8. Februar 2013 10:53 Karneval in Rio Wenn Zapfhähne die Hüften schwingen

Von Peter Burghardt

Beim Karneval in Rio sind in diesem Jahr auch Würste, Beethoven und Tortenstücke zu erwarten. Die Unidos da Tijuca, eine der erfolgreichsten Sambagruppen, tritt unter dem Motto "Deutschland" auf. Zu Besuch bei den Proben.

Er geht als Bier, deutsches Bier. Airan Poelking hat keine Ahnung, was das genau bedeutet, die Klamotten für die große Parade sind an diesem Abend noch geheim. Auch kennt der junge Brasilianer Deutschland kaum, obwohl seine Vorfahren von dort kamen. Man hört in Rio de Janeiro nur, dass Deutsche ihr Bier lauwarm trinken.

Jedenfalls nicht so kalt wie im heißen Brasilien, wo Bier "gelada" ist, also noch eisiger als deutscher Winter. Es heißt außerdem, dass deutsche Biertrinker manchmal im Sitzen pinkeln würden, solche Witze erzählt man sich hier. Egal, Airan Poelking wird am Samstag in der Ala Cerveja der Sambatruppe Unidos da Tijuca auflaufen, im Bier-Flügel. Fünfter Sektor, zwischen Schokolade und Immigranten, vermutlich verkleidet als Zapfhahn.

80.000 Zuschauer im Sambadrom des Architekten Oscar Niemeyer werden dabei sein und Millionen vor den Fernsehern, TV Globo überträgt live. Außer vielleicht dem Finale einer Fußball-WM gibt es in Brasilien nichts Größeres als den Wettkampf der zwölf besten Sambaschulen von Rio, und die Unidos da Tijuca sind der Titelverteidiger. 2012 (und 2010) haben sie gewonnen, zuletzt mit dem Motto "Pernambuco", das ist ein armer und aufstrebender Bundesstaat im Nordosten Brasiliens. Diesmal ist Deutschland das Thema. Mit schillernden Karossen und Kostümen werden sie antreten, es wird eine gewaltige Show von 80 Minuten Dauer. Am Ende aller Vorführungen entscheidet eine Jury, wer gewinnt. Jetzt wird nur geübt.

Es ist heiß, die Nacht riecht nach Schweiß und Fleischspießen, Caipirinha und Bier. Also nach Carnaval, Car-na-va-u ausgesprochen. Das Fest beginnt ja immer schon vor dem eigentlichen Termin. 4000 Sänger, Tänzer und Trommler der Unidos da Tijuca schieben sich bei der Probe durch eine modrige Straße von Rio, Profis und Laien. Sie tragen bunte Übungstrikots mit dem Titel des Liedes, das bis zur Ekstase gesungen und getrommelt wird: "Desceu num raio, é trovada! O deus Thor pede passagem para mostrar nessa viagem a Alemanha encantada." Er ging in einem Blitz nieder, er ist ein Gewitter. Der Gott Thor bittet um Durchlass, um auf dieser Reise das zauberhafte Deutschland zu zeigen. "Brasil e Alemanha unidos", singen sie im Rhythmus der Samba. "Brasilien und Deutschland vereint."

Zauberhaftes Deutschland, vereint mit Brasilien. Klingt nach Bruderschaft. Und Ehre. Alemanha als Attraktion des Karnevals von Rio! Deutsche gelten ja sonst eher als hüftsteif, und ihr Fasching ist durchschnittlichen Brasilianern so fremd wie ein Skianorak. Alaaf, helau, jetzt schmeckt das Bier auch meiner Frau! Zwei gegensätzliche Länder sollten sich einander öffnen mit diesem Spektakel. Aber dann besucht man Bruno Tenório, und er sagt: "Die deutschen Unternehmen verstehen uns nicht. Die sind so unflexibel."

Tenório sitzt in seinem riesigen, gekühlten Büro, mit Pokalen und vergoldeten Urkunden. Er leitet die PR der Unidos da Tijuca, gegründet 1931, dem Stolz des Viertels Tijuca. Ihr Hauptquartier liegt in der Cidade de Samba, der Sambastadt an Rios Hafen. In Hallen so groß wie Flugzeughangars werden hier seit Monaten Kleider genäht und Symbole geschweißt, gesägt, gebastelt. Feen, Playmobil, Tortenstücke, Märchenwald, Autos, Raketen, Bier, manche haushoch. Viele Figuren sind verdeckt, Fotos sind nur ausschnittsweise erlaubt. Wegen Spionen der Konkurrenz.

