Von Matthias Kolb, Kiew

22 Jahre nach dem Atomunfall leiden Hunderttausende an den Folgen. Das Grauen ist zur Attraktion geworden: Touristen besuchen die Sperrzone als Tagesausflug. Eine Reportage mit Slideshow.

Ein verfallenes Klassenzimmer in einer Schule der evakuierten Stadt Pripjat. Foto: Matthias Kolb

Die Fahrt nach Tschernobyl beginnt mit Kaffee von McDonald’s. Der weiße Kleinbus von Sergei Ivantschuk wartet morgens neben dem Schnellrestaurant im Zentrum Kiews auf seine Kunden. Ein Kaffee zum Mitnehmen, das muss als Frühstück genügen für jene Touristen, die den Unglücksreaktor sehen wollen.

135 Kilometer von der ukrainischen Hauptstadt entfernt geschah am 26. April 1986 eine der größten Atomkatastrophen aller Zeiten: Um 1:23 Uhr explodierte in Tschernobyl der Reaktor 4. Eine Fläche von fast 150.000 Quadratkilometern wurde radioaktiv verstrahlt. Eine Fläche, auf der mehr als sieben Millionen Menschen lebten.

Wie viele Kinder und Erwachsene an den Folgen gestorben oder schwer erkrankt sind, kann niemand genau sagen, auch der Ukrainer Ivantschuk nicht. Seit acht Jahren organisiert er die Tagestouren. Er weiß, was seine westlichen Kunden als Erstes hören wollen: "Man muss sich ziemlich blöd anstellen, um heute in Tschernobyl kontaminiert zu werden", sagt er, während sich der Bus durch den dichten Kiewer Berufsverkehr kämpft.


Audio Slideshow

Tschernobyl

Die Reise sei sicher, wenn man einige Regeln einhalte: Immer auf den asphaltierten Wegen bleiben, nicht auf Gras treten und "Äpfel sollten Sie lieber nicht essen." Die Passagiere nicken erleichtert.

Vorne sitzt ein schwedisches Fernsehteam, dahinter zwei finnische Studenten, zwei Norweger auf Geschäftsreise, vier weitere Schweden sowie ein Südafrikaner. Der will "the world’s weirdest day trip" machen, wie der Reiseführer "Lonely Planet" schreibt.

Andere kritisieren den Katastrophentourismus. "Die Menschen gieren nach immer neuen starken Eindrücken", meint etwa die Weißrussin Svetlana Alexijewitsch. Die Autorin hat jahrelang Augenzeugen interviewt, ihre Berichte sind so bestürzend, dass man das Buch "Chronik der Zukunft" weglegt und aus dem Fenster blickt.

Pilze und Äpfel am Straßenrand

Auf der Fahrt in Richtung Norden werden die Straßen immer schmaler, man sieht weite Wälder und einfache Häuser. Ein alter, hellblauer Lada macht bereitwillig Platz, über die Felder zuckeln Pferdewägen. Am Wegrand stehen dickeingepackte Frauen mit Kopftüchern und bieten Pilze und Obst an. "Habt ihr gesehen, wie groß die Äpfel waren", witzelt der kleine Norweger und spricht aus, was viele denken.

Um halb elf ist der Name Tschernobyl auf einem Straßenschild zu lesen, wenig später beginnt die 30 Kilometer große Sperrzone. "Kontrollpunkt Disjatki" steht auf einem Schild, der Bus stoppt vor dem Schlagbaum.

Lesen Sie auf der nächsten Seite, wieso die Welse in der Sperrzone so riesig sind.

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