Allalin-Rennen in Saas-Fee "Wo, zum Kuckuck, steht das nächste Tor?"

Volksskirennen sind im Trend, Skigebiete locken mit spektakulären Wettbewerben für jedermann. Eine rasante Sache, bei der Normalskifahrer schnell an ihre Grenzen stoßen. Und dennoch süchtig nach dem Geschwindigkeitsrausch werden - wie unser Autor beim Allalin-Rennen in der Schweiz.

Ein Selbstversuch von Stefan Herbke

Das kann nicht gutgehen. Mit Schwung habe ich mich geradeaus in den Starthang gestürzt, doch wo bleibt das erste Richtungstor, das meine Fahrt wieder etwas bremst? Erst ganz unten in der Senke ist eins zu sehen, bis dahin heißt es Schuss fahren. Die Geschwindigkeit steigert sich rasend schnell, der Wunsch nach einem kleinen Bremsschwung wird immer größer, die Oberschenkel brennen. Dann schieße ich hinaus auf die kurze Ebene, fahre viel zu weit an dem Tor vorbei und rase gleich in den nächsten Steilhang - wo wieder kein Richtungstor steht. Stattdessen geht es erneut in der Falllinie bergab. So schnell war ich noch nie auf Skiern.

Nach den ersten 400 Höhenmetern brennen die Oberschenkel nicht nur, sie schmerzen. Dabei liegt erst ein Bruchteil des Rennens hinter mir. Das Allalin-Rennen in Saas-Fee beginnt am höchsten Punkt des Skigebiets auf 3600 Metern Höhe - und erst im Dorf auf 1800 Metern schwingen die Teilnehmer wieder ab. Dazwischen liegen viele Steilhänge, kurze Gleitpassagen und gefühlt nur eine Handvoll Richtungstore.

Die mit etwa neun Kilometern wohl längste Gletscherabfahrt der Welt zählt zu den vier großen Schweizer Volksabfahrten "Super Vier" und zieht jedes Jahr etwa 1000 Teilnehmer in den Kategorien "Sie + Er", Mannschafts- und Einzelrennen an. Starten darf jeder, doch in erster Linie sind es echte Sportskanonen, die den ganzen Winter über bei Volksskirennen antreten. Entsprechend perfekt ist das Material, ohne Rennski und Rennanzug fällt man auf.

Ich falle auf. Mit normaler Skihose und weitem Anorak bin ich ein Exot im Feld der Starter. Einige von ihnen waren früher sogar selbst Weltcupläufer - wie Silvan Zurbriggen. Der Schweizer Skirennfahrer belegte den zweiten Platz im Slalom bei der Weltmeisterschaft 2003 und den dritten Rang in der Super-Kombination bei den Olympischen Winterspielen 2010. Andere Teilnehmer haben zwar nicht den Sprung in den Weltcup geschafft, verfügen aber trotzdem über Rennerfahrung. Und die braucht man, denn schon im ersten Steilhang geht es mit über hundert Sachen talwärts.

Die Verhältnisse sind perfekt. Traumhaftes Wetter, beste Sicht, dazu kompakter, griffiger Schnee im oberen Abschnitt - und das gleichbleibend für alle Startnummern. In der unteren Hälfte schaut das schon anders aus. Wer morgens startet, taucht ein in schattige, eisige Hänge, die einiges an Überwindung erfordern. Und wer später startet, der muss durch tiefen Sulz pflügen. Meine Startnummer gehört zu den ersten, gleich hinter Silvan Zurbriggen. Nach mir warten verwegen aussehende Rennfahrer. Ihre Blicke lassen keinen Zweifel daran: Für sie bin ich ein Hindernis, das sie schnellstmöglich überholen wollen. Im 15-Sekunden-Takt werden die Teilnehmer auf die Piste gelassen, etwas Vorsprung habe ich also.

Nach den ersten beiden Steilhängen folgt eine längere Gleitpassage, auf der das Tempo geradezu gemütlich ist. Zeit zum Erholen bleibt nicht, die Fahrt in der Hocke ist kraftraubend. Schon folgt der nächste Steilhang. Hier geht es richtig zur Sache, das konnte man bereits bei der Auffahrt mit der Gondelbahn sehen. Sich von oben alle Details der Strecke einzuprägen, fällt bei 1800 Höhenmetern schwer. Und die Realität schlägt die Vorstellungskraft: Das Renntempo ist viel höher als erwartet, die Bodenwellen in der Schrägfahrt kommen überraschend, die Passage vorbei an der Station Masten 4 ist überraschend eng, der Wechsel von der Sonne in den Schatten äußerst unangenehm - und der folgende 300-Meter-Steilhang noch schwerer als gedacht.