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Der Geruch der Gewalt
Cosa Nostra in Palermo
30.08.2007, 11:08
Es gibt Enttäuschungen im Leben, die sitzen tief. Antonino Lo Bello zum Beispiel hatte jahrelang immer beim selben Bäcker eingekauft. Der Ingenieur brauchte nur um die Ecke ins Noce-Viertel zu gehen, um die schönsten mit Ricotta gefüllten Cannoli, duftende Mandelkekse, köstliche Brioches und natürlich das typisch sizilianische Brot mit Sesam zu finden.
Der Appetit ist ihm gehörig vergangen, als nach einer Polizeirazzia Unterlagen gefunden wurden, aus denen hervorging, dass seine Bäckerei nicht nur Pizzo (Schutzgeld) an die Cosa Nostra bezahlt hatte, so wie es in Palermo nach Aussagen der Justizbehörden rund 80 Prozent aller Geschäfte und Handelsbetriebe tun. Lo Bellos Bäckerei entrichtete das Pizzo in Naturalien, also in Form von Torten und Süßspeisen für die Feste der tonangebenden Mafiafamilie des Stadtteils.
Antonino Lo Bello, ein sozial engagierter Mann, hat daraufhin sofort den Bäcker gewechselt. Er fühlte sich getäuscht, "aber die Mafia kann man leider nicht sehen", sagt er. Ja, die Männer der Cosa Nostra tragen keine Uniformen, ihre Autos haben keine besonderen Kennzeichen und auf den Firmensitzen, die sie kontrollieren, wehen auch keine Fahnen.
Außerdem hat die Mafia nach den blutigen Anschlägen Anfang der neunziger Jahre, als Polizisten, Staatsanwälte und Untersuchungsrichter ermordet wurden und Bomben sogar in Rom, Florenz und Mailand explodierten, ihre Strategie geändert: Sie ist untergetaucht und macht ihre Geschäfte nun so geräuschlos wie möglich. Aber wenn man sich Mühe mache, sagt Lo Bello, dann könne man die Cosa Nostra an ihren Spuren erkennen.
Und weil der Ingenieur am Wasseramt der Stadt angestellt ist, erzählt er als Erstes von einem Palazzo an der Baida Micciulla nicht weit entfernt von den Katakomben der Kapuziner. Unter diesem Palazzo stößt man auf eine "Camera dello Scirocco" aus dem 16. Jahrhundert. Viele palermitanische Adelspaläste hatten diese segensreiche Einrichtung eines tiefgelegenen Raumes, durch den ein Wasserlauf geleitet wurde.
Mit einer geschickt regulierten Zirkulation der über dem Wasser abgekühlten Luft konnten dieser Raum sowie benachbarte Zimmer im Sommer wohltemperiert gehalten werden, während draußen der 40 Grad heiße Schirokko die Stadt zum Kochen brachte. Das Wasser floss dann in den "Qanat", das tausendjährige unterirdische Kanalsystem, das noch aus der arabischen Zeit von Palermo stammt.
Was das alles mit der Cosa Nostra zu tun hat? Nun, dieser Palazzo, so erzählt Antonino Lo Bello, war viele Jahre lang im Besitz eines Mafiabosses.
Als man den Mann in den neunziger Jahren festnehmen und verurteilen konnte, entdeckten die Ermittler, dass er in die Camera dello Scirocco und die teilweise trockengelegten Qanatkanäle Licht gelegt und diese als unterirdische Gänge zu einem Fluchtsystem ausgebaut hatte. Nach der Enteignung haben heute die Scouts, die Pfadfinder Palermos, ihren Sitz in diesem Palazzo.
Und wenn ein Besucher den arabischen Qanat besichtige, so der Ingenieur, lerne er nicht nur ein den meisten unbekanntes unterirdisches Palermo kennen, sondern erfährt auch, wie sich die Cosa Nostra immer wieder in den Nischen und Winkeln dieser Stadt einrichte.
Kann man die Mafia anderswo sehen?
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