Alpenüberquerung auf dem E5 "Und dann kommt die Natur dazwischen"

Ganz oben ganz bei sich: Bergführerin Nina Ruhland

(Foto: Christoph Jorda)

Nach ihrer ersten Alpenüberquerung kündigt Nina Ruhland ihren Job und ist seitdem Bergwanderführerin. Ein Gespräch über den Mythos Europäischer Fernwanderweg E5, lebensgefährliche Schneebretter und "bombenkitschige" Momente.

Interview von Katja Schnitzler

In der ersten Junihälfte öffnet die Kemptner Hütte wieder und damit der alpine Teil des Europäischen Fernwanderweges E5, der von Oberstdorf bis nach Meran führt. Da diese etwa sechstägige Route den - nicht immer gerechtfertigten - Ruf hat, auch von Alpen-Novizen bewältigt werden zu können, ist der E5 vor allem im Hochsommer überlaufen. Den Platz in der Hütte muss man also auf jeden Fall reservieren. Wieso die stillen Momente unter den Gipfeln dennoch das Leben verändern können und was Wanderer meist unterschätzen, erklärt Bergwanderführerin Nina Ruhland.

SZ.de: Frau Ruhland, muss es denn gleich über die Alpen gehen - man könnte doch einfach nur auf ein paar Gipfel steigen?

Nina Ruhland: Diese Frage stelle ich meinen Gästen auch oft. Für manche ist der Weg über die Alpen der logische Schritt, nachdem sie mehrtägige Touren gemeistert haben. Und da ist ja die Faszination, das größte Gebirge Europas zu queren. Der erliegen allerdings auch die anderen, die ohne Vorerfahrung angereist kommen, vielleicht weil das Touren über die Alpen ein bisschen hip ist und zum Mythos wird. Es klingt einfach spektakulärer als Urlaub im Sauerland.

Das hört sich recht blauäugig an ...

Ist es manchmal auch. Allerdings gibt es auch positive Überraschungen: Da halten Leute durch, bei denen ich am Bahnhof in Oberstdorf noch meine Zweifel hatte. Das hat viel mit dem Kopf zu tun: Wer die Tour wirklich durchziehen will, setzt erstaunliche Kräfte frei. Und der Gruppenzusammenhalt hilft auch. Aber: Es ist nun mal ein alpiner Weg. Und manchmal bestätigt sich der erste Eindruck, und jemand schafft es nur unter größter Mühe und Qual - oder scheitert. In der Bergschule kann ich vielleicht umplanen, ein Stück mit dem Bus abkürzen. Aber wenn nur einer hintendran und der Rest der Gruppe fit ist, bricht dieser eine manchmal besser ab.

Sie selbst haben auch abgebrochen, allerdings erst nachdem Sie die Alpen überquert hatten: Sie schmissen Ihre Festanstellung in Hamburg und zogen an die Berge. Auch andere ordnen ihr Leben nach der Tour neu. Was löst dieses Wandern über die Alpen aus?

Ganz viel, denn dort ist Raum und Zeit, um zur Ruhe zu kommen. Dabei hilft die schöne Monotonie, jeder Tag ist im Ablauf gleich: Man steht auf, schnürt den Rucksack und geht los. Doch die Vorgaben macht die Natur, ganz archaisch. Der Wanderer erlebt mal wieder, wie es ist, zu frieren oder Hunger zu haben. Vor allem aber kann er beim Gehen nachdenken: Wo stehe ich im Leben, wo möchte ich wirklich hin?

Müssen wir dafür über Gipfel steigen?

Nachdenken kann man natürlich auch am Nordseestrand. Doch dort oben in den Bergen sieht man weiter, auch aufs eigene Leben. Die Alpen sind so groß und schon so lange da - und man selbst fühlt sich klein. Was einem sonst zu schaffen macht, wirkt auf einmal nicht mehr so unüberwindbar. Oder aber man erkennt aus der Perspektive: Dieser Job, dieser Partner macht mich nicht mehr glücklich. In dieser Natur ist man ehrlicher, auch zu sich selbst. Außerdem klingt der Erfolg, die Alpen überquert zu haben, lange nach: Ich habe geflucht, geschwitzt, gezweifelt, ich hatte riesige Blasen - und bin trotzdem weitergegangen.

Also raus aus der Komfortzone. Was sollte man dabei nicht unterschätzen?

Das Gewicht des Rucksacks. Empfohlen sind acht bis zehn Kilo. Da sind fünf Kilogramm mehr, die Tag für Tag geschleppt werden müssen, einfach zu viel. Manche überschätzen sich auch bei der Kondition und Schwindelfreiheit. Und wenn Nebel aufzieht oder noch Schnee liegt, kann der Weg selbst an einfacheren Stellen zur Herausforderung werden.

Wann wird das auf dem E5 zum Problem?

Ausgesetzte Grate, bei denen es links und rechts runtergeht, gibt es zwar nicht. Aber auf der einen Seite die Wand, auf der anderen den Abgrund - das schon. Da geht bei einigen richtig die Pumpe.

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Wie können Sie als Bergwanderführerin dann helfen?

Das Falscheste wäre, zu sagen, "stell dich nicht so an", nur weil man selbst kein Problem damit hat. Man muss Ängste ernst nehmen. Vielen hilft es schon, wenn ich mich zur offenen Seite hin neben sie stelle.

Tiefpunkte gibt es bei jeder Tour. Was tun, wenn einen dann keine Gruppe motiviert?

Ist es nur ein Energietief, helfen die Klassiker: Schokolade und ausreichend Pausen. Unerfahrene verfallen in die "Junge-Hund-Technik": Sie rasen los und müssen dann bald stehen bleiben. Richtig ist ein gleichmäßiges, langsames Tempo mit regelmäßigen Schrittabständen. Und wenn nichts mehr geht, muss eine Pause sein. Auch auf dem E5 sollten die Leute an manchen Stellen nicht unkonzentriert sein. Ansonsten muss der Kopf mitspielen, man muss sich durchbeißen wollen. Das haben manche, andere nicht. Ein Bergretter berichtete mir von einer "Taxiruf"-Mentalität: Einige lassen sich von unterwegs mit dem Hubschrauber rausholen, weil sie wegen wunder Füße nicht weiterkönnen. Ich würde da eher barfuß weitergehen, als die Bergrettung von wirklich wichtigen Einsätzen abzuhalten.

Welche Begegnungen haben Sie auf dem E5 besonders beeindruckt?

Die Älpler wie Wolfgang Krismer, der im Sommer die Unter- und Oberlochalm bewirtschaftet: ein uriger, bodenständiger Mensch, ganz nah an der Natur. Für ihn zählen andere Dinge als damals für mich in Hamburg in den Konferenzen: Dass keine Kuh abgestürzt ist, keine vom Blitz erschlagen wurde.