Chris ist als deutscher Trommler bei Unidos da Tijuca dabei. Seine Frau sollte als Schwarzwälder Kirschtorte mittanzen, ist aber zu klein.

(Foto: dpa)

Es ist ein Aufwand wie beim Cirque de Soleil und dementsprechend teuer. Zwölf Millionen Reáis kostet die Aufführung, 4,4 Millionen Euro. Goethe-Institut und deutsches Konsulat brachten die Unidos da Tijuca auf die Idee, Deutschland sollte bei dieser größten Party der Welt glänzen. In der WM- und Olympiastadt Rio, im ansonsten belanglosen brasilianischen Jahr 2013. Manche der 1300 deutschen Firmen im boomenden Brasilien würden sich bestimmt im Scheinwerferlicht sonnen wollen, die Aussicht gefiel dem Tijuca- Chef José Fernando Horta, einem brummigen Portugiesen. Eine Percussion-Sitzung fand zur Vorbereitung in einer vollgestopften Tijuca-Anlage nach Art eines Oktoberfest-Zeltes statt. Doch es fanden sich nur vier Sponsoren, das meiste Geld geben Franzosen. Tenório klagt: "Wir sind im Minus."

Deutsche Geldgeber hatten offenbar Angst vor nackter Haut. "Karneval ist für die meisten doch Busen und Hintern", ahnt Sergio Silva, ein Helfer von Unidos da Tijuca. Rio steht im Ruf des Sündenbabels, außerdem wurden manche Sambaschulen mit Glücksspiel und Geldwäsche in Verbindung gebracht. Aber das geht am Kern vorbei: "Das hier ist Fest, Kunst und Theater", sagt Tenório, "und wir haben das Image des Siegers." Flaggenträgerin ist das Telenovela-Model Juliana Alves und Choreograph der in Brasilien berühmte Paulo Barros, ein sogenannter Carnavalesco.

Man flog nach Köln und Berlin, sammelte Anregungen und studierte die Geschichte. Das Programm beginnt mit Mythologie, mit Walküren, Elfen, Gnomen und Drachen. Einen Drachen stellt laut Tenório der deutsche Konsul in Rio dar, dessen persönlicher Einsatz habe das Konzept gerettet. Auf Wagner wurde verzichtet, damit keiner an die Nazis denkt. Das mit dem Donnergott Thor wiederum stammt aus einem Film, den die fernsehfreudigen Brasilianer kennen. Es folgen Motive wie Brecht, Beethoven, Goethe, Franz Marc, Marlene Dietrich, Fritz Langs Metropolis, Gebrüder Grimm, Bremer Stadtmusikanten, Playmobil. "Ich wusste selbst nicht, dass Playmobil deutsch ist", sagt Delfim Rodrigues, einer der Designer. Und Schneewittchen hielt man in Brasilien zuvor für eine Erfindung von Walt Disney.

Später treten zum Beispiel auf: Zeppelin, grüne Energie, Röntgen und das Auto, natürlich ein Fusca, wie der VW-Käfer in Brasilien heißt. Zum Schluss, Abteilung Gastronomie, erscheinen unter anderem Würstchen und Bier. "Iss mehr Huhn", steht auf einem Schwein. "Nachher werden die Leute mehr über Deutschland wissen", verspricht Bruno Tenório. "Wir wollen Klischees brechen." Bestätigt wurde allerdings das Klischee steifer Unternehmer, eifersüchtiger Diplomaten und ängstlicher Bürokraten aus Alemanha.

Immerhin trommelt ein richtiger Rheinländer mit. Chris Quade Couto, 31, spielt Tamburin und leitet in Köln eine Sambaschule. Bei den Unidos da Tijuca macht der lange Deutsche seit Jahren mit, seine Frau kommt aus Rio. Sie sollte als Schwarzwälder Kirschtorte mittanzen, ist aber zu klein: Ihr Kopf schaut nicht aus der Form, und da müsste die Kirsche drauf.