Alpen Es werde Licht

Stefan Hefele lädt seine Alpenbilder emotional auf. Er fotografiert dann, wenn die Sonne tief steht, in der Morgen- und der Abenddämmerung, im Gegenlicht oder wenn die mystische Aura des Nebels die Gipfel einhüllt.

Von Stefan Fischer

Wie eine Granitplatte liegt dieser Band auf dem Schoß - schwer, ein wenig rau, gravitätisch. Als sei er selbst herausgebrochen aus einer der "Alpenwelten", die in seinem Inneren in mannigfachen Bildern beschrieben werden. Eugen E. Hüsler, der die Texte zu Stefan Hefeles Fotografien beisteuert, vermerkt durchaus zu Recht, dass der vorherrschende Blick auf die Alpen bis heute einer von außen sei. Hefele ist unterdessen an einer Innensicht gelegen.

Die Menschen haben sich die Alpen zwar längst vollständig angeeignet, auch die Gipfelregionen und die entlegenen Täler. Ursprünglich einmal, darauf verweist Hüsler, wurden nicht Gipfel, sondern vor allem Passübergänge mit dem Begriff Berg bezeichnet, der Arlberg zum Beispiel, der Zirler Berg oder der Vogelberg. Und Alpen seien eigentlich die wirtschaftlich genutzten, also die leichter zugänglichen Regionen der Bergwelt. Erst der Alpinismus, so Hüsler "erfand schließlich die Gipfel". Sie sind alle inzwischen erklommen, in der alpinen Fotografie werden sie aber dennoch oft entrückt dargestellt. Um ihre Monumentalität zu demonstrieren, ihre Erhabenheit. Als müsste man ihnen auf diese Weise etwas von ihrer Zivilisationsferne zurückgeben, derer sie längst beraubt worden sind.

Im Zwielicht der Dämmerung bekommen die Aufnahmen die größte Klarheit

Stefan Hefele wählt einen anderen Ansatz. Auch er zeigt unberührte, teilweise schwer zugängliche Landschaften. Doch blendet er den Vordergrund nicht aus. Sein eigener Standort, der automatisch zu dem des Betrachters wird, ist dadurch lokalisierbar. Fotograf und Betrachter werden so, obwohl nicht im Bild, zu einem Teil der Szenerie. Es ist insofern kein Blick von außen auf die Alpen (auch wenn die Motive mitten drin liegen mögen), Hefele hebt oftmals die Distanzen auf. Die Berge, insbesondere die Gipfel, erscheinen auch bei ihm majestätisch. Sie sind jedoch keine Solitäre, sondern Teil einer Landschaft, die zu ihnen hin- und hinaufführt.

Entscheidend ist auf Hefeles Aufnahmen das Licht. In dem Band wird Paul Cézanne zitiert mit dem Satz: "Solange man nicht ein Grau gemalt hat, ist man kein Maler." Das gilt genauso für Fotografen, und Stefan Hefele weicht den Grautönen auch nicht aus. Aber lieber noch sind ihm die satten Farben der Bergseen und Blüten, der Wiesen und des Waldes. Des Gesteins, wenn es im Sonnenlicht orangefarben leuchtet. Hefele fotografiert bevorzugt dann, wenn die Sonne tief steht, in der Morgen- und der Abenddämmerung. Oder im Gegenlicht. Er schätzt, das sieht man deutlich und das schreibt er selbst in einem Nachwort, die mystische Aura des Nebels, die Dramatik von Wolken, überhaupt das Pathos. Stefan Hefele tut gar nicht erst so, als wäre unser Blick auf die Alpen nicht längst oftmals ein lieblich-kitschiger.

Stefan Hefele, Eugen E. Hüsler: Alpenwelten. Eine Reise durch unberührte Landschaften. Bruckmann Verlag, München 2016. 320 Seiten, 98 Euro.