6. Dezember 2012 10:03 "Pilcherland" Cornwall in England Das Paradies liegt woanders

Jedes Jahr reisen eine Viertelmillion Deutsche nach Cornwall, auf der Suche nach der atemberaubenden Landschaft aus dem Fernsehprogramm. Tatsächlich sind die Zustände in Englands Südwesten aber alles andere als paradiesisch.

Von Lena Jakat

Soll ich mich mit dem Rennfahrer einlassen, der mich vermutlich mit meiner eigenen Tochter betrügt? Oder wäre es besser, mich auf die Karriere als erfolgreiche Winzerin zu konzentrieren? Hannah Powell sucht die Antwort auf diese Fragen, sie sucht sie im Angesicht der rauen, schönen Landschaft ihrer Heimat Cornwall. Und weil die schöne junge Frau die Hauptfigur eines Rosamunde-Pilcher-Films ist, entscheidet sie sich am Ende natürlich für: die Liebe.

Die Benson Valley Winery aus "Englischer Wein" heißt eigentlich Pencarrow House und gehört der bezaubernd exzentrischen Lady Molesworth-St Aubyn. Rebhühner streifen über die regennassen Wiesen neben der Personalauffahrt. Auf dem Sims vor dem Küchenfenster sitzen prächtige Pfauen und heben den Kopf, wenn die Dame des Hauses drinnen pfeift. Eine halbe Stunde Autofahrt entfernt, vorbei an Gebrauchtwagenhändlern und einem Schrottplatz, sitzt Lucy Meredith in einem Lagerschuppen. In Metallregalen stapeln sich Baked-Beans-Konserven, Nudeln und Gläser mit Pastasauce. Auch das ist Cornwall.

Der Raum gehört der Launceston Foodbank, einer Wohltätigkeitsorganisation vergleichbar mit den gemeinnützigen Tafeln in Deutschland. "Soll ich Heizöl kaufen und den Kindern ein warmes, gemütliches Weihnachtsfest bieten? Oder soll ich losgehen und Geschenke kaufen?", überlegt sie. "Um ehrlich zu sein - ich weiß nicht, was ich machen soll!" Weil die junge Frau im realen Cornwall lebt, gibt es auf diese Frage keine einfache Antwort. Und es gibt auch keinen attraktiven Erben, der ihr die Entscheidung abnehmen könnte.

Sondermittel aus dem Sozialfonds der EU

Seit 1993 zeigt das ZDF sonntagabends regelmäßig Filme nach der Vorlage von Pilchers Romanen und Erzählungen. Mit großem Erfolg, bis zu sieben Millionen Menschen sitzen dann vorm Fernseher. Cornwall ist für viele Deutsche so zum Sehnsuchtsziel geworden: wilde Natur, pittoreske Fischerdörfer und attraktive Menschen, die in offenen Oldtimern herumknattern.

In Großbritannien wird die Region nicht selten in einem Atemzug mit Rumänien und Bulgarien genannt. Denn wie die früheren Ostblockstaaten, so erhält auch Cornwall Sondermittel aus dem Sozialfonds der EU - als einziges County in England. Der Durchschnittslohn liegt 17 Prozent unter dem im Rest des Landes, die Lebenshaltungskosten aber sind kaum niedriger als im 400 Kilometer entfernten London.

In Launceston, 7000 Einwohner, eine Burgruine, zehn Pubs, summt im Schuppen der Foodbank ein elektrischer Heizlüfter gegen die feuchte Kälte an. Meredith kostet die Mindestabnahmemenge Öl umgerechnet 370 Euro - Geld, das der Sozialhilfeempfängerin anderswo fehlt. Ein Drittel der Menschen in Cornwall leben in sogenannter "Heizölarmut", das heißt, sie geben mehr als zehn Prozent ihres Einkommens dafür aus, zu Hause nicht frieren zu müssen. Die Gegend ist dünn besiedelt, Anschlüsse an Gasleitungen oder Fernwärme sind selten. Und die Energiepreise steigen.

Merediths Töchter sind 14 und acht Jahre alt, der Sohn ist knapp drei. Nur zu einem der drei Väter ihrer Kinder hat die 30-Jährige noch Kontakt, die Unterhaltszahlungen kommen unregelmäßig, wenn überhaupt. Die Tafel versorgt sie und ihre Kinder mit Lebensmittelpaketen, wenn die Bankzinsen mal wieder das letzte Geld gefressen haben. "Jeder hier muss kämpfen", sagt Lucy Meredith, "egal, ob er Arbeit hat oder nicht."

