7. Februar 2013 14:32 Karneval auf den Kanaren Feiern bis die Sardine brennt

Faune, Feen, Freaks: Zum Karneval explodiert die kanarische Lebenslust. Dann ist Gran Canaria Lichtjahre entfernt vom routinierten Ferienbetrieb. Doch nur wenige Touristen wissen davon.

Von Sven Weniger

Die Musik schwillt an. Drüben, am anderen Ende des Parkplatzes, fährt irgendjemand die Phonzahl hoch. Der Generator summt. Ein paar kostümierte Nachzügler nähern sich im fahlen Licht der Straßenlaternen. Clowns prügeln auf ihre Trommeln ein. Mädchen mit Federboas lassen die Hüften kreisen. Ein halb nackter Steinzeittrupp schwingt seine Keulen. Atem steigt wie Nebel auf. Es ist kurz nach 22 Uhr im Ort Agüimes, eine Februarnacht in den Bergen Gran Canarias bei 13 Grad Celsius.

Kein Problem, María reicht den Rotwein herum, Elena erst die Tortilla, dann den Zimtkuchen. Efi prüft die Carroza, den Umzugswagen, auf dem ein riesiges Pappmasché-Schwein auf einem Podest sitzt, fett, grinsend und sichtlich zufrieden - sein Werk. Gelächter, Zurufe. Elena zieht uns allen das Make-up nach. Das ganze Jahr über haben meine Freunde und Nachbarn auf diesen Tag hingearbeitet, haben in ihrer Freizeit genäht, geklebt, geschraubt und montiert für diesen Moment. Sie haben es mir nachgesehen, dass ich selten hier war, weniger geholfen habe. Ich gehöre zum Dorf, zu ihnen, seit ich hier wohne, auch wenn ich oft unterwegs bin.

Daher bin ich jetzt ein Clown wie sie, mit blaugelben Augen, weißem Kinn und Wangen, bunten Girlanden am Zylinder. Die ersten der zwei Dutzend anderen Wagen setzen sich in Bewegung. Die Menge beginnt zu brodeln. Auch wir rollen los. Heute ist die Nacht der Nächte, und niemand spürt die Kälte - weder Teufel noch Transvestiten, Hexen oder Cowboys. Denn heute ist Karneval.

Einmal im Jahr vergessen die Canarios alle Konventionen: was gut und anständig ist, was frivol und unmoralisch. Auch Efi Hidalgo, Verwalter eines Ferienkomplexes im Süden, die Lehrerin María, seine Frau, die Studentin Elena Sánchez und all die anderen. Einmal so sein, wie man es sich im Alltag nie trauen würde, offen oder hinter Maske und Schminke. Sich verkleiden, sich gehen lassen, trinken, tanzen, über die Stränge schlagen. Spaß haben bis zum nächsten Morgen und dann wieder und wieder - drei Wochen lang. Und jeder macht mit, ob acht oder 80 Jahre alt.

Die Cabalgata, unser gut 300 Meter langer Festzug, schiebt sich nun die Hauptstraße hinab; grell bepinselte Lieferwagen, Musikboxen im Fond, Türen weit offen, um kein Dezibel zu vergeuden; dann die Carrozas. Dahinter schwitzende Trommler zu Fuß, wippende Pulks aus Tänzern und Sängern, quietschbunt gestylt wie ein Fernsehtestbild. Ein Traktor zieht eine rollende Diskothek ins taghelle Licht. Hier auf der Hauptstraße stehen die Scheinwerfer des lokalen Fernsehens, das live überträgt. Hier wollen wir gut aussehen, tänzeln in Salsaschritten. Auf beiden Seiten drängen sich die Zuschauer. Man sieht sich, erkennt sich erst bei genauem Hinsehen, macht Witze. Wir prosten uns zu, werfen Kindern Bonbons zu. Auch diesmal haben sich Efi und seine Freunde wieder reingehängt. Denn der beste Festwagen wird prämiert.

