(SZ vom 15.5.2001) - Sonntag, 9 Uhr. Ein kühler, sonniger Gebirgsmorgen. Seit einer halben Stunde plagen wir uns bergauf. Die Straße hier, die sogenannte Römerstraße von Innsbruck bis Matrei, ist wunderbar: Zwar steil, aber schmal und angepasst an die Landschaft. Sie schmiegt sich an den Hang und gewährt immer wieder Ausblicke auf das Tal. Könnte eine zauberhafte Gegend sein, wenn das Tal nicht zur Transitroute geworden wäre. Unser Tempo ist anfangs noch hoch: 15 Stundenkilometer, dann 13. Irgendwann, als es enorm steil wird, sinkt der Tacho auf 10, schließlich auf 9. Trotzdem eine ambitionierte Geschwindigkeit: Normalerweise bin ich bei solchen Steigungen kaum schneller als ein Fußgänger. Außerdem sieht man bei dieser Langsamkeit endlich mal was von der Welt: ein fantastisches Gebirge, die Gipfel im Schnee vergraben, weiter unten überall Frühling.
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Innsbruck: Startort für die Bergetappe auf den Brenner (© photodisc)
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10.30 Uhr. Die erste Pause. Matrei, 1000 Meter über dem Meer. Die Knie funktionieren noch erstaunlich gut. Bloß gesessen bin ich schon mal besser.
10.45 Uhr. Start zur zweiten Etappe des Tages. Ist das hier eigentlich ein Rennen? Offiziell nicht - es geht nur ums Ankommen. In Wirklichkeit hat die Fahrt natürlich ein bisschen was von einem Wettbewerb: Wer ist an der Spitze dabei, wer ist unter den ersten Zwanzig, die oben ankommen? Die Gruppe ganz vorne ist übrigens meist schweigsam und ernsthaft unterwegs; hier wird hart gearbeitet. Dahinter fahren diejenigen, die auch mal ratschen wollen. Und ganz hinten wird gekämpft: Meter für Meter, Höhenmeter für Höhenmeter.
Die Strecke läuft jetzt auf der Brenner-Bundesstraße. Normalerweise eine schreckliche Route, aber auf dem Weg nach Italien gibt es keine Alternative, die ähnlich wenige Höhenmeter fordert. Und so lange die ADFC-Gruppe mit ihren 250 Teilnehmern unterwegs ist, sperrt die Polizei die Straße für Autos. Hinter Matrei starten wir mit verblüffend schnellen 24 Stundenkilometern - wieder zieht die Gruppe jeden mit. Bloß die letzten 200 steilen Höhenmeter geht's langsamer. Ziemlich genau um 12 Uhr ist der Aufstieg vorbei: Wir sind oben! Stopp am Parkplatz, im Spiegel der Toilette sehe ich ein schweißnasses, rotes, fröhliches Gesicht. 1350 Meter über dem Meer.
13 Uhr, eine schnelle Abfahrt. Die Abstände zwischen den Fahrern sind größer, weil jeder vorsichtiger ist. Jedem, so scheint mir, ist das Risiko der Geschwindigkeit von 40 bis weit über 50 Stundenkilometern klar. Also verhalten sich alle achtsam: Keiner drängelt, alle sind angenehm umsichtig. Eine fantastische Fahrt. Hinter Brixen wirkt manches auf mich ein wenig beängstigend: Die Straße wird flacher, das Treten mühsamer. Also fährt man dichter auf: Der Windschatten lockt. Bloß spüre ich allmählich meine eigene Müdigkeit - und ich vermute, dass es den anderen ähnlich geht. Bei einem Tempo von 35 möchte ich nicht mit irgendwem zusammenkrachen.
17 Uhr. Nach 130 Kilometern empfängt uns der Tourismuschef von Bozen mit zwei Ziehharmonikaspielern, mit Käse und Speck auf dem Waltherplatz. Alpenüberquerung geschafft.
Montag, 7 Uhr. Der Wolf hat mich noch immer nicht heimgesucht. Immerhin hat mich Kollege L. kurz vor der Abfahrt noch über den Begriff aufgeklärt, den man wohl automatisch kennt, wenn man bei der Bundeswehr war: Ein Wolf sei eine schmerzhafte Reizung der Haut. Meine Beine sind müde, die Knie leicht gereizt, seltsamerweise habe ich ein bisschen Halsweh. 175 Kilometer sollen's heute werden. Hoffentlich nicht im "Besenwagerl".
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