Von Klaus Podak

Taucht unter, ihr Gedanken und sucht euch die passende Lektüre aus: Von Recife auf dem Weg nach Salvador de Bahia gilt es, dem Geheimnis des Meeres auf den Grund zu gehen.

In der Adlon Lounge ist es angenehm kühl. Draußen schreibt die Sonne dem Thermometer 30 Grad auf den Leib. Die Hitze geht unter die Haut. Muss ja, daran kann auch die kurzatmige Brise mit ihren kleinen feinen Windstößen nichts ändern. Durch die Fenster der Lounge sieht man, wie ausgestreckt liegende Menschen ihre Schmerzgrenzen erkunden, weder Brand, noch Übleres fürchtend. Tapfere Kreuzfahrer sie alle, jetzt dem Tagesgestirn unterworfen. Die See bewegt das wenig. Sie murmelt mürrisch, nicht unfreundlich vor sich hin, wie meist in den letzten Tagen und Nächten, ist allein mit sich selbst beschäftigt. Zehn Uhr vormittags. Brasilianische Zeit auf der MS Deutschland, die dem noch weit entfernten Hafen von Salvador de Bahia zustrebt. Am Abend sollen dort die Anker fallen. Erst am übernächsten Morgen werden sie wieder hochgezogen. Das nächste Ziel heißt dann Rio.

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Ruhe in der Adlon-Lounge - die Gedanken gehen auf Tauchgang. (© Foto: Podak)

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Die Adlon Lounge ist ein kleiner Rauchsalon (Zigarren und Pfeifen erlaubt) auf Deck 8, der auch die Bibliothek beherbergt, gar nicht übel ausgesucht die Büchersammlung. Jonathan Franzens erstaunlicher Roman "Korrekturen" mit dem grandios erschreckenden Kreuzfahrtkapitel hat noch keinen Leser, keine Leserin gefunden. (Ein paar Minuten nach diesem Satz war das dicke Buch weg.)

Süchtige, die es überall treiben

Michael Crichtons "Beute" liegt unangetastet im Glasschrank. Goethe, Schiller, Shakespeare - unangerührt bislang. Aber Mankell zum Beispiel. Alle seine Schwedenkrimis sind verschwunden. Und Thomas Mann geht immer. Sie lesen viel, die Bratenden, die schon Gebratenen, die noch Ungebratenen, vor allem, wie auf festem Boden auch, die weiblichen. Einige sogar beim Mittagessen. Süchtige eben, die es wahrscheinlich überall treiben. Meerfahrt um die Welt, südliche Halbkugel. Schon der dreizehnte Tag. Macht nichts. Den 67 der Passagiere, die alles wollen, den vollständigen Weltmeerestrip, die ganzen siebenundvierzigtausendeinundertfünfzehn Kilometer auf dem breiten Salzwassergürtel der Erde, bleiben noch 125 Tage Zukunft auf See und dann und wann auch kurze Stopps in Häfen, meist scheußlichen Container-Ablagestätten.

Während des letzten Satzes ächzte das Schiff Deutschland ein bisschen, wie ein alter Mann auf Stufe zehn, dem das Treppensteigen schwer fällt. Vielleicht war es auch nur Adlons Schwingtür, die das immerhin kommode Schaukeln des gewaltigen Leibs, zu dem sie gehört, einfach nicht ertragen hat. Die für den ungeübten Reisenden neue Geräuschewelt gilt es erst einmal zu entschlüsseln. Wach wie in einem wackelnden Flugzeug haben sich alle wahrnehmenden Nervensysteme in Alarmbereitschaft versetzt, um jede Gefahrenmöglichkeit sofort an den Reaktionsdienst des Körpers weiterzuleiten. Bloß was soll der Bereitschaftsdienst tun? Er verfällt in Unruhe, ohne handeln zu können. Was bleibt, ist die Unruhe selbst. Sie nimmt ab im Laufe der Tage, das ist wahr. Aber im Körperseelenuntergrund lauert sie weiter, immer willens, auf das nächste Zeichen hin ihren Menschen ins Schleudern zu bringen.

Schwimmen auf dem Meer, und sei es auch in so stabilen Hotels wie das Motorschiff Deutschland eines ist, gleicht sehr dem Fliegen. Getragen vom gar nicht so festen Medium Wasser bewegt sich der Schwimmgast in seinem Gehäuse oft tausende von Metern hoch über dem festen Grund der Erde, Meeresboden genannt, der, spinnt man diese Fantasie weiter aus, so endgültig fest wiederum auch nicht ist. O schauerliches Gedankenspiel, das den Fahrenden, weit weg von jeder rettenden Küste, überfallen hat: der Mensch ein verunsichertes Wesen, preisgegeben dem Spiel unsicherer Elemente. Eines davon ist dieses Meer.

"Taucht unter, ihr Gedanken" rufen wir mit Shakespeares Richard III. aus - und sehen jetzt wieder aus den Fenstern der Adlon Lounge hinaus auf das friedliche Wellen produzierende Wasser. Dieses Wasser ist so schön, so dunkelblau, so seelenstärkend heute, dass jede Unruhe verfliegt. Wir machen eine Kreuzfahrt mit, basta, und selbst die leise mitschwimmende Unsicherheit, sonnenbeschienen, hat etwas Wunderbares. Dass unser Meer auch anders kann, wir werden es nicht vergessen.

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