"Jedes Jahr gibt es ein Karnevalsmotto", erklärt er, "zu diesem müssen sich alle etwas einfallen lassen. Diesmal heißt es ,Die Natur ist weise'. Deshalb das Schwein auf dem Sockel." Natürlich war unsere Interpretation bis zum Umzug streng geheim. Den Wagen hat niemand vorher gesehen, der nicht zu uns gehört. Wir wollen ja gewinnen. Die Chancen stehen gut. In Agüimes ist man nämlich immer auch bemüht, Ingenio auf den Arm zu nehmen. Seit ewigen Zeiten herrscht Rivalität mit der Nachbargemeinde, deren Einwohner bei uns nur Cochineros, Schweinetreiber, heißen, weil dort früher ein großer Sauenmarkt war. Da machen wir mit unserem Tier bestimmt Extrapunkte.

Im Santa Catalina Park in Las Palmas steht zur selben Zeit eine riesige Bühne, gegenüber eine bestuhlte Tribüne wie beim Pferderennen. Palmen wiegen sich in der Meeresbrise auf dem weitläufigen Platz. Es ist ein lauer Frühlingsabend. Hinter den Kulissen sind die Mädchen nervös. Nicht, dass sie viel zu tun hätten. Nur einmal einen Aufbau von Kostüm über die Bühne tragen, das sie weder erdacht noch gemacht oder bezahlt haben. Eigentlich keine große Sache, in fünf Minuten erledigt.

Aber schließlich wollen alle Reina del Carnaval werden, Karnevalskönigin. Ein kurzer Ruhm, Fotos in allen Zeitungen, Interviews, Repräsentation, mit Glück gar einen Model-Vertrag bei der Kaufhauskette El Corte Inglés. Diese Chance bekommen sie nur heute und dann nie wieder. Nun stehen sie eingekeilt zwischen Leitern und Stühlen, auf denen Helfer mit Klammern, Heftpflastern und Nadeln an ihnen herumfummeln. Sie funkeln wie Diamantminen und halten prächtige Masken in den Händen. "Großer Maskenball" ist das Thema dieses Karnevals in Gran Canarias Hauptstadt.

Die Sponsoren, von Internetseiten bis zu Spielzeugherstellern, haben mit Strass nicht gespart. Gut 15.000 Euro kostet jedes Kostüm, breit wie ein Scheunentor und schwer wie ein Geldschrank. Das wird später, nach dem Defilee vor Kameras und Publikum, prämiert, nicht die Schönheit der Trägerinnen. Wird das alles halten? Dann geht das Tor auf, und die Mädchen treten eine nach der anderen durch die Laserlicht-Spirale auf die Bühne, ins Feuer der gut eine Million Watt starken Lichtanlage. Die Leute jubeln.

Agüimes mit seinen 6000 Einwohnern ist traditionell das Herz des ländlichen Karnevals auf den Kanaren. Nur hier feierte man, obwohl es verbotenwar, sogar unter Franco, während überall in Spanien Friedhofsruhe herrschte. Ein kleines Dorf gegen den bigotten Diktator - Asterix español, darauf ist Agüimes heute noch stolz. Jeder kann sich einreihen in den Zug oder daraus verschwinden, um irgendwo mit Freunden zu feiern. Noch immer ist das meiste Improvisation. Manche Pappmasché gewordene Idee erweist sich als instabil, besonders, als wir in die steilen Gassen im Ortskern einbiegen, dort, wo es eng und dunkel ist.

Ein Wagen wurde zu breit gebaut, ein Aufbau ist zu hoch und stößt nun gegen ein Kabel zwischen den Häusern. Der Zug stockt. Helfer springen herbei, Leute lehnen in den Türen, Bässe lassen Scheiben zittern. Der Marktplatz mit den riesigen Lorbeerbäumen ist zum Bersten voll. Der Bürgermeister hält die Eröffnungsrede, doch kaum einer hört zu. Alle wollen nur feiern. Die Latinoband auf der Plaza dreht die Verstärker auf. Wir haben uns warmgetanzt. Es ist gleich Mitternacht, die große Sause kann beginnen. Es wird spät werden.

