Fünf Jahre nach dem ersten Start von Ryanair in Deutschland weiten die Billigflieger ihr Angebot auf klassische Reiseziele aus.
Das Flugzeug, das eine neue Ära im deutschen Luftverkehr einleitete, landete am 22. April 1999 an einem Ort, der bis dahin weitgehend unbekannt war: Hahn im Hunsrück. Um 9.12 Uhr setzte die Boeing 737-230 mit der Flugnummer SA752 auf dem alten Militärflughafen der US-Luftwaffe auf, keine Dreiviertelstunde später befand sich der Flieger als SA753 auf dem Rückweg nach London-Stansted. Die Ryanair-Maschine mit dem Registrierungscode EI-CNW markierte den Anfang eines Wandels in der Luftfahrt über Deutschland: Mehr als eineinhalb Jahrzehnte lang war sie zuvor als D-ABHC unterwegs gewesen - für die Lufthansa.
Flut von Anbietern
Fünf Jahre später hat sich das Angebot an Flügen dramatisch verändert. Neben der irischen Gesellschaft Ryanair starten Dutzende Billigflieger von deutschen Flughäfen aus, die bekanntesten deutschen Gesellschaften sind Germanwings, Hapag Lloyd Express, Germania und Air Berlin. Keineswegs als Billiganbieter gestartet, hat auch die Deutsche BA ihr Angebot mittlerweile auf Discountflüge umgestellt.
Durch eine Reihe von Sparmaßnahmen senken die so genannten No-Frills-Airlines ihre Kosten im Vergleich zu Linienfluggesellschaften um bis zu zwei Drittel. Die Maschinen sind produktiver, weil sie durch engere Sitzabstände mehr Passagiere transportieren und nur kurze Zeit auf dem Boden bleiben.
Auch vereinfachte Check-in-Verfahren, Bordverpflegung gegen Barzahlung oder der Ticketvertrieb übers Internet erlauben es den Billigfliegern, ihre Flugscheine günstiger zu verkaufen als die Konkurrenz. Zudem haben die Discounter begonnen, Sitze in ihre Maschinen einzubauen, die nicht mehr verstellbar sind, und deren Wartung deshalb weniger kostet. Auch auf Taschen in den Vordersitzen wollen Gesellschaften wie Ryanair künftig verzichten - und so Reinigungskosten sparen.
"Mangelnde innerbetriebliche Sicherheitskultur"
Dass sie auch an der Sicherheit sparen, bestreiten die Fluggesellschaften. Auch die Pilotenvereinigung Cockpit bestätigt, dass alle Billigflieger den gesetzlichen Anforderungen gerecht würden. "Doch die bloße Erfüllung der Mindeststandards reicht nicht aus", sagt Cockpit-Sprecher Markus Kirschneck. Entscheidend sei die innerbetriebliche Sicherheitskultur - und um die sei es etwa bei Germania und Air Berlin schlecht bestellt. Auch Ryanair und Easyjet, die größten europäischen Billigfluggesellschaften, widmeten dem Thema nicht genug Aufmerksamkeit, so Kirschneck. Als positive Ausnahmen sieht Kirschneck hingegen Hapag Lloyd Express und Germanwings.
Etwa 50 Low-Cost-Carrier sind derzeit in Europa unterwegs. Anfangs steuerten die Billigflieger vor allem Regionalflughäfen wie Hahn an, Orte wie Alghero in Italien oder Montpellier in Frankreich, die bis dahin auf touristischen Landkarten nicht verzeichnet waren. Inzwischen zählen aber auch Ballungsräume und immer mehr klassische Urlaubsorte am Mittelmeer zu den Hauptzielen der Discounter.
Bezahlte Flugziele
Für die angeflogenen Regionen, zumal für die eigentlich wenig attraktiven, ist die günstige Anbindung eine wichtige Bedingung für touristischen Erfolg. Weil die Fluggesellschaften dies wissen, lassen sie die Regionen dafür auch zahlen: So verpflichtete sich kürzlich der lokale Hotelverband in Danzig, den Billigflieger Air Polonia mit Zuschüssen zu unterstützen, damit dieser die Stadt in ihren Flugplan aufnahm. Anderswo subventionieren einzelne Flughäfen Billigflieger unter dem Titel der Wirtschaftsförderung: Sie senken ihre Gebühren oder betreiben Werbung für die Gesellschaften.
Dass solche Beihilfen rechtswidrig sein können, zeigte jüngst der Fall des belgischen Flughafens Charleroi. Die EU-Kommission verpflichtete Ryanair zur Teilrückzahlung von Zuwendungen der Regionalregierung Walloniens. Die Kommission will nun die Subventionierung generell einschränken, was das Geschäftsmodell der irischen Gesellschaft bedroht, das besonders auf Zuschüsse gründet.
Zusammenarbeit mit Reiseveranstaltern
Unterstützung erfahren die Billigflieger indes zunehmend von Reiseveranstaltern, die mit ihnen kooperieren. Die TUI lässt Pauschalurlauber seit Anfang des Jahres mit dem hauseigenen Hapag Lloyd Express fliegen, Germanwings nimmt Kunden von "Neckermann Preisknüller" mit nach Mallorca. Als erster großer Veranstalter hatte ausgerechnet der Studienreiseanbieter Studiosus bereits im vergangenen Jahr wahlweise Low-Cost-Flüge angeboten.
Auch ein hohes Einkommen widerspreche keineswegs mehr dem Wunsch, günstig zu fliegen, urteilte Studiosus-Geschäftsführer Peter-Mario Kubsch seinerzeit. Ähnlich sieht das Michael Garvens, Chef des Flughafens Köln / Bonn: "Es gibt Leute, die für 19 Euro nach Rom fliegen und dort im Fünf-Sterne-Hotel logieren."
"Kein Konsulat an jedem Flughafen"
Dennoch hat Wolfgang Mössinger, Tourismusexperte des Auswärtigen Amts, einen ganz anderen Schlag Reisender als Kern-Klientel der Billigflieger ausgemacht: "Durch ihre Angebote fliegen viele Menschen, die früher nicht gereist sind, und denen deswegen die Erfahrung fehlt." Immer wieder strandeten solche Fluggäste an einem ausländischen Regional-Airport, wüssten nicht mehr weiter und wunderten sich dann, "dass nicht an jedem Flughafen ein Konsulat steht".
Vor bösen Überraschungen sind auch Käufer von Ferienimmobilien nicht gefeit, wenn sie sich bei der Wahl ihres Urlaubsdomizils an Low-Cost-Verbindungen orientieren. Das geschehe immer häufiger, hat die Deutsche Schutzvereinigung Auslandsimmobilien (DSA) beobachtet. Dabei sei langfristig auf die No-Frills-Airlines kein Verlass, warnt der DSA-Vorsitzende Peter Schöllhorn: "Es hat auch schon Ziele - etwa Perpignan in Südfrankreich - gegeben, die die Billig-Fluglinien sehr schnell wieder aufgegeben haben."
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