"Wenn man Geld hat, ist Cornwall bezaubernd"

Die Straßen von Newquay fallen zu einer kleinen Bucht hin ab. Unten säumt ein Sandstrand in verschwenderischer Breite das Ufer. Ein halbes Dutzend Pilcher-Filme wurde in dem Ferienort gedreht, von "Gefährliche Brandung" bis "Verlobt, verliebt, verwirrt". Hinter den pompösen Neubau eines Surfshops duckt sich die Bücherei. Jeden Dienstag sperrt Jim McKenzie dort die Tür zu seinem winzigen Büro im ersten Stock auf. Hierher, in die Zweigstelle von Citizen Advice, kommen Menschen mit Beziehungsärger, mit rechtlichen Fragen oder weil sie Schwierigkeiten haben, Anträge auszufüllen. Vor allem aber kommen sie, weil sie Schulden haben. 15.000 Euro im Schnitt, anderthalbmal so viel wie im Rest des Landes. "Wenn man Geld hat, ist Cornwall bezaubernd", sagt McKenzie. "Aber nicht alle haben welches."

Er spricht von "Flecken regelrechten Überflusses" und "versteckter Armut": Londoner mit luxuriösen Ferienhäusern leben direkt neben Familien in heruntergekommenen Wohnungen. Ein großer Anteil von Zweitwohnsitzen, 60 Prozent in manchen Dörfern, ist die Ursache für leere Straßen und astronomische Immobilienpreise. Hinzu kommt, dass weite Flächen Cornwalls als Naturschutzgebiet ausgewiesen sind. Jobs sind im Südwesten Englands rar. Aus den traditionellen Industriezweigen Landwirtschaft, Fischerei und Bergbau ist kaum noch ein Penny rauszuquetschen.

"Die Dreharbeiten bringen sehr viel Geld hierher, sorgen für volle Hotels, volle Restaurants, und sie verschaffen den Leuten Arbeit, als Statisten oder als Handwerker", sagt Peter Prideaux-Brune. Der Mann im eleganten Nadelstreifenanzug dürfte von der Pilcher-Reihe profitiert haben wie kaum ein Zweiter. 16 Episoden wurden auf dem Gelände seines 81-Zimmer-Anwesens bereits gedreht. Prideaux Place, ein klobiges Herrenhaus in den Hügeln von Padstow, fungierte schon als Gin-Destillerie, als Luxushotel und als Familiensitz der Tee-Dynastie Shiplay.

Peter Prideaux-Brune, Besitzer eines 81-Zimmer-Anwesens, das Pilcher-Fans schon sehr oft gesehen haben.

(Foto: Jakat)

"Ein Haus wie dieses muss sich seinen Lebensunterhalt verdienen", sagt der pensionierte Anwalt, der in den Filmen stets als Komparse auftaucht. Ein ovales Schlafzimmer im ersten Stock, lindgrün und mit Stuckborte unter der Decke, nennen auch die englischen Bewohner den "Großmutter-Raum". "Das ist immer der Raum, wo die Oma stirbt, ihr Testament ändert, oder dem Erben erklärt, dass er ein uneheliches Kind ist", sagt Prideaux-Brune.

Doch die Wirkung von Rosamunde Pilcher reicht weit über die Mauern von Prideaux Place hinaus. Sommer für Sommer kommen mehr als 200.000 Deutsche in die Region, ein Drittel aller internationalen Besucher. Sie kommen in Reisebussen, die sich auf Landstraßen durch sumpfige Wiesen fräsen. Prideaux Place allein empfängt mehr als 10.000 deutsche Gäste - Pilcher-Zuschauerinnen und ihre Ehemänner. "Wer sich über die Dreharbeiten beschwert, ist sehr töricht, weil diese Leute nicht verstehen, dass ebendies Cornwall am Leben hält", sagt der Hausherr. Tatsächlich ist der Tourismus einer der wenigen erfolgreichen Wirtschaftszweige, er macht 20 Prozent des regionalen Bruttoinlandsprodukts aus. Jeder Vierte arbeitet in der Branche. Rosamunde Pilcher und Claus Beling, der ZDF-Redakteur, der die Pilcher-Reihe einst erfand, wurden 2002 für ihre Verdienste mit dem British Tourism Award ausgezeichnet.

"Ich habe viele Leute in die Region geholt", sagt Rosamunde Pilcher am Telefon. Seit ihrer Hochzeit 1946 lebt die 88-Jährige bei Dundee in Schottland, kommt aber jedes Jahr nach Cornwall zurück. "Dass sich ein derartiger Pilcher-Tourismus entwickelt, damit hätte ich nicht gerechnet, aber ich freue mich darüber. Es hat einen positiven Effekt auf die örtliche Wirtschaft - auch wenn diese Leute nicht unbedingt zu den mondänsten Kreisen gehören mögen." Selbst wenn sie es so nicht sagt, sie klingt ein bisschen, als fühle sie sich von der britischen Öffentlichkeit missverstanden, als müsse sie sich rechtfertigen. Denn so bekannt ihr Name in Deutschland ist, so ratlos reagieren manche Briten bei der Erwähnung der Schriftstellerin.

Im Schuppen der Foodbank von Launceston nimmt Lucy Meredith einen Schluck aus einer Cola-light-Flasche. "Ich könnte eigentlich auch mal ein Buch über mein Leben schreiben, bei allem, was ich erlebt habe", sagt sie lachend. "Einen Besteller, das wär's. Auf einen Schlag berühmt, bang, einfach so." Ein Leben ohne Sorge. Wie in einem Pilcher-Film.