Karneval in Las Palmas, das ist Inszenierung total. Zweitausend Zuschauer haben Eintrittskarten bekommen, um sich von diesem Entertainment beeindrucken zu lassen. Die meisten jedoch drängen sich hinter den Absperrgittern und folgen dem Spektakel im Stehen. Spaßmacher tragen politische Spottlieder vor. Die karnevalistischen Botschafter kommen aus allen Ecken Gran Canarias und haben monatelang an Texten und Choreografien gefeilt. Auch andere Inseln schicken ihre besten Clowns. Manche kommen gar aus Venezuela oder Kuba, wo viele Canarios in x-ter Generation leben, nachdem ihre Vorväter die einst bitterarme Heimat verließen. Nach zwei Stunden ist die Show vorbei.

Der Pflicht ist Genüge getan, die neue Königin in Amt und Würden. Draußen kommt Leben in die Buden. Menschen drängen durch Grilldunst zu Tapas und Hochprozentigem. Die Plaza Santa Catalina wird zur Open-air-Disco. Einige ziehen zum nahen Las-Canteras-Strand, andere nehmen noch ein paar Drinks. Die Bars haben bis zum Morgengrauen geöffnet. Familien schieben Kinderwagen nach Hause. Die erste Schlacht ist geschlagen.

Wenige Urlauber auf Gran Canaria wissen, dass unter ihren Augen und doch Lichtjahre entfernt vom routinierten Ferienbetrieb an der Küste einmal im Jahr kanarische Lebenslust explodiert. Dabei kann jeder dabei sein, mit und ohne Pappnase. Bei der Wahl der Drag Queen zum Beispiel, die in Las Palmas und auch in Playa del Inglés ein paar Tage später stattfindet. Auf grotesk hohen, schwankenden Plateausohlen schreiten die Schönen der Nacht zur Wahl ihrer Königin auf die Bühne.

Faune, Feen, Freaks - elegante Traumgestalten, deren Exotik sich niemand entziehen kann. Oder bei der Gran Cabalgata in Las Palmas, die dieses Jahr von der Innenstadt zur Halbinsel La Isleta führt. Den "großen Umzug", der sich im Schritttempo über sechs Stunden hinzieht, begleiten 200.000 Menschen. Auch Scharen verkleideter Kinder bestaunen die Festwagen. Die Kleinen haben sogar ihre eigene Königin, ihren eigenen Umzug. Jeder kann mitlaufen, auch Feriengäste sind willkommen.

"Wir Canarios freuen uns, wenn wir hier auch Touristen beim Karneval treffen", versichert Efi. Wer sich unter die Tanzenden auf dem Platz vor der Kirche von Agüimes mischt, wird schnell Teil dieser Ausgelassenheit. Erst am frühen Morgen des Sonntags bringen wir unsere Carroza zurück. Alle sind müde. Nur das Schwein hoch oben auf seinem Podest sieht nach wie vor taufrisch aus. Einmal noch werden wir es hervorholen und durch die Straßen fahren, zum Entierro de la Sardina.

Das traurig-komische Ende des Karnevals kommt als "Begräbnis der Sardine" daher. Warum, stellvertretend für die tollen Tage, ausgerechnet ein Fisch zu Grabe getragen wird, weiß niemand so recht. Silbrig, aufgetakelt mit Krönchen und rotem Schmollmund, eine Kreuzung aus Miss Piggy und Meernixe, blickt sie herab von ihrer Carroza, ein Pappkamerad im Wal-Format. Auf einem Karren ziehen sie die Sardine dann hinter den Umzugswagen her - durch Agüimes, Las Palmas, Playa del Inglés, begleitet von einer greinenden Schar alter Weiber, die, ganz in schwarz und tief gebeugt, lauthals den Tod des Tieres beklagt. Müßig zu sagen, dass auch diese nur als verkleidete Clowns dem Karneval sein letztes närrisches Geleit geben.

In Maspalomas wird die Sardine über den Strand geschleppt. In Las Palmas geht der Fisch am Meer in Flammen auf. In Agüimes setzt man die Sardine vor der Kirche in Brand. Dann werden wir uns noch einmal alle versammeln in Kostüm und Maske, Efi, María, Elena und die anderen. Wie Donnerhall wird es um Mitternacht durch die Menge brausen: "Verbrennt die Sardine! Verbrennt die Sardine!" Dann geht der Fisch inmitten eines Feuerwerks in Rauch auf. Der Karneval ist tot, es lebe der Karneval!

Vulkantourismus auf Teneriffa Mann im Mond