(SZ vom 14.5.2001) - Samstag, 8.30 Uhr. Verdammt früh und ziemlich kühl. 250 Radler warten am Odeonsplatz auf das Startsignal. Die meisten steigen mit einem Bein auf das Pedal, was bei den Rennrädern ein seltsames Geräusch macht: Klick, klick, klick - ein paar hundert Mal. Wolfgang Slama, der Organisator, startet als erster und der Radlerwurm setzt sich in Bewegung. Die Polizei sperrt alle Straßen - weshalb sich ein gesetzestreuer Radler wie ich manchmal richtig zwingen muss, über eine rote Ampel zu fahren. Durch die Innenstadt schlängelt sich der Pulk in die Au, an der Isar entlang. Mein Tacho zeigt zwischen 23 und 28 km/h. Am Giesinger Berg spüre ich zum ersten Mal, dass ich einen Puls habe. Der erste Zwischenstopp ist an der Kugler Alm - die zwei Weißwürste sind wunderbar. Kollege L. hat mir vor der Tour erzählt, das wäre die maximale Entfernung, die er auf dem Weg nach Italien mithalten würde. Wahrscheinlich hat er deshalb sein Fahrrad ganz hinten in die Garage gehängt.
Bild vergrößern
Die erste Etappe führt nach Innsbruck. (© SZ-Grafik)
Anzeige
Samstag, 14 Uhr. Die ersten hundert Kilometer sind geschafft - mehr fahre ich an einem Tag normalerweise nicht. Bloß sind wir von unserem Ziel noch ziemlich weit entfernt: Vom Achensee bis Innsbruck sind es noch 60 Kilometer. Vielleicht fünf Räder vor mir stürzt einer: Ein Ruf, ein Krachen, links sehe ich einen Arm und komme rechts knapp vorbei. Erst die Erleichterung: Immerhin bin ich nicht über ihn drübergeflogen. Dann der Schreck: Was ist ihm passiert? Zurückgehen? Lieber nicht - am Ende rast der nächste Radler in ihn rein. "Der Sanitätswagen fährt hinten nach", sagt einer und radelt weiter. Nach vorne dringt die Nachricht schnell durch, zwei Kilometer später stoppt der Pulk. Ernste Gesichter bei manchen, bei vielen nur wartende Mienen. Die meisten haben das wohl schon öfter erlebt. Ein paar Minuten später ist die Nachricht da: Nicht viel passiert, eine aufgeschrammte Schulter, eine Schürfwunde am Arm.
18 Uhr. Innsbruck. Eine Japanerin fotografiert begeistert die Truppe, die an ihr vorbeisaust. Das Tempo ist immer noch hoch - im Schnitt waren es heute 26 Stundenkilometer. Meine Knie spüre ich auch schon. Wäre ich allein unterwegs, hätte ich garantiert schon in dem wunderbaren Wirtshaus in Rotholz übernachtet. Doch die Gruppe trägt einen weiter: Sie fordert Konzentration, weil man nah beieinander fährt - was das ständige Grübeln, wie weit es noch ist, ausfallen lässt. Und außerdem: Wer will sich denn hier von dem Auto mitnehmen lassen, das verächtlich "Besenwagerl" heißt? Na also. 18.30 Uhr. Im Hotel. Hunger.
Sonntag, 7 Uhr. Ich kann noch gehen. Ich kann noch sitzen. Ich kann die Beine noch bewegen. In den Knien ein leichtes Ziehen, die Augen sind rot. In ein paar Minuten müssen wir den Brenner hoch, auf der alten Römerstraße. Etwa 700 Höhenmeter. Ein leichtes Flimmern im Magen. Klappt das?
New Yorker Bürgermeister will Soft-Drinks verbieten
Träumen, planen, reisen