen Zug gebaut. Der TGV Est fährt mit einer ziemlich bunten Inneneinrichtung des Designers Christian Lacroix nach Stuttgart ein. In den verbleibenden Monaten bis zum Sommer müssen deutsche und französische Lokführer sich noch mit der Sprache des Nachbarlandes vertraut machen. Anders als in der Luftfahrt, gilt im Bahnverkehr die Sprache des Landes, in dem der Zug sich gerade befindet.
(SZ vom 12.3.2007)
Sparpaket
Träumen, planen, reisen
Der TGV schaft nun also ueber 500km/h. Wer braucht da noch Transrapid? Ein herzliches Dankeschoen an den TGV Hersteller Alstom, der nun endlich die sinnlose Endlosdiskussion ueber den Transrapid beendet.
Es stimmt wohl schon: die franzoesische Regierung unter damals ich glaube Praesident Pompidou hatte das Hochgeschwindigkeitsnetz begonnen, als die DB noch "Deutsche Bundesbahn" hiess und nur in Westdeutschland fahren durfte, denn die alte Reichsbahn gehoerte ja der DDR.
Wenn ich mich nicht taeusche, dann war die Vorgabe der Regierung, dass der Zug schnell und billig sein sollte. Offenbar ist der TGV (leider hatte ich noch nie eine Chance, mit einem zu fahren) eben kein solches Wunderwerk der Technologie, wie der deutsche ICE. Trotzdem bricht er alle Geschwindigkeitsrekorde!!!
Die franzoesischen Eisenbahnen hatten meines Wissens schon immer den Ruf, extrem puenktlich zu sein. Als 16-jaehriger musste ich einmal von Koeln nach Lissabon reisen, somit also ganz Frankreich durchqueren. Zweimal! Ich war damals schon sehr beeindruckt von dieser Effizienz.
Ich finde es aber auch besonders interessant zu sehen, wie da zwei politische Kulturen aufeinander prallen: der franzoesische Zentralismus, den irgendwelche kleinlichen Provinzpolitiker nicht bei wichtigen Infrastrukturprojekten aufhalten koennen, und der deutsche Foederalismus, der jedem "Kirchturmpolitiker" die Macht gibt, solche Projekte zu stuerzen. Die mangelhafte Anbindung des Muenchener Flughafens an die Innenstadt ist doch ein eklatantes Beispiel dafuer: die S-Bahn haelt fast an jeder Milchkanne.
@dunnhaupt
Es lag leider doch an den Schottersteinen. Der TGV hat an der Unterseite keine empfindliche Bauteile, so wie der ICE, so macht ihm der gelegentliche Schotterflug nichts aus.
Die haben meines Wissens das Problem damit gelöst, in dem sie dem ICE einfach eine schicke Verkleidung am Unterboden verpasst haben.
Noch ohne den Artikel gelesen zu haben, konnte ich mir schon denken, wo die beiden Hasen im Pfeffer liegen: auf der französischen Seite das enge, gewundene lothringische Moseltal, und deutscherseits die Steige von Geislingen. Auch ohne diese beiden noch fehlenden
Teilstrecken hat der französische TGV jedoch bereits einen Weltrekord erzielt. Die deutsche Entschuldigung "die Franzosen haben kleinere Schottersteine", weshalb der ICE langsamer fahren müsse, leuchtet mir nicht ein. Wie kommt es, dass die Franzosen auf denselben Schottersteinen schneller fahren können? An den Steinen liegt's also wohl